Presse

"Homophobie im Fußball: Von 'ganz normalen' Schimpfwörtern"
(Echo Online, Darmstadt, 20.02.2013)


von Kerstin Fritzsche

Homosexualität ist des Fußballs größtes Tabu - Lesung und Diskussion im Fanprojekt

Am Wochenende outete sich der US-Fußball-Nationalspieler Robbie Rogers als schwul und beendete danach seine Karriere. In Deutschland ist die Diskussion um ein anonymes Interview mit einem schwulen Bundesligaspieler im Jugendmagazin „Fluter“ noch kein halbes Jahr alt. Homosexualität gilt nach wie vor als das letzte Tabu im Profifußball.

Deswegen würden die Medien so alle sechs bis acht Monate „Deutschland sucht den schwulen Profifußballer“ spielen, was dann zielsicher eine Erregungswelle nach sich ziehe, so der Sportjournalist Ronny Blaschke. Im Rahmen der stadtweiten Kampagne „Kein Platz für Nazis“ stellte er am Dienstagabend beim Darmstädter Fanprojekt sein Buch „Versteckspieler“ vor, die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban, die Blaschke 2008 aufschrieb. Schon allein die Erwähnung des Themas sorge vielerorts für Irritation, etwa „als ich Kollegen erzählte, dass ich die Interviews mit Marcus mache. Viele denken dann, man bereite damit sein eigenes Coming-Out vor und verstehen gar nicht, dass man sich journalistisch für das Thema interessiert“, erzählt Blaschke.

Für den Journalisten, der sich außerdem seit Jahren mit dem Thema Rassismus im Fußball auseinandersetzt, ist Homophobie ein Element rechten Denkens mit den gleichen Mechanismen: „Es geht darum, schwache Gruppen abzuwerten und gegenüber dem Gegner eine Grenze zu ziehen“, erklärt er. „Beim Fußball ist diese Grenze mit Homophobie einfacher und subtiler zu ziehen, denn 'Scheißneger' kann man nicht mehr im Stadion brüllen, aber 'schwule Sau' ist ja schon auf Schulhöfen ein ganz normales Schimpfwort.“

Seit die Diskussion 2006 mit dem inzwischen eingestellten Fußball-Magazin „Rund“ aufgekommen ist, hätte sich bis jetzt an der Debatte nichts verändert. Blaschke spricht offen von einer „Scheinheiligkeit des DFB“ vor allem unter dessen ehemaligem Chef Theo Zwanziger. Vorne heraus würde Toleranz immer ganz groß geschrieben, aber für deren Förderung würde konkret wenig bis gar nichts getan. Blaschke nennt als Beispiel den Fall der nigerianischen Nationaltrainerin, die vor der Frauen-WM 2011 stolz verkündete, ihre Mannschaft sei „lesbenfrei“. „Der DFB hat null Stellung dazu bezogen.“

Aus diesen Gründen sei er hier, und deshalb sei die Lebensgeschichte von Marcus Urban immer noch aktuell. Blaschke liest in der Folge entscheidende Stellen aus dem Buch und ergänzt sie zwischendrin mit frischen Fakten und Beispielen. Die rund 20 anwesenden Fans, die sich gegen das gleichzeitig stattfindende Champions-League-Spiel entschieden haben, lauschen gebannt, wie Urban mit 16 Jahren sein Schwulsein entdeckte und sich bis 23 aus Angst vor Abweisung versteckte, sich selbst unter Druck setzte und letztlich seinