Presse

"Barbiepuppen statt lesbische Wuchtbrummen"
(Der Tagesspiegel, Berlin, 16.07.2011)


von Anke Myrrhe

Alle Fußballerinnen sind lesbisch, sagt das Klischee. Das führt jedoch nicht dazu, dass im Frauenfußball entspannter mit Homosexualität umgegangen wird. Die WM war da sogar ein Rückschritt.

Sie trinken Sekt mit Strohhalmen aus Plastikbechern. Tanja Walther-Ahrens hebt ihren Becher. „Wir haben wieder eine herausragende Saison gespielt“, sagt sie fast ein wenig feierlich. „Allerdings haben wir nicht so viele Tore geschossen wie im letzten Jahr, daran müssen wir in der Sommerpause arbeiten.“ Ihre Teamkolleginnen brechen in lautes Gelächter aus. Trainiert haben die Fußballerinnen des SV Seitenwechsel schon lange nicht mehr. Und das ist nicht das Einzige, was sie von anderen Mannschaften unterscheidet.

Im Frauenfußball kehrt sich das Vorurteil des Männerfußballs um. Auf der einen Seite gibt es ausschließlich homosexuelle Frauen, auf der anderen nur heterosexuelle Männer. Das Ergebnis aber ist ähnlich: Die Angst vor dem Outing ist bei Fußballerinnen beinahe genauso groß wie bei den männlichen Pendants. Genau betrachtet kann man die Anzahl der Fußballerinnen, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen, an einer Hand abzählen. Und die Allgegenwärtigkeit des Frauenfußballs in diesem Sommer wird daran kaum etwas ändern. Eher im Gegenteil.

Es gibt viele Gerüchte um die deutsche Nationalmannschaft. Die Boulevardpresse stürzt sich auf vermeintliche Schmuddelgeschichten und spekulierte vor einigen Jahren über eine Dreiecksbeziehung zwischen Inka Grings, Linda Bresonik und ihrem damaligen Trainer Holger Fach. Grings beantwortet seither keine Fragen mehr zu ihrem Privatleben. Es soll im DFB lange ein ungeschriebenes Gesetz gegeben haben, dass Homosexualität zwar geduldet werde, solange die Spielerinnen damit nicht an die Öffentlichkeit gingen. Tanja Walther-Ahrens hat damals in der Bundesliga gespielt, bei Tennis Borussia und Turbine Potsdam. „1995 gab es eine große schwul-lesbische Sportveranstaltung, bei der es auch ein Fußballturnier gab“, erzählt sie. „Da war klar: Wenn die Nationalspielerinnen da mitmachen, sind sie die längste Zeit Nationalspielerinnen gewesen.“ Allein die Aussage der deutschen Teammanagerin Doris Fitschen, es werde niemandem „mehr“ untersagt, sich zu outen, deutet darauf hin, dass es mal andere Zeiten gab.

Walther-Ahrens ist heute als Delegierte der European Gay and Lesbian Sports Federation (EGLSF) Ansprechpartnerin für Fußball und Homophobie. DFB-Präsident Theo Zwanziger hat sie Anfang des Jahres in die Nachhaltigkeitskommission des Deutschen Fußball-Bundes geholt. Im Februar hat sie ihr Buch vorgestellt: „Seitenwechseln – Coming Out im Fußball.“ Sie ist inzwischen 40, lässt das halblange Haar einfach grau werden. Die studierte Sportwissenschaftlerin drückt sich klar aus, überzeugt mit logischer Argumentation, nicht mit der Keule der Political Correctness, die zu diesem Thema häufig herausgeholt wird. Sie glaubt, dass es heute keine Verbote mehr braucht. „Ich glaube, das ist gar nicht nötig“, sagt sie. „Homosexualität hat immer noch so einen Beigeschmack von Krankheit und Sünde. Da ist man lieber vorsichtig und sagt gar nichts.“

Es ist ein warmer Frühsommermorgen. Auf dem Kunstrasenplatz in Berlin Treptow packen die Frauen des SV Seitenwechsel zufrieden ihre Sachen zusammen. Sie haben ihr letztes Saisonspiel 4:0 gewonnen und sich so den vierten Platz in der Landesliga gesichert. Die Stimmung ist ausgelassen, denn aufsteigen wollten sie nicht. „Dann müssten wir trainieren“, sagt Tanja Walther-Ahrens lachend. Das hat sie in ihrem Leben genug getan. Trotzdem wollte sie nach ihrer Karriere gern weiterspielen. Sie entdeckte den SV Seitenwechsel und gleichzeitig ihre Leidenschaft, sich gegen Homophobie zu engagieren.

