Presse

"Es war eine emotionale Achterbahnfahrt"
(Neue Züricher Zeitung, Zürich, 15.11.2013)


von Peter Eggenberger

Der US-Amerikaner Robbie Rogers hat im Februar das Coming-Out gewagt. Obwohl er zunächst befürchtete, er könne nie mehr als Profi spielen, blickt er positiv auf die Zeit seit seinem mutigen Schritt zurück. Aber noch ist nicht alles gut.

Justin Fashanus tragisches Schicksal mag viele homosexuelle Profifussballer davon abgehalten haben, sich öffentlich zu ihrer Neigung zu bekennen. Der englische Profi hatte sich 1990 geoutet. Und er war nicht irgendwer. Der 1961 Geborene hatte zuvor immerhin unter anderem für Norwich City und Nottingham Forest gespielt.

Sein Abschiedsschreiben ist ein Dokument von Getriebenheit, Ohnmacht, emotionaler Not und Ausweglosigkeit: «(...) Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein, ist hart. (...) Ihr wisst, wie das ist, wenn man in Panik gerät. Bevor ich meinen Freunden und meiner Familie weiteres Unglück zufüge, will ich lieber sterben.»

«Verrückt und traurig»

Fashanus Schicksal könnte viele Profis davon abgehalten haben, an die Öffentlichkeit zu gelangen. Ein 26-Jähriger hat vor kurzem die Vorreiterrolle übernommen, und das ausgerechnet in einem Land, in dem die Anerkennung der Ehe Homosexueller nur schleppend vorankommt. Im Februar hat sich der amerikanische Profi Robbie Rogers dazu entschlossen, seine Homosexualität bekannt zu machen. Der Schritt war riesengross. «Es ist offensichtlich, dass man sich im Fussball nicht outen kann», hatte er dem «Guardian» gesagt, «niemand hat es gemacht. Das ist verrückt und traurig.»

Der Mittelfeldspieler Rogers ist wie Fashanu kein Nobody. Er hat 18 Mal in der amerikanischen Nationalmannschaft gespielt, und in dieser Saison hat er mit Los Angeles Galaxy an der Major League Soccer teilgenommen. Bei seinem Coming-out hoffte er, dass sich die Dinge ändern würden. Der nächste Schritt sei es, eine Atmosphäre zu kreieren, die es erlaube, sich zu outen und weiter zu spielen, sagte er damals. Wie man das machen sollte? Rogers meinte lakonisch: «Das ist eine grosse Frage.»

Nun kennt er die ersten Antworten. Er hat die Saison mit den Galaxy mit mässigem Erfolg absolviert. Dreizehn Einsätze ohne Tor stehen auf der sportlichen Seite zu Buche und das Ausscheiden im Play-off-Viertelfinal gegen Real Salt Lake City am vergangenen Wochenende.

«Verrücktes Jahr»

Viel wichtiger aber sind andere Erfahrungen. Er, der zunächst gedacht hatte, sein Coming-Out bedeute das Aus als Profifussballer, wurde überwiegend positiv empfangen. Und trotzdem: «Es war ein verrücktes Jahr», sagte Rogers in dieser Woche der «New York Times». «Es war eine emotionale Achterbahnfahrt.»

Rogers ist dem Klub Los Angeles Galaxy dankbar für die Chance, die er ihm nach dem Coming-Out gegeben hat. Zuerst wollte Rogers zurücktreten, dann besann er sich anders. «Wie viel Unterstützung ich in der Garderobe erfahren habe, hätte ich mir vor einem Jahr nicht vorstellen können», so Rogers. Die Befürchtung, er könne nicht gleichzeitig offen homosexuell und ein Berufsfussballer sein, habe sich glücklicherweise nicht bewahrheitet.

Manchmal gab es aber Situationen in der Kabine, wo die Teamkollegen sich gar nicht bewusst waren, dass sie sich homophob äusserten. «Vielleicht bemerkten sie nicht, dass ich im Raum war», sagte Rogers. «Es hat mich nicht gross beschäftigt, aber sie müssen immer noch lernen.»

«Wenn ich weiterspiele, hilft das»

Ab und zu hörte Rogers abfällige Kommentare von Zuschauern in den Stadien, und er erhielt auch entsprechende E-Mails, die er als «hasserfüllt» bezeichnete. Rogers bekam aber auch viele Zuschriften, oft von Teenagern oder jungen Erwachsenen, die ihn als «Inspiration» für ihr eigenes Coming-Out ansehen. «Die E-Mails dieser Kids machen mich am stolzesten», sagte Rogers. «Wenn ich weiterspiele, hilft ihnen das. Sie sehen, dass sie keine Angst haben müssen, ihren Traum zu leben.»

Nicht zuletzt wegen dieser Vorbildrolle will Rogers weiterspielen. Im April folgte ihm ein zweiter prominenter Sportler: der Basketballer Jason Collins, vielleicht auch inspiriert von Rogers. Collins fand im Gegensatz zu Rogers noch keinen neuen Klub, obwohl er schon über 800 Spiele in der besten Basketball-Liga der Welt absolviert hat.

US-Präsident Barack Obama hatte Collins nach dessen Bekenntnis zur Homosexualität telefoniert und ihm Unterstützung zugesagt. Obama zeigte sich «beeindruckt von der Courage». «Dies ist ein weiteres Zeichen, dass wir Leute fair behandeln, sie nach ihrem Charakter und ihren Leistungen beurteilen und nicht nach ihrer sexuellen Orientierung», sagte Obamas damals zu Collins.

Überzeugungsarbeit

Bis zur nächsten Fussballsaison plant Rogers vor allem Überzeugungsarbeit mit der Organisation «BeyondIT», die gegen Stereotype in der Gesellschaft ankämpfen möchte. Rogers hofft, Athleten zu gewinnen, die in Sotschi an den Olympischen Winterspielen 2014 teilnehmen. Er hofft auch auf die Unterstützung von Jason Collins.

Daneben muss er die körperlichen Voraussetzungen für eine erfolgreiche neue Saison schaffen. Sein Coach bei Galaxy, der frühere US-Nationalcoach Bruce Arena, ist da eindeutig: «Robbie muss nächstes Jahr besser sein.»