Presse

"Ein homosexueller Fußballer und seine Schwierigkeiten, sich zu outen"
(Südwest Presse, Ulm, 29.01.2014)


von Christoph Mayer

Er ist 20, aktiver Fußballer und schwul. Er sagt: Gingen die Vereine mutiger mit dem Thema Homosexualität um, würde die Hemmschwelle sinken, sich zu outen. Dann könnte Timo S. seinen echten Namen nennen.



Mit Thomas Hitzlsperger hat sich der erste international bekannte Fußballprofi als homosexuell geoutet. Hat Sie das überrascht?

Nein. Ich habe eigentlich die ganze Zeit darauf gewartet, dass einer mal so viel Selbstbewusstsein zeigt. Noch besser wäre gewesen, er hätte das schon während seiner aktiven Zeit getan, nicht erst kurz nach dem Karriereende. Andererseits: Mir fällt das ja auch nicht leicht, mich zu outen. Es hängt natürlich auch davon ab, wo und in welcher Region man spielt. In einer Großstadt wird einem Sportler ein Outing leichter fallen als auf dem Land.

Im Fußballbezirk Donau/Iller sei Homosexualität kein Thema, hat der Bezirksvorsitzende Manfred Merkle in einem Interview mit dieser Zeitung behauptet. Liegt er da richtig?

Ich denke schon. Ligafußball ist zu einem gewissen Grad eine ziemlich oberflächliche Sache. Man trainiert, muss sonntags beim Spiel seine Leistung bringen, fertig. Über Privates wird nicht viel geredet.

Merkle ist sich sicher, dass es im Bezirk schwule Spieler gibt, die meisten aber Angst haben, das öffentlich zu machen.

Deshalb wage ich jetzt diesen Schritt – auch wenn ich meinen richtigen Namen und den Verein, für den ich spiele, noch nicht nennen will. Aber vielleicht hilft es ja, anderen schwulen Spielern mehr Selbstbewusstsein zu geben.

Keine Angst, dass man Sie doch erkennt, darauf anspricht, schief anschaut, rausschmeißt?

Ich bringe als Stürmer meine Leistung, mein Trainer und die Mannschaft sind zufrieden. Das ist das einzige, was zählen sollte. Aber bis wir wirklich soweit sind, müssen wir wohl noch daran arbeiten, dass der Umgang mit Homosexualität im Fußball kein besonderes Thema mehr sein wird.

Wie gehen Sie jenseits vom Spielfeld mit Ihrer Homosexualität um?

Vor zwei Jahren habe ich es meiner Familie gesagt. Das war erst mal schwierig. Meine Mutter wollte gleich mit mir zum Arzt gehen, so nach dem Motto, vielleicht kann der mich umpolen. Mein Vater wollte nichts von der Sache wissen. Mittlerweile haben sie es aber akzeptiert.

Wie reagiert Ihr Freundeskreis?

Ich bin kurz nach meinem Outing aus dem Raum Stuttgart hierhergezogen. Das heißt, ich musste mir auch einen neuen Freundeskreis aufbauen. In dem waren von Anfang an auch mehrere Schwule. Nichtsdestotrotz habe ich genauso viele Hetero-Freunde.

Aber im Verein haben Sie keinem etwas gesagt?

Da weiß bis jetzt niemand Bescheid.

Was, wenn es nun durchsickert und Sie künftig in der Mannschaft Probleme kriegen sollten? Zum Beispiel, weil Spieler nicht mehr gemeinsam mit Ihnen duschen wollen?

(lacht) Ich dusche ganz normal. Im Ernst: Ich könnte ja verstehen, wenn einige zunächst überrascht oder auch distanziert reagieren. Aber ich würde mir wünschen, dass die Sache danach baldmöglichst kein außergewöhnliches Interesse mehr erregt.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie homosexuell sind?

Mit 16 habe ich mich das erste Mal einem schwulen Mann anvertraut. Aber erst mit 18 Jahren fühlte ich mich sicher genug, zu meinem Schwulsein zu stehen. Da dachte ich: Schluss mit dem Anlügen meiner Eltern.

Sind Sie wegen Ihrer Neigung je diskriminiert worden?

Nicht, dass ich wüsste. Aber das liegt auch daran, dass ich mich immer zurückgehalten habe und Situationen aus dem Weg gehe, wo Diskriminierung zu befürchten ist.

Sie machen eine Ausbildung im sozialen Bereich. Haben Sie Bedenken, dass es bei Ihrem künftigen Arbeitgeber Vorbehalte geben könnte?

Privates und Berufliches sollte man trennen. Leider ist auch in letzter Zeit noch bekannt geworden, dass Angestellte im sozialen Bereich nach Bekanntwerden ihrer Homosexualität mit ihrem Arbeitgeber Schwierigkeiten bekommen haben. Solange so etwas noch passiert, sind wir weit von Gleichberechtigung entfernt.

Zurück zum Fußball. Würden Sie sich wünschen, dass die Vereine offener und mutiger mit dem Thema Homosexualität umgehen?

Ja. Dann würden sich mehr Spieler outen. Und mit jedem Outing würde die Hemmschwelle für den Einzelnen weiter sinken.

Schlussfrage: Spielen Schwule anders Fußball als Heteros?

Nö.