Der SV Seitenwechsel ist ein Frauen- und Lesbensportverein. Einst mit dem Ziel, die Emanzipation von Frauen im Sport voranzutreiben von einem Volleyball-Team gegründet, hat er heute 700 Mitglieder in verschiedensten Sportarten. Nicht alle sind homosexuell. Viele der Frauen genießen es einfach, beim Sport keinen Männern zu begegnen. In erster Linie aber ist der SV Seitenwechsel eine Anlaufstelle für lesbische Frauen. „Wer keine Lust auf Versteckspiel hat, ist hier genau richtig“, sagt Walther-Ahrens.

Sie weiß, wovon sie redet. Sie hat alles selbst erlebt: die Vorurteile und das Ausgegrenztsein. Als sie 1994 bei TeBe spielte, war sie mit einer Mitspielerin zusammen, jeder wusste das, viele andere waren auch lesbisch, es war kein Problem. Doch irgendwann sagte die Managerin, Walther-Ahrens und ihre Freundin sollten nicht mehr Hand in Hand zum Training kommen. Die Eltern der Mädchen, die nebenan trainierten, könnte das abschrecken. „Das hat sich nicht gut angefühlt“, sagt Walther-Ahrens. „Keine der anderen hat etwas gesagt. Wir standen relativ alleine da.“

Die Angst vor diesem Moment, davor, dass sich auf einmal alles ändert, hindert viele Fußballerinnen daran, offen über ihre sexuelle Orientierung zu sprechen. Ursula Holl hatte den Mut. Die zweite Torhüterin der Nationalmannschaft hat im vergangenen Sommer ihre Freundin geheiratet. „Weil ich sie liebe“, sagt Holl. Und damit ist für sie auch schon alles gesagt. Holl wollte kein Geheimnis aus ihrer Beziehung machen, dachte: Ich mache das jetzt öffentlich, gebe zwei, drei Interviews und dann ist das Thema durch. Doch das ist es nicht. Heute möchte sie am liebsten gar nicht mehr darüber sprechen. Denn seit ihrem Outing bekommt sie fast ausschließlich Anfragen zu diesem Thema. Auch Schwulen- und Lesbenverbände hätten sie gern für sich gewonnen, als Vorbild, als Aushängeschild. Doch Holl möchte nicht die Vorzeigelesbe sein, sie möchte als Sportlerin gesehen werden.

Im deutschen Männerfußball ist der Zweitligaprofi Marcus Urban der Einzige, der sich geoutet hat. Nach dem Karriereende. Bei den Frauen gibt es ein paar, die sich trauen. Wie Pia Sundhage, die schwedische Trainerin der USA, die offen lesbisch lebt. Und Nadine Angerer, deutsche Nationaltorhüterin, die Anfang des Jahres zumindest ein halbes Outing wagte, als sie sagte: „Ich persönlich bin da offen, weil ich der Meinung bin, dass es nette Männer und nette Frauen gibt.“

Studien gehen allerdings von 30 bis 40 Prozent lesbischer Frauen im Leistungssportbereich aus – im Vergleich zu geschätzten fünf Prozent in der restlichen Bevölkerung. Als Sportlerinnen könnten Frauen viele eher männliche Attribute ausleben, sagt Walther-Ahrens. „Du kannst keinen Sport machen, ohne aggressiv zu sein, ohne kampflustig zu sein, ohne richtigen Ehrgeiz. Deswegen fühlen sich viele Lesben, die keine Lust haben, dem weiblichen Klischee zu entsprechen, in der Sportwelt so wohl.“

Zumindest im DFB hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan, vor allem seit Theo Zwanziger Präsident ist. Auch daran, dass er den Kampf gegen Homophobie zur Chefsache gemacht hat, hat Tanja Walther-Ahrens einen Anteil. Zwanziger hielt 2007 beim Fankongress in Leipzig eine Rede und erklärte, warum Fußball nicht diskriminieren dürfe. „Er zählte alle Gruppen auf“, erinnert sich Walther-Ahrens. Nur Homosexuelle waren nicht dabei. Walther-Ahrens sprach ihn später darauf an, seither stehen die beiden in engem Kontakt. „Er hat viel verändert“, sagt Walther-Ahrens. Auch im Männerfußball ist ein Bewusstsein entstanden, dass es da ein Problem gibt. Es gibt inzwischen mehr als ein Duzend schwullesbische Fanklubs.

Doch der Verband kann nur die Bühne bieten, auftreten müssen die Sportler und Sportlerinnen selbst. „Es ist Privatsache, sagen die meisten“, sagt Tanja Walther-Ahrens. „Aber Heterosexualität ist auch Privatsache.“ Und trotzdem besteht großes Interesse an den Freundinnen der Schweinsteigers und Özils auf den Stadiontribünen.

Neuerdings gab es diesen Schwenk auf die Tribüne auch beim Frauenfußball. „Es ist nicht so, dass alle Partner in einer Reihe sitzen“, erzählte Carina Holl, die Frau der Torhüterin, kürzlich der „FAS“. Familie, Freunde und Partner werden bunt gemischt. Und gezoomt wurde eher darauf, wie Alexandra Popp ihren Freund küsste. Der DFB arbeitete in diesem Sommer emsiger denn je daran, das für die Vermarktung hinderliche Klischee des lesbischen Wuchtbrummensports loszuwerden. Das zeigt allein das Motto „20elf von seiner schönsten Seite“. Die Schminkgewohnheiten der Spielerinnen rückten auf einmal in den Fokus, es gibt sogar Barbiepuppen von Birgit Prinz und Silvia Neid.

Müssen da nicht lesbische Spielerinnen befürchten, in dieses neue Bild ihres Sports nicht mehr hineinzupassen? Dass ein Outing ihrer Karriere schaden könnte?

Bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin wird wenige Wochen vor Beginn der Frauenfußball-WM der Film „Go Girls Go“ gezeigt. Als Doreen Meier, die Trainerin des Frauenbundesligavereins Bayer Leverkusen, sagt: „Ich glaube, dass die Mannweiber dem Frauenfußball nicht gutgetan haben“, geht ein Raunen durch den Saal. „Warum darf Fußball nicht lesbisch sein?“, fragt eine empörte Besucherin später.

In lesbischen Blogs toben in diesen Tagen Diskussionen über die neue Vermarktungsstrategie des Frauenfußballs. Tenor: Es hilft nichts, wenn offiziell alles erlaubt, das Gefühl aber ein anderes ist.

Die nigerianische Trainerin Eucharia Uche soll lesbische Spielerinnen aus ihrem WM-Team verbannt haben, weil es „moralisch sehr falsch“ sei, zitierte sie die „New York Times“. „Wir haben jetzt Spielerinnen, die Gottes Gebote befolgen“, soll Uche gesagt haben. Sie bestritt das später, wenn auch recht halbherzig. Die Reaktion der Fifa darauf hat schwul-lesbische Organisationen enttäuscht. „Diskriminierung“ werde abgelehnt, war das farblose Statement des weltgrößten Sportverbands, Homophobie wurde nicht explizit erwähnt.

Die Frauen des SV Seitenwechsel gehen das Thema spielerisch an. Sie verbinden Sport mit einer politischen Aussage. „Ich kann nur sagen: Traut Euch, es lohnt sich“, sagt Tanja Walther-Ahrens. Sie hat ihre Freundin Christina geheiratet, Anfang des Jahres brachte diese eine Tochter zur Welt. Walther-Ahrens muss sie adoptieren, mit polizeilichem Führungszeugnis und langwierigem Verfahren. „Wir haben dieselben Pflichten wie Verheiratete, aber nicht dieselben Rechte“, sagt sie. Walther- Ahrens und ihre Mannschaftskolleginnen kämpfen dafür, dass sich auch das irgendwann ändert. Damit ihre Tochter später keine Konsequenzen fürchten muss, falls sie mal sagen möchte: Ich liebe eine Frau.