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"Schwulenfeindlichkeit in Russland: Hitzlsperger outete sich bewusst kurz vor Sotschi"
(Spiegel Online, Hamburg, 08.01.2014)


"Es braucht kritische Stimmen": Thomas Hitzlsperger hat gezielt kurz vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi über seine Homosexualität gesprochen. Er versteht sein Coming-out auch als Engagement gegen die "Kampagnen mehrerer Regierungen".

Hamburg - Der frühere Fußballprofi Thomas Hitzlsperger hat den Zeitpunkt für sein Coming-out bewusst kurz vor den Olympischen Winterspielen in Russland gewählt. "Die Olympischen Spiele von Sotschi stehen bevor, und ich denke, es braucht kritische Stimmen gegen die Kampagnen mehrerer Regierungen gegen Homosexuelle", sagte der Ex-Nationalspieler der Zeitung "Die Zeit". "Überdies habe ich das Gefühl, dass jetzt ein guter Moment dafür ist", so der 31-Jährige, der nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn nun die Zeit für dieses Engagement habe. "Ich möchte eine öffentliche Diskussion voranbringen - die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern. Ich möchte dazu beitragen, indem ich einmal öffentlich darüber spreche, dass die sexuelle Orientierung eines Sportlers wieder seine Privatangelegenheit wird, weil es auf diesem Gebiet einfach nichts Unnatürliches gibt."

Warum er sich nicht schon während seiner Profikarriere in der Bundesliga, in England und in Italien öffentlich zu seiner Sexualität geäußert hatte, erklärte Hitzlsperger ebenfalls. "Wer ein Gefühl für die Stimmung in einer Mannschaft hat, der weiß einfach, was angesagt ist. Der Gruppenzwang kann enorm sein. Und genauso ist das in der Verwandtschaft", sagte er und betonte: "Es gibt aber einen Unterschied zwischen Schweigen und Lügen."

Der Frage, ob das Schweigen auch mit Angst vor den Reaktionen seiner Teamkollegen, Trainer und Fans zu tun hatte, wich Hitzlsperger aus. "Homosexualität wird im Fußball schlicht ignoriert. In England, Deutschland oder Italien ist das kein ernsthaftes Thema, nicht in der Kabine jedenfalls", sagte er. "Deswegen ist es nicht einfach, in der Fußballszene überhaupt jemanden zu finden, der sich über seine sexuelle Orientierung öffentlich äußern will."

Viele Jahre lang führte Hitzlsperger eine Beziehung zu einer Frau. "Wir planten schon die Hochzeit. Nach acht Jahren war diese Beziehung aber zu Ende, ohne dass meine Partnerin von meinen Gefühlen für Männer etwas wusste." Das sei vor sechs Jahren gewesen. "Sie blieb die einzige Frau für mich. Ich wollte nach ihr keine andere." In dieser Zeit sei ihm auch seine sexuelle Orientierung bewusst geworden.

In einer Videobotschaft um Mitternacht will sich Hitzlsperger weiter äußern.

Ehemalige Teamkollegen zollten Hitzlsperger Respekt. Lukas Podolski nannte den Schritt seines früheren Nationalmannschaftskollegen ein "wichtiges Zeichen". Es sei eine "mutige und richtige Entscheidung", schrieb Podolski auf Twitter: "Respekt, Thomas Hitzlsperger." Auch Arne Friedrich äußerte sich über den Kurznachrichtendienst zum Thema. "Bin stolz auf dich", so der Ex-Nationalspieler, "gute Entscheidung und aus meiner Sicht richtiger Zeitpunkt."

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) versprach Hitzlsperger die Unterstützung des gesamten Fußballs. "Thomas Hitzlsperger war zu seiner Zeit als Nationalspieler immer ein Vorbild, vor dem ich den höchsten Respekt hatte - und dieser Respekt ist jetzt noch weiter gewachsen", sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach: "Er hat sich entschieden, den Schritt in die Öffentlichkeit zu gehen, und ich stehe zu unserem Wort, dass er von uns jede erdenkliche Unterstützung bekommt."