Presse

"Lehmann rät schwulen Fußballprofis vom Outing ab"
(Die Welt, Berlin, 29.01.2014)


von Klaus Schlütter

"Ich bezweifle, dass der Profifußball für das Thema Homosexualität schon bereit ist", sagt Jens Lehmann. Und der ehemalige Nationaltorwart verweist auf die Konsequenzen eines Outings.

Jens Lehmann nimmt selten ein Blatt vor den Mund, eckt deshalb des Öfteren mal an. Zuletzt mit seiner Meinung zum Thema Homosexualität im Fußball. Zwei Wochen nach Thomas Hitzlspergers Coming-out riet der ehemalige Nationaltorwart in der Fernsehsendung "Sky 90" aktiven Fußballspielern generell vom Outing ab: "Wer das tun würde, wäre blöd." Dafür bekam der 44-Jährige, der seit seinem Karriereende als Experte für den Privatsender Sky arbeitet, viel Lob, aber noch mehr Schelte.

Stehen Sie unverändert zu Ihrer Aussage, Herr Lehmann?

Natürlich. Ich bezweifle, dass der Profifußball für das Thema Homosexualität schon bereit ist. Niemand weiß, was geouteten aktiven Profis widerfährt, und es besteht ein Risiko, dass sie ihren Beruf nicht mehr ausüben können.

Wie begründen Sie das?

In einer Kabine, in der 25 Männer mit unterschiedlichen Charakteren, Mentalitäten, Nationalitäten und religiösen Hintergründen um Positionen kämpfen, kann die Stimmung schon mal eskalieren. Angenommen, ein Spieler, der sich geoutet hat, hat mit einer Spielsituation, in der er zu "weich" war, eine Niederlage verschuldet, da kann es leicht zu heftigen verbalen Entgleisungen kommen. Abgesehen von den Reaktionen auf den Rängen, die nicht zu beeinflussen sind. Jeder muss für sich entscheiden, etwas preiszugeben, aber raten würde ich dazu nicht. Ich würde auf mögliche Konsequenzen hinweisen.

Wie hätten Sie in so einem Fall reagiert?

Ich weiß nicht, was ich gedacht hätte. Niemand kann seine Gedanken kontrollieren. Wahrscheinlich wäre es mir egal gewesen. Aber es gibt immer den einen oder anderen in der Kabine, der Witze darüber gemacht hätte.

Thomas Hitzlsperger wird für seinen mutigen Schritt allseits gelobt. Der Deutsche Fußball-Bund will ihn sogar als Botschafter für Homophobie in die Verbandsarbeit einbinden. Finden Sie das richtig?

Das ist gut so. Thomas war intelligent genug, sich erst am Ende seiner Laufbahn zu outen. Das war eine andere Situation.

Sie haben von 2008 bis 2010 zusammen mit Hitzlsperger für den VfB Stuttgart gespielt. Ihr Ex-Verein dümpelt im unteren Mittelfeld der Liga. Was trauen Sie der Mannschaft noch zu?

Beim VfB, einer der wenigen großen deutschen Traditionsklubs in der Bundesliga, hat sich viel verändert seit meinem Weggang. Neuer Präsident, neuer Trainer, neuer Manager, viele neue Spieler. Aber das Anspruchsdenken, vorn mitmischen zu wollen, ist immer noch da. Ich habe in Stuttgart jedes Mal erlebt, dass in der Rückrunde eine Superserie gestartet wurde. Ich halte das wieder für möglich.

Fredi Bobic vermisste zum Auftakt der Rückrunde beim 1:2 zu Hause gegen Mainz die letzte Gier, unbedingt gewinnen zu wollen. Ein ligaweites Problem?

Die Einstellung der Spieler hat sich generell gewandelt. Sie sind zu nett geworden. Es gibt nur noch wenige Spieler, die anderen wehtun können. In der Liga fallen mir nicht viele ein. Die Bayern haben drei: Rafinha, Dante, Mandzukic. Das ist schon ein deutlicher Vorteil gegenüber der Konkurrenz.

Wenn Sie Trainer wären, könnten Sie das ändern. Die Ausbildung dafür haben Sie schon absolviert. Wann erleben wir Sie als Trainer an der Seitenlinie?

Ich glaube, das reizt mich mal, als Trainer zu arbeiten. Vor eineinhalb Jahren hatte ich zwei Anfragen, habe sie aber nicht weiterverfolgt.

Wären Sie ein verträglicher Partner für die Schiedsrichter?

Das weiß ich nicht. Ich kann aus meiner Erfahrung bei Arsenal nur sagen, dass die englischen Referees souveräner in ihrem Auftreten sind und mehr durchgehen lassen, um den Spielfluss nicht unnötig zu unterbrechen. Sie lassen auch grundsätzlich vier, fünf oder mehr Minuten nachspielen, um am Ende noch einmal Spannung aufzubauen, was bei uns nicht der Fall ist. Es wäre auch zu begrüßen, wenn die Schiedsrichter – wie von Fredi Bobic vorgeschlagen – mal eine Trainingswoche in den Vereinen mitmachen würden.

Die Bayern müssen am 19. Februar im Achtelfinale der Champions League zum FC Arsenal, mit dem Sie 2004 englischer Meister wurden. Wie schätzen Sie den Gegner ein?

Die Bayern wissen, dass das mit die schwierigste Aufgabe ist, die sie im Achtelfinale bekommen konnten. Mit Arsenal, verstärkt durch die drei deutschen Nationalspieler Mesut Özil, Lukas Podolski und Per Mertesacker sowie dem jungen Serge Gnabry, können in der Premier League nur Chelsea und Manchester City mithalten. Die "Gunners" werden zu Hause sehr selbstbewusst auftreten.

Selbstbewusst können auch die Bayern auf den Platz gehen, gelten sie doch als beste Mannschaft der Welt. Wie lange wird ihre große Dominanz noch anhalten?

Mindestens noch so lange, wie Ribéry und Robben auf Weltklasseniveau spielen. Wenn das nicht mehr der Fall ist und der Verein die Spieler nicht erfolgreich ersetzen kann, könnte sich das ändern.