Presse

"Kein Porträt eines schwulen Fußballers"
(Zeit Online, Hamburg, 08.01.2014)


von Steffen Dobbert

Der erste offen homosexuelle deutsche Fußballstar? Nein! Das sollte es nicht sein, was vom ehemaligen Nationalspieler Thomas Hitzlsperger nun im Gedächtnis bleibt.

Fast auf den Tag genau fünf Jahre ist es her. Thomas Hitzlsperger spielte als Kapitän für den VfB Stuttgart, wir saßen das erste Mal zusammen, nach dem Training, in einem Restaurant bei ihm um die Ecke. Er war zu jener Zeit bereits langjähriger Nationalspieler, Held der Bundesliga und Premier League, Deutscher Meister, Fußballer des Monats, zweiter bei der EM 2008 und dritter bei der WM 2006 im deutschen Sommermärchen, wirkte aber im ersten Moment erstaunlich zurückhaltend.

Danach gab er als Kolumnist regelmäßig Interviews für ZEIT ONLINE. Ich schrieb ein Porträt. Später, als er zu Lazio Rom, West Ham United und dem VfL Wolfsburg wechselte und wegen vieler Verletzungen keine Titel mehr feierte, glich seine Karriere mehr und mehr jener eines Pechvogels. Und nun, wenige Monate nach seinem Karriereende, soll dieser Text wieder ein Porträt werden, jetzt über den schwulen Hitzlsperger. Weil nun alle wissen wollen, wer er ist, der erste deutsche Fußballstar, der über seine Homosexualität redet.

Nun, er ist immer noch derselbe. Thomas Hitzlsperger eben. Mit der Veröffentlichung seiner Sexualität hat das wenig zu tun.

Sein Interview über seine Homosexualität ist nur insofern charakteristisch für ihn, als dass er schon oft andere Wege ging als seine Kollegen. Sein Berufsleben begann mit einer ähnlich mutigen Entscheidung. Das war Ende der Neunziger. Sein Leben bestand aus Bauernhof, Training, Bauernhof, Training, Bauernhof, Punktspiel. Er wohnte mit seinen Eltern in einem bayerischen Dorf, spielte in den Jugendmannschaften des FC Bayern und lebte den Traum vieler fußballverrückter Jungen.

Wenn mal kein Training war und auch seine Brüder nicht mit ihm kicken wollten, schoss er oft allein hinter dem Bauernhof den Ball gegen die Wand. Manchmal so heftig, dass der Putz abbröckelte.

Er hätte damals beim großen FC Bayern bleiben können, wie der fast gleichaltrige Philipp Lahm. Aber mit 18 flog er unter einem Vorwand nach England. Er trat zum geheimen Probetraining für Aston Villa an und kam mit einem Vertragsangebot zurück. Wieder zu Hause, erzählte er seinen Eltern und dem FC Bayern von seinen Wechsel-Plänen. Sein Vater war dagegen. Uli Hoeneß schrie vor Entrüstung. Und Hitzlsperger zog wenig später nach Birmingham.

Er kann über diese knapp fünf Jahre in England stundenlang sprechen. Wenn man ihn danach fragt, mehrmals. Er gehört nicht zu denen, die von sich aus über sich erzählen.

In jener Zeit in Birmingham wurde aus einem Talent ein Fußballer und aus einem Jungen eine Persönlichkeit. Er schaffte den Sprung vom Nachwuchs-, zum Stamm-, zum Nationalspieler und Publikumsliebling. Wenn "Hitz the Hammer", so sein Spitzname, den Ball berührte, brüllten Tausende englische Fans: "Shoooot".

Ich habe in den vergangenen Jahren viele Nationalspieler gesprochen. Diese Männer sind im gigantischen Geschäft des Fußballs alle auch Medienprofis, Marketing- und Finanzexperten und vor allem diszipliniert und ehrgeizig. Wer diese Eigenschaften nicht hat, kommt gar nicht erst so weit. Und doch ist Thomas Hitzlsperger innerhalb dieser neuen Spielergeneration immer ein besonderer Typ gewesen. Er war im Laufe seiner gesamten Karriere sein eigener Pressesprecher und Manager, hat Interviews selbst autorisiert und vor allem selbst entschieden, wem er eines gibt. Keine Selbstverständlichkeit.

Er hat seine Prominenz, die ihm der Fußball verliehen hatte und die ihm deshalb manchmal peinlich war, bewusst eingesetzt. Nicht für Werbeverträge, sondern Dinge, die ihm wichtig erschienen. Womöglich hätte es das Projekt des Störungsmelders und das daraus entstandene Netz gegen Nazis nicht ohne sein Engagement gegeben.

Und ja, man kann das mal so platt schreiben: Er war der einzige Fußballer, der garantiert mehr Bücher gelesen hat als die Journalisten, die sich mit ihm unterhalten wollten. Manchmal war das kein Vorteil. Und wenn er dieses Detail jetzt liest, und er wird es lesen, weil er fast alles liest, was seriöse Medien über ihn veröffentlichen, wird ihm das nicht gefallen. Als "Lernprofi" oder gar "intellektueller Fußballer" wollte er nie gesehen werden. Immer wenn ein Leser unter eines seiner Kolumnen-Interviews etwas Ähnliches kommentierte, ärgerte er sich.

Auch als schwuler Fußballprofi will Thomas Hitzlsperger nicht gesehen werden. Da bin ich mir sicher.

Und ist es nicht eh ein Unding, wenn ein Fußballer deshalb zum Objekt der öffentlichen Begierde wird, weil er Männer mag?