Presse

"Die Kurve ist bereit für schwule Fußballer"
(Deutsche Welle, Bonn, 13.01.2014)


von Sarah Wiertz

Das Outing von Ex-Nationalspieler Hitzlsperger hat auch unter schwul-lesbischen Fußballfans lebhafte Diskussionen ausgelöst. Eines wird deutlich: Auch auf höchster Verbandsebene ist noch einiges zu tun.

Das Interview von Thomas Hitzlsperger über seine Homosexualität kam in der fußballfreien Zeit, gut einen Monat vor Beginn der Olympischen Spiele in Sotschi - und für viele damit genau zum richtigen Zeitpunkt. Ist der deutsche Fußball endlich bereit für das erste Outing eines aktiven Spielers?

Was im Frauenfußball schon lange kein Thema mehr ist, spielt bei den Männern noch immer eine große Rolle. "Ein schwuler Fußballer wird als weich oder schwach angesehen", meint Fortuna-Düsseldorf-Fan Corinna Ernsting am Rande des internationalen Treffens der Queer Football Fanclubs (QFF). Bereits zum 14. Mal trafen sich die Mitglieder des europäischen Netzwerks schwul-lesbischer Fußball-Fanklubs - dieses Mal in Köln. Mehr als 1000 Mitglieder hat das Netzwerk inzwischen. Allerdings, sagt Corinna Ernsting: "Ich glaube, Männer haben mehr Probleme damit, sich zu outen oder sich zu einer Schwäche zu bekennen. Obwohl es ja keine Schwäche ist."

Die schwul-lesbischen Fußballfans der QFF, die Woche für Woche in den Stadien stehen, haben ihr Outing bereits hinter sich. Doch auch heute noch gilt: "Wir haben es in der Kurve nicht sonderlich einfach. Wir werden nicht unbedingt immer akzeptiert", berichtet Oliver Fine vom Fanclub Andersrum Rot-Wiess aus Köln. Vor allem mit den Ultra-Gruppierungen gebe es noch Probleme. "Es gibt sicherlich Städte, in denen es noch schwieriger ist. Ich denke da an Rostock oder Dresden. Das ist aber Spekulation von mir. Es gibt aber auch Städte und Vereine, die haben es da sehr viel einfacher." In Mainz und Bremen etwa habe es Choreographien von Ultra-Gruppierungen gegen Homophobie gegeben, die nicht mit schwul-lesbischen Fanclubs abgesprochen worden waren - eine Ausnahme.

"Die Öffentlichkeit hat Klischees im Kopf"

QFF-Sprecher Dirk Brüllau sieht bereits große Fortschritte - und das Interview von Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger als eine Art Belohnung für die jahrlange Arbeit gegen Diskriminierung und Homophobie. Die Situation in den Stadien sei heute viel entspannter, als es so mancher vermuten würde: "Die Kurve ist viel, viel weiter, als die meisten es denken. Die Öffentlichkeit hat die Klischees im Kopf: Die Kurve ist böse, die Kurve ist gegen die Spieler. Natürlich wird ein gegnerischer Spieler niedergemacht, um ihn zu verunsichern. Aber das ist dann nicht in erster Linie homophob, sondern Mittel zum Zweck."

Ähnliches vermutet auch Alexander Wehrle - zumindest von den eigenen Fans. In seinem Grußwort an die Teilnehmer der Konferenz beglückwünscht der Geschäftsführer des Bundesliga-Zweitligisten 1. FC Köln Thomas Hitzlsperger zu dessen Schritt. Auch den eigenen Spielern sichert er volle Rückendeckung zu: "Wenn jemand diesen persönlichen Entschluss gefasst hat, dann ist es natürlich so, dass wir als Verein zu 100 Prozent hinter ihm oder ihr stehen - wir haben ja auch Fußballerinnen. Wir würden alles dafür tun, dass er weiter in Ruhe Fußball spielen kann."

Homosexualität in den Fankurven

Natürlich sorgten die Aussagen Hitzlspergers auch international für Schlagzeilen. Der Schweizer Marcel Tappheiner, schwuler Fan des FC Zürich, findet es bemerkenswert, dass sich ein deutscher Fußballer zu seinem Liebesleben geäußert hat. "Es ist schön, dass es passiert, aber man kann es nicht voraussetzen." Es sei Sache der Spieler, ob sie sich outen wollen oder nicht. "In der Schweiz ist es ähnlich wie in Deutschland, dass es nicht mehr eine offene, organisierte Homophobie einer ganzen Kurve gibt. Es ist mehr die individuelle Homophobie innerhalb der Stadien, weil es immer noch eine Männer geprägte Welt ist." Dass sich zwei Männer in der Fankurve küssen, sei zum Beispiel noch nicht "normal". Er selbst empfindet es noch heute als ein wiederholtes Outing.

"Hauptsache, er schießt Tore"

Renate Heijner, als Mann geboren, sich aus Frau fühlend, kommt aus den Niederlanden. Dort wird ebenfalls über das Thema gesprochen, findet jedoch wie auch beim achselzuckenden niederländischen Bayern-Spieler Arjen Robben nicht allzu große Beachtung. Es spiele im Fußball doch eigentlich keine Rolle, welcher Religion man angehöre, ob man schwul sei oder welche Hautfarbe man habe. "Es ist egal, ob ein Fußballer schwul ist. Wenn er Tore schießt, ist es okay." Landsmann Martin van der Ark aus Den Haag bedauert nur, dass das Interview vier Monate zu spät kam. "Wenn er noch gespielt hätte, wäre es noch besser gewesen. Aber für den nächsten Fußballer war es gut. Das macht es einfacher, den Schritt zu wagen."

Eine gesunde Einstellung, die nicht alle teilen, erst recht nicht weltweit. In Katar, wo 2022 die Fußball-WM ausgetragen wird, ist Homosexualität verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. FIFA-Präsident Sepp Blatter forderte kürzlich homosexuelle Fans auf, während der Weltmeisterschaft auf Sex zu verzichten, "aus Respekt vor dem Gastgeber". Mittlerweile hat sich Blatter für diese Aussage zwar entschuldigt. QFF-Sprecher Dirk Brüllau beweist sie vor allem eines: "Das ist diese subtile Homophobie, die in diesen Etagen noch herrscht. Das Vokabular ist so geprägt von Homophobie, dass viele das gar nicht merken. Theo Zwanziger hat sich damals sehr engagiert gezeigt. Das ist leider durch Herrn Niersbach wieder alles ein bisschen in Vergessenheit geraten. Aber wir hoffen, das jetzt diese Geschichte dem DFB zeigt: Es ist Handlungsbedarf."