Presse

"Halbherzig gegen Homophobie"
(Zeit Online, Hamburg, 10.01.2014)


von Kersten Augustin, Oliver Fritsch

Der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zollt Thomas Hitzlsperger Respekt. Doch in seiner Amtszeit sei das Thema Homophobie im Verband nicht mehr so wichtig, sagen Kritiker.

Als der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach am Mittwoch vor die Kameras trat, versicherte er Thomas Hitzlsperger seine Solidarität: "Thomas Hitzlsperger war immer ein Vorbild, vor dem ich höchsten Respekt hatte. Dieser Respekt ist jetzt weiter gewachsen." Hitzlsperger hatte zuvor seine Homosexualität öffentlich gemacht – nach seinem Karriere-Ende.

Niersbach versprach Hitzlsperger Unterstützung. Er scheint zu wissen, dass im Fußball Schwule und andere Minderheiten nur schwer akzeptiert werden. In diesen Tagen wurde bekannt, dass der DFB-Chefausbilder Frank Wormuth auf einem Trainerlehrgang vor gut einem Jahr einen Behinderten diskriminierend beleidigt hatte.

Der DFB befasst sich seit Jahren mit gesellschaftspolitischen Themen wie Anti-Diskriminierung, Kampf gegen Homophobie und gegen Rassismus. Theo Zwanziger hat ihnen in seiner Zeit als Präsident Gewicht gegeben, externe Experten zu Rate gezogen, die wichtige Kommission Nachhaltigkeit gegründet. Doch was bewirken diese Initiativen? Und wie viel tut der große und reiche Verband heute, wie wird er seiner Verantwortung gegenüber Millionen von Amateur- und Jugendfußballern gerecht?

Mit Zwanziger gingen seine Themen

Kritiker sagen, der DFB tue nicht genug, etwa die Wirtschaftspsychologin Alexandra Hildebrandt. Sie war Mitglied der Kommission Nachhaltigkeit. Dass die Kommission auf dem DFB-Bundestag im vorigen Oktober in viele kleine Unterkommissionen zergliedert wurde, hält Hildebrandt für einen Fehler. "So wird das Thema separiert und isoliert." Nun versickere alles in den Ausschüssen.

Hildebrandt hält die Entscheidung, die Kommission aufzulösen, auch für eine Entscheidung gegen Zwanziger. "Mit Zwanzigers Weggang haben seine Themen an Gewicht verloren." Niersbachs Aussagen über Hitzlsperger zum Beispiel, sagt Hildebrandt "klangen eher nach Mitleidsbezeugung". Außerdem gehe es nicht um Hitzlsperger, sondern um die, "die sich noch verstecken müssen und jene, für die das Thema noch kein Selbstverständnis ist".

Zwar hat der DFB im vorigen Sommer einen Leitfaden zum Coming-out (pdf) erstellt und an die Vereine gemailt. Doch Hildebrandt hält ihn für halbherzig. Sie vermisst darin "das Commitment des Präsidenten", etwa ein persönliches Vorwort, ein Foto oder eine Unterschrift. Sie sieht darin Indizien für seine Unverbindlichkeit. "Broschüren und wohlmeinende Statements sind schön. Aber Werte müssen gelebt werden", sagt Hildebrandt. Zwanziger, der für sein Engagement intern oft belächelt wurde, besuchte einmal den Christopher Street Day.

Der Sportwissenschaftler Gunter Pilz, Beauftragter des DFB für gesellschaftliche Verantwortung, hingegen sagt, Niersbach arbeite zwar weniger öffentlichkeitswirksam als sein Vorgänger. "Aber er lässt uns machen, das ist vielleicht sogar effektiver." Dass sich Niersbach auf den Profifußball konzentriere, sei kein Nachteil, sagt Pilz. Man dürfe das nicht mit Desinteresse verwechseln. "Zwanziger hingegen hat am Ende seiner Präsidentschaft vergessen, seinen Verband mitzunehmen."

Auch die generelle Kritik am DFB weist Pilz zurück. "Der DFB engagiert sich sehr. Ich wünsche mir, dass andere Bereiche unserer Gesellschaft das mit dem gleichen Ernst tun würden." So hat der Verband vor zwei Jahren mit seinen Landesverbänden eine Fachtagung abgehalten, an der Aktivisten und Verbände der Schwulen- und Lesbenszene mitgewirkt haben. Und die Berliner Erklärung gegen Homophobie hat der DFB sofort unterschrieben.

Doch in der Praxis hapert es. Tanja Walther-Ahrens, Autorin des Buchs Seitenwechsel – Coming-out im Fußball, kritisiert, dass der Verband in der Ausbildung von Schiedsrichtern das Thema Antidiskriminierung vernachlässige. Bei rassistischen Beleidigungen griffen Schiedsrichter mittlerweile häufiger durch, sagt sie. Für homophobe Äußerungen gebe es noch zu wenig Sensibilität: "Auch im Lehrplan für die Ausbildung von Trainern ist der Umgang mit Diskriminierung und Homophobie nicht oder kaum vorgesehen", sagt Walther-Ahrens.

Wie homophob der Fußball und ob das Problem dort ausgeprägter ist als in anderen Bereichen der Gesellschaft, wisse man nicht, sagt Walther-Ahrens. Erste Coming-outs im Amateurfußball haben solche Befürchtungen nicht bestätigt. Doch verweist sie darauf, dass alte Männlichkeitsbilder im Sport nach wie vor verbreitet seien: Äußerungen wie "Du spielst wie ein Mädchen!" oder "schwuler Pass!" seien auf dem Fußballplatz Alltag.

Vorbild Berlin

Auch Walther-Ahrens war Mitglied der Kommission Nachhaltigkeit. Heute ist sie Präsidialmitglied für besondere Aufgaben des Berliner Fußballverbands (BFV). Die Berliner sind die Vorreiter im Kampf gegen Diskriminierung. Der BFV kooperiert als einziger Landesverband mit dem Lesben- und Schwulenverband. Das Projekt heißt Soccer Sound, Torsten Siebert leitet es.

Siebert organisiert Workshops für Trainer, Schiedsrichter und Vereinsfunktionäre. Sie sind Multiplikatoren, die in ihren Vereinen ernst genommen werden. Die Idee: Wenn der Trainer sensibler auf schwulenfeindliche Äußerungen in seiner Mannschaft reagiert, ändert sich auch das Klima im Verein. "Direkt an die Jugendlichen kommen wir nur schwer ran", sagt Siebert. Das habe auch logistische Gründe: "In Amateurvereinen spielen die Fußballer in Ihrer Freizeit, die Trainer sind ehrenamtlich. Da ist es schwierig, alle zu einem Termin zusammenzuholen."

Eine weitere Initiative des BFV ist das Anonyme Postfach. Hier können Spieler Hilfe suchen, wenn sie diskriminiert wurden oder über ein Coming-out nachdenken. Auch Schiedsrichter werden in Berlin geschult, stärker auf Schwulenfeindlichkeit zu achten.

Siebert wünscht sich, dass andere Landesverbände dem Berliner Beispiel folgen. "Wir brauchen die Verbände als Türöffner für Vereine", sagt er. Siebert nimmt aber auch den DFB in die Pflicht: "In Berlin werden wir vom Senat finanziell unterstützt. Das könnte auch der DFB leisten."