Presse

"Die Tätlichkeit der Dummen"
(EuroSport, München, 13.10.2013)


von Christoph Volk

Dass Homosexualität und Fußball auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, ist an jedem Wochenende im Stadion zu beobachten.

Schließlich ist Fußball ein Männersport. "Echte Kerle" ziehen in den Krieg um ihren Gegner zu vernichten.

Damit das auch jedem klar wird, platzt das Vokabular der kickenden Zunft förmlich vor Kriegsmetaphern. Abwehr und Angriff, Flanke und Schuss. Für Homosexuelle ist dabei kein Platz, die sind schließlich zu weich und wehleidig für diesen ach so männlichen Sport.

Wirklich?

Denn diese vermeintlich "echten Kerle" gehen nach kleinstem Körperkontakt gerne derart theatralisch zu Boden, dass man glauben könnte, die Sportinvalidität persönlich hätte zur Blutgrätsche angesetzt.

Quietschbuntes Schuhwerk, innige und verschwitzte Umarmungen nach Toren oder das einfühlsame Trösten seiner Mitspieler nach einer bitteren Niederlage tragen ihren Teil dazu bei, dass das männlich geprägte Bild des Fußballs im Jahr 2013 schlichtweg nicht mehr zeitgemäß ist.

Große Worte – Keine Taten

Doch bei allen ist das noch nicht angekommen. Sexuelle Diskriminierung, nichts anderes ist Homophobie, gilt noch immer als legitimes Mittel, den Gegner einzuschüchtern. Dem wollen Vertreter aus Politik, Sport und Wirtschaft entgegentreten. Am 17. Juli wurde dafür die "Berliner Erklärung gegen Homophobie" vorgestellt. Diese setzt sich für Vielfalt, Respekt und Akzeptanz im Sport ein. Alltägliche Dinge im kleinen Einmaleins des menschlichen Miteinanders.

Doch so löblich die Absicht hinter diesem Schriftstück ist, so überschaubar sind die bisherigen Ergebnisse. Lediglich 14 der 36 Erst- und Zweitligaklubs sind drei Monate später dazu bereit, sich mit ihrer Unterschrift "für ein aktives Vorgehen gegen Homophobie auf allen Ebenen des Sports" einzusetzen. Die Frage, was unter einem aktiven Vorgehen verstanden wird, bleibt ebenso unbeantwortet, wie die nach konkreten Maßnahmen.

Das Fähnchen im Wind

So wirkt die Berliner Erklärung wie blanker Aktionismus im Stile von "Wir tun doch was". Doch der Fußball hat bereits bewiesen, welche Strahlkraft und welchen Einfluss er bei gesellschaftlich relevanten Themen besitzt. Nur die gute Absicht reicht nicht mehr, den vollmundigen Worten müssen Taten folgen.

Denn allen Unkenrufen zum Trotz, der Fußball dürfe nicht für politische Zwecke missbraucht werden, geschieht dies schon längst. Die Migrationshintergründe einiger Nationalspieler werden als Paradebeispiele für gelungene Integration dargestellt. Den Orden für diese Leistung heftet sich der Fußball selbstverständlich gerne an die Brust.

Verständlich, schließlich erhofft man sich vom positiven Image monetäre Vorteile. Ein weltoffener Sport lässt sich eben in allen Teilen der Bevölkerung vermarkten. Die Fähnchen werden immer so aufgehängt, dass sie in Richtung Geld wehen.

Wenn Homosexuelle als zahlungskräftige Zielgruppe in den Fokus des Fußballs rücken, erst dann wird dieser auch die Regenbogenflagge hissen. Bis dahin ziehen eben weiter die "echten Kerle" in den Krieg.