Presse

"Warum sich kein Fußballprofi outet"
(Der Tagesspiegel, Berlin, 08.03.2013)


von Claus Vetter

Noch hat sich kein Fußballspieler aus der Bundesliga als schwul geoutet. Nicht nur Nähe und Körperlichkeit im Sport erschweren diesen Schritt.

Günther Jauch wippt mit den Schultern, dann holt er tief Luft. „Bei mir heute Abend in der Sendung zu Gast Herr Ypsilon, der erste Fußballer aus der Bundesliga, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt.“ Donnernder Applaus. Ypsilon lächelt. Jauch fragt: „Herr Ypsilon, erzählen Sie doch mal, wie war das...“ Und Ypsilon erzählt, wie das war mit seinem Outing, beim Trainer, den Mitspielern, beim ersten Spiel danach, beim Duschen. Und erklärt sein Schwulsein als Fußballer auch bei Maischberger, Beckmann, Plasberg, und, und, und. Ypsilon redet für den Rest seines Lebens vor allem über ein Thema. Er wird nicht der Spieler sein können, an den sich alle wegen eines schönen Tores erinnern.

Es gibt Ypsilon noch nicht. Obwohl ihn viele kennenlernen wollen. Weil der Mensch neugierig ist. Weil Ypsilons in der Bundesliga spielen. Wie viele, weiß kein Mensch. Es gibt wenige Sportler und noch weniger Fußballer, die sich geoutet haben. Zuletzt ging der US-Nationalspieler Robbie Rogers an die Öffentlichkeit. Via Twitter und nachdem er seine Karriere beendet hatte. Doch warum hat sich bis jetzt kein Bundesligaprofi geoutet? Warum scheint die Hürde dafür im Fußball höher als in anderen Bereichen des Lebens, etwa der Politik?

Politiker oder Schauspieler müssen nach ihrer Arbeit nicht gemeinsam duschen. Die Nähe im Profisport ist groß, auch gemessen an der Zeit, die man gemeinsam verbringt. Beim täglichen Training. Auf Reisen, in Hotelzimmern. Beim Sport geht es um Körperlichkeit. Ein Jogger oder eine Joggerin wird abschätzender betrachtet als eine Spaziergängerin. Und sobald sexuelle Orientierung nicht dem gängigen Muster entspricht, sobald ein Mann sagt, dass er mit seinem Mann und nicht seiner Frau ins Kino geht, kann das irritieren, glaubt Marcus Urban. „Für manchen Heterosexuellen ist Homosexualität sicher noch so nichtalltäglich, dass er zunächst erstmal nur das Thema Sex im Kopf hat, anstatt zu fragen was denn im Kino läuft.“

Urban ist einer der wenigen Fußballer, die sich zu ihrer Homosexualität bekannt haben. Bis Anfang der Neunziger stand er bei Zweitligist Rot-Weiß Erfurt unter Vertrag. Dann hat er seine Karriere beendet, weil er den Druck des Versteckens nicht mehr aushielt. 2007 hat sich der inzwischen 41-jährige Thüringer geoutet. Er sagt: „Ich bin stolz darauf, wie ich das hingekriegt habe.“ Nun hofft Urban, dass auch andere das hinkriegen. Als Mitglied der Arbeitsgruppe „Outing“ beim Deutschen Fußball-Bund arbeitet er zurzeit an einem Leitfaden, der schwulen Fußballern das Outing erleichtern soll.

Das Umfeld des Spielers, Familie, Mitspieler, Trainer und Journalisten wüssten oft jetzt schon Bescheid. Das hat zum Beispiel der Fernsehreporter Rolf Töpperwien in einer Talkshow bei Markus Lanz behauptet, ohne Namen zu nennen. Marcus Urban sagt, die Wissenden im Umfeld eines schwulen Profis seien wie „Co-Abhängige“, weil sie beim Versteckspiel mitmachten. Warum da bisher nichts an die Öffentlichkeit drang? „Derjenige, der einen schwulen Spieler öffentlich machen würde, wäre für immer in der Branche verbrannt“, glaubt Urban. Das gelte auch für Journalisten. Ein Outing müsse gut vorbereitet sein, sagt der ehemalige Fußballer. Der walisische Rugbyprofi Gareth Thomas bekannte sich 2009 erst zu seiner Homosexualität, nachdem er seine Frau, Mitspieler und Trainer unterrichtet hatte.

Wie würde es dem ersten bekennenden schwulen Bundesligaspieler ergehen?

Wie würde es dem ersten bekennenden schwulen Bundesligaspieler ergehen? Die Zuschauer in der Bundesliga sind was – etwa rassistische – Diffamierung betrifft, disziplinierter geworden, und es gibt seit Jahren schwule Fanklubs. In Sprechchören ausgelebte Homophobie ist eher unwahrscheinlich. Möglich ist es trotzdem. Den Schiedsrichter als „schwule Sau“ zu besingen, ist gerade unterklassig durchaus noch Alltag. Im Stadion haben viele Menschen das ventilierende Gefühl, sich anders verhalten zu können als im Alltagsleben. Denn wo sonst können Emotionen derart ungeniert und laut ausgelebt werden?

Doch das Stadion ist nur ein Teil. Die Menschen gehen nach dem Spiel nach Hause, sie sind Bauarbeiter, Professoren, Priester. Und sie alle haben ihre Einstellung zur Homosexualität. Urban sagt, Schwule würden immer mit Beschimpfungen und Diffamierungen konfrontiert, immer mit dem Problem leben, dass bestimmte Orte für sie kaum offen zu betreten sind. Hand-in-Hand mit dem Freund – das gehe eben nicht überall. Um Ärger aus dem Weg zu gehen, versteckt sich der Mensch. Das kostet Kraft. Das Versteckspiel eines schwulen Fußballers, sagt Urban, „verschleißt Ressourcen, die dir nicht für den Fußball zur Verfügung stehen“.

Es gibt nur Spekulationen über die Zahl homosexueller Profis in der Bundesliga, es gibt nicht einmal verlässliche Zahlen über den Anteil Homosexueller in der Bevölkerung. Und es sollte sie nicht geben, es kann sie auch nicht geben, weil sich Biographien und Ausprägungen sexueller Orientierung unterscheiden. Mancher unterdrückt sein Leben lang seine Homosexualität, bei vielen kommt das Coming Out spät und ein anderer ist bisexuell orientiert. Wahrscheinlich aber ist, dass der Anteil Menschen mit homosexueller Ausrichtung unter Bundesligaprofis eher gering ist: weil viele Spieler das Versteckspiel nicht mitmachen wollen und daher bereits als Jugendliche aufhören.

Im Frauenfußball gilt der Anteil derer, die das gleiche Geschlecht lieben, als größer. Und es gibt Prominenz, die offen damit umgeht. Die einstige Nationaltorhüterin Ursula Holl lebt seit 2010 mit ihrer Frau in einer Ehe, Nationaltorhüterin Nadine Angerer hat sich zu ihrer Bisexualität bekannt. Aber das habe an der Basis noch nicht zu einem toleranteren Umgang mit dem Thema geführt, sagt Christian Rudolph, Leiter des 2009 initiierten Projektes „Soccer Sound“, das in Zusammenarbeit mit dem Berliner Fußball-Verband und gefördert vom Senat Aufklärung in Vereinen betreibt. „Auch im Frauenfußball verstecken etwa Trainerinnen ihre Neigungen“, sagt Rudolph. In der Angst, dass dann Eltern ihre Töchter vom Verein abmelden. Fußball hänge durchweg noch in alten Strukturen und Denkweisen. „Wir beobachten das in der Jugend, wenn da Spieler vom Trainer beschimpft werden mit: ‚Lauf nicht so schwul.’ So erachten Kinder Schwulsein schon früh als etwas Schlechtes.“ Rudolph glaubt, dass der Fußball zwar nicht „homophober als er Rest der Gesellschaft ist“, aber dass ein Outing eines prominenten Spielers nicht „problemlos“ ablaufen wird. „Da sind wir lange noch nicht so weit.“

Vielleicht sind die homosexuellen Bundesligaprofis auch längst bekannt, trifft es auf einige der Namen zu, die immer mal wieder damit in Verbindung gebracht werden. Outings in Männerdomänen wie dem Fußball könnten eine gesellschaftliche Veränderung nach sich ziehen. Millionen, die jedes Wochenende Bundesliga verfolgen, wären mit dem Thema Homosexualität konfrontiert. Aber wer von denen, die Jahre lang hart gearbeitet haben, will seine Fußballkarriere aufs Spiel setzen, um womöglich als ein Held der aufgeklärten Gesellschaft in die Geschichte einzugehen?

Einer wird es machen. Es wäre auch eine Chance, prominenter und stärker zu werden. Am Ende wäre die Diskussion bei Günther Jauch vielleicht weniger schlimm als alle Diskussionen davor.