Presse

"Schwule im Profifußball - Eine unendliche Geschichte"
(Schwulissimo, Hamburg, 24.02.2013)


Wieder einmal ist es passiert. Es hat sich ein Fußballer als schwul geoutet. Doch was zunächst wie eine Sensation klingt, entpuppte sich auch dieses Mal wieder als Strohfeuer im Profisport. Was war geschehen? Der 25-jährige US-amerikanische Fußballer Robbie Rogers hat sich zunächst bei Twitter mit dem folgenden Tweet gemeldet.

Wenn man dann auf seine Homepage wechselte bekam man sein Outing in einem persönlichen Text zu lesen. Doch im gleichen Atemzug kündigte er dann auch seinen Rücktritt als Profifußballer an. Obwohl es nach seinem Outing viele positive Reaktionen gab, so bleibt doch ein gewisser Zweifel, ob das nun zu einem größeren Umdenken im Profifußball führt.

Rogers schreibt in seinem Text u.a.: „In den vergangenen 25 Jahren hatte ich Angst zu zeigen, wer ich wirklich bin. Ich hatte Angst, dass Verurteilungen und Zurückweisungen meine Träume verhindern könnten". Und weiter führt er aus „Ich werde niemals die Hilfe meiner Freunde vergessen, die mich auf meinem Weg unterstützt haben, nachdem sie es wussten."

Rogers hatte 2009 sein Debüt für die Nationalmannschaft der USA gefeiert, stand allerdings nicht im US-Kader für die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. 2008 nahm er an den Olympischen Spielen in Peking teil. Auf Vereinsebene war er unter anderem für den niederländischen Club SC Heerenveen und den englischen Verein Leeds United aktiv. Den größten Teil seiner Karriere verbrachte er bei Columbus Crew in der US-Profiliga.

Er endete mit den Worten: „Mein Geheimnis ist weg, ich bin ein freier Mann."

"Der Mut von Robbie Rogers ist lobenswert. Ich hoffe, er weiß, dass er nicht zurücktreten muss. Er bekommt mehr Unterstützung als er denkt", meinte Gladbachs Ex-Keeper Kasey Keller via Twitter. "Mutige Männer wie Du werden dafür sorgen, dass es eines Tages keinen Grund mehr für solche Erklärungen gibt", schrieb Eddie Pope, Ex-Kollege von Rogers im US-Team.

Man darf allerdings bezweifeln, dass sich in naher Zukunft etwas im Profifußball ändern wird und bis es einen offen schwulen Profifußballer gibt, werden sicher auch noch einige Jahre vergehen. Rogers selber scheint mit seinem Rückzug aus dem aktiven Fußballsport dieses ja fast zu untermauern, denn wenn ein erst 25 Jahre alter Fußballers eine Karriere beendet, wenn er sich als schwul outet, scheint dieses die These fast zu untermauern, dass es eben doch keine aktiven schwulen Profispieler im Fußball gibt.

Es ist noch gar nicht so lange her, da hatte sich in dem Online-Magazin „Fluter“ ein angeblicher schwuler Fußballprofi geoutet – allerdings anonym. Auch hier war es ein Strohfeuer, was schnell wieder erloschen ist, ohne große Spuren zu hinterlassen. Zumal nicht wenige Leute an der Echtheit des Interviews gezweifelt haben.

Auch Carsten Stock, Leiter der schwulen Fußballmannschaft beim Hamburger schwul-lesbischen Sportverein Startschuss SLSV und gleichzeitig DFB-Ehrenamtspreisträger äußerte sich in einer Pressemeldung ähnlich. Stock drückte in einer MItteilung seines Vereins seinen Respekt und seine Achtung für das Outing Rogers' aus und beglückwünschte ihn zu dieser mutigen Entscheidung. Niemand könne mit einem ständigen Versteckspiel vor sich selbst und vor anderen und in ständiger Angst im Leben glücklich werden. "Für Rogers beginnt jetzt in jeder Beziehung ein neues Leben", erklärte Stock.

Bedenken äußerte Stock hingegen dazu, dass Rogers den einzigen Ausweg aus dieser Situation in einem Rückzug vom Profi-Fußball gesehen habe. Die Verantwortlichen im Fußball, die ihn jetzt zu seinem Outing gratuliert haben, müssten sich im gleichen Atemzug die Frage stellen, weshalb Rogers seine Karriere mit 25 Jahren nicht fortsetzen wolle: "Wo ist die Unterstützung durch den Verein, wo ist die Unterstützung durch die Verbände gerade in dem Moment gewesen, in dem Rogers diese am meisten gebraucht hätte? Wo ist das vertrauensvolle Umfeld gewesen, das jeder Spieler und in diesem Fall besonders Robbie Rogers gebraucht hätte? Wieso erzeugt unsere Gesellschaft immer noch einen Druck, der die Betroffenen in Angst vor Verurteilung und Ablehnung leben lässt?"

Für Stock ist das Outing Robbie Rogers' noch lange nicht das erhoffte Befreiungssignal im Profi-Fußball, das von vielen sehnsüchtig erwartet werde. "Vielmehr ist durch den gleichzeitigen Rückzug Rodgers genau der gegenteilige Eindruck erweckt worden, dass Homosexualität und Profifußball nicht vereinbar seien", sagte Stock. Die Verantwortlichen im Sport müssten deutlich machen, dass diese Vereinbarkeit durchaus gegeben sei und dies endlich auch durch Taten untermauern.

Doch auch ein anderer Fall sorgte vor kurzem für ein weiteres Rauschen im Blätterwald. Dabei betraf es die beiden russischen Fußballer Pavel Mamayev (24) und Alexander Kokorin (21), Fußballer zweier Moskauer Fußballclubs und Mitglieder der russischen Nationalmannschaft. Hier brodelte die Gerüchteküche, nachdem beide teilweise durchaus intime Urlaubsfotos in einem russischen sozialen Netzwerk veröffentlicht hatten. Kokorin postete zusammen mit einem Foto der beiden: "I love him!".

Mutig war dieses allemal, denn das Vorgehen der beiden Spieler verwundert, da Rußland - vorallem die russische Fußballszene - nicht gerade für Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben bekannt ist.

Ein weiterer Grund, warum plötzlich diese Bilder auftauchten, könnte die Tatsache sein, dass sich der Dauerrivale aus Sankt Petersburg kürzlich gegen Dunkelhäutige und Homosexuelle im Fußball ausgsprochen hatte und die beiden Fußballer dagegen Position beziehen wollten. Auch das wäre zumindest ein mutiger Schritt der beiden jungen Fußballer.

Es scheint noch ein langer, langer Weg bis zu einem ersten „wirklichen“ offen schwulen Profifußballer zu sein, der aktiv seine Karriere nach seinem Outing fortsetzt.