Presse

"Suche nach dem schwulen Fußballstar"
(Neue Westfälische, Paderborn, 04.06.2014)


Das Göttinger Boat People Projekt zeigt beim SJC Hövelriege das Stück "Steh Deinen Mann!"

Schwulsein und kicken - das ist trotz des Bekenntnisses von Thomas Hitzlsperger noch immer eine heikle Angelegenheit. Als der Fußball-Nationalspieler im Januar seine Homosexualität öffentlich machte, war es das bestimmende Thema. Mitt-lerweile ist die Diskussion abgeebbt. Am Eröffnungstag der Fußball-WM in Brasilien, 12. Juni, zeigt das Göttinger Theater Boat People Projekt beim SJC Hövelriege "Steh Deinen Mann!", ein Stück über Schwulenfeindlichkeit im Fußball.

Der SJC Hövelriege war der erste Verein, der die Göttinger Inszenierung nach der Premiere am 16. April gebucht hat. Darauf aufmerksam geworden war Martin Bretschneider, der seit dem Jahr 2010 die Jugendtheatergruppe des Klubs betreut und selbst ein begeisterter Fußballer und Schauspieler ist. Laut Vorlage wird das Ein-Personen-Stück in der Kabine gespielt. Beim SJC wird es ins Sportheim verlegt, wo eine Kabine nachgebaut wird. So passen wenigstens 80 Gäste rein.

"Ich möchte, dass die Jugendlichen das Stück sehen und sich Gedanken darüber machen, ob es für sie okay wäre, wenn ein Mitspieler auf dem Platz schwul wäre", sagt Bret-schneider. Schließlich wolle niemand ausgeschlossen werden, nur weil er auf Jungs stehe und nicht auf Mädchen. Ein Nationalspieler, der seine Karriere beendet habe, habe es mit einem Outing dabei leichter als ein 16-Jähriger auf dem Dorf, sagt Bretschneider: "Am besten wäre es, wenn das Thema überhaupt kein Thema mehr wäre. So wie es nicht mehr interessiert, ob ein Fußballer einen Migrationshintergrund hat."

In "Steh Deinen Mann!" präsentiert das Boat People Projekt humorvoll die fiktive Biografie eines Amateurfußballers auf dem Dorf. Aufgewühlt durch Hitzlspergers Coming-Out und der Statistik, nach der zehn Prozent aller Männer schwul seien, macht sich Fußballfan Matthias (Matthias Damberg) auf die Suche nach dem schwulen Superspieler in seinem Verein. Dazu lässt er sein Sportlerleben Revue passieren und versucht sich an Situationen zu erinnern, in denen Mannschaftskameraden sich ungewöhnlich verhielten. Gab es es Anzeichen, die den Schwulen zu erkennen geben? Bei seiner Suche trifft er auch auf König Fußball. Doch dieser möchte seinen heiligen Fußball vehement vor Komplikationen schützen.

Die Hemmschwelle sei bei dem Thema noch immer hoch, sagt Nina de la Chevallerie vom Boat People Projekt. Im Göttinger Nachbarkreis, wo es durch eine Förderung zehn Aufführungen in Fußballvereinen hätte geben sollen, wollte das Stück niemand sehen. Die Theaterleute gingen daraufhin in die Schulen. Nach dem SJC Hövelriege hätten mittlerweile aber auch weitere Vereine das Stück gebucht, sagt Nina de la Chevallerie, deren Mann Reimar das Stück inszeniert. Langsam interessierten sich zudem die ersten großen Klubs wie Dortmund und Schalke dafür. Auf die Idee zum Stück kamen die Theatermacher durch Kanz-lerin Angela Merkel: "Während einer Aktion gegen Homophobie hatte sie ein Transparent ausgerollt", sagt Nina de la Chevallerie. So etwas bliebe jedoch ohne Konsequenzen. Mit "Steh Deinen Mann!" wollen die Göttinger Taten sprechen lassen.

Mathias Hornberger, 1. Vorsitzender des Stadtsportbundes Paderborn mit aktuell über 48.000 Mitgliedern, ist der Meinung, dass es heute ganz normal sein müsse, sich auch im Fußball als schwul zu outen. Beim Frauenfußball sei es gar kein Problem. "Ich kann mir aber vorstellen, dass es auf dem Land schwieriger ist, als in Berlin oder auch Paderborn." Etwas anders sei es aufgrund der massiven Aufmerksamkeit und der Masse an Fans jedoch im Profi-Bereich. Er wisse von Paderborner Vereinen, in denen es homosexuelle Mitglieder gebe, Fußballklubs seien jedoch nicht darunter.