Presse

"Aus dem Abseits"
(Donaukurier, Ingolstadt, 08.01.2014)


Thomas Hitzlsperger ist der erste deutsche Fußball-Nationalspieler, der sich zu seiner Homosexualität bekennt. Vier Monate nachdem der 31-Jährige seine Karriere beendet hat, gilt sein Schritt als mutig. Ob er auch wegweisend sein wird, muss sich erst noch herausstellen.

Thomas Hitzlsperger war schon immer etwas anders. Der Fußballer engagierte sich für ein soziales Projekt mit HIV-positiven Kindern in Südafrika, er ging lieber zu Lesungen als in die Disco, er schreibt Kolumnen für „Die Zeit“ nicht nur über Fußball. Dem Wochenblatt hat der Profi, der aus der Jugend des FC Bayern stammt und später für die Bundesligisten VfB Stuttgart und VfL Wolfsburg, Lazio Rom und in der englischen Premier League spielte, jetzt ein Interview gegeben und eingeräumt, schwul zu sein. Die Reaktionen kamen prompt, und sie waren ausnahmslos politisch korrekt. Großer Respekt wurde dem 52-maligen Nationalspieler einhellig aus Politik, Show und Sport gezollt. Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), sprach im Prinzip für alle („Diese mutige Entscheidung verdient allerhöchsten Respekt“), und sogar von Regierungssprecher Steffen Seibert kam eine Reaktion: „Wir leben in einem Land, in dem niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen.“

Hitzlsperger hat sein Schweigen bewusst kurz vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi beendet. In Russland steht Homosexualität noch immer unter Strafe. „Hitz the Hammer“, wie der Mittelfeldspieler wegen seines strammen Schusses auf der Insel genannt wurde, hält es für notwendig, seine Stimme wegen der Kampagnen mehrerer Regierungen gegen Homosexuelle zu erheben. In dem heute erscheinenden „Zeit“-Interview sagte er zudem: „Ich will die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen, da dieses Thema im Fußball ignoriert wird.“ Diese Einschätzung jedoch gilt nur für die maskulinen Vertreter der Balltreterbranche. Coming-Outs von prominenten Fußballerinnen wie der deutschen Nationaltorhüterin Nadine Angerer sind längst Geschichte.

Die Frauen sind den Männern also weit voraus. Und das hat gute Gründe. Im von Männern betriebenen und begleiteten Profifußball werden sämtliche Klischees über Homosexuelle bedient. Hitzlsperger formuliert das vergleichsweise intellektuell: „Kampf, Leidenschaft und Siegeswille sind miteinander verbunden. Das passt nicht zum Bild, das sich viele von einem Homosexuellen machen.“ Die raue Realität sieht so aus: „Schwuchtel“ und „schwule Sau“ sind nach wie vor beliebte Schimpfwörter unter Fans.

Ob die Offensive des ehemaligen Mittelfeldspielers Hitzlsperger prominente Nachahmer, die in kurzen Hosen noch ihrem Beruf nachgehen, finden wird, ist unter diesen Vorzeichen völlig ungewiss. Wolfgang Niersbach hegt Zweifel: „Ob das aktive Spieler aus der Bundesliga machen, vermag ich nicht einzuschätzen. Man weiß nie, wie das große Publikum in den Stadien, vor allem bei Auswärtsspielen, reagiert. Das kann verletzend und belastend sein.“ Auch Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff sagt ganz klar: „Thomas Hitzlsperger steht nicht mehr täglich im Fokus der Öffentlichkeit. Bei noch aktiven Spielern ist die Situation ungleich schwerer.“ Das könnte sich erst ändern, wenn ein etablierter Bundesligaspieler diese Hemmschwelle überschreiten würde. Dies ist bislang nur anonym geschehen, von einem Profi 2012 im Jugendmagazin „fluter“, das die Bundeszentrale für politische Bildung herausgibt. Dort ist unter anderem Folgendes zu lesen: „Der Preis für meinen gelebten Traum von der Bundesliga ist hoch. Ich muss täglich den Schauspieler geben und mich selbst verleugnen.“

Schwule Fußballer, so wird spekuliert, betreiben regelrechte Versteckspiele, um ihre sexuelle Neigung zu verbergen. Bevorzugtes Mittel sollen Fotos mit einer Frau an ihrer Seite sein, um erst gar keine Spekulationen aufkommen zu lassen. Andere wie Philipp Lahm wehren sich vehement dagegen, in die falsche Ecke gestellt zu werden. Der Nationalmannschafts-Kapitän ging sogar gegen die Suchmaschine Google vor, um den Eintrag „Philipp Lahm schwul“ löschen zu lassen. Der Münchner wundert sich zudem darüber, dass Joachim Löw in unzähligen Internet-Foren als schwul gilt. Gestern sagte der Bundestrainer, er hoffe, dass Hitzlspergers Bekenntnis zu einem entspannteren Umgang mit dieser Thematik beitrage. Gemeint hat er nicht sich, sondern die Situation der homosexuellen Fußballprofis. Wer immer das auch sein möge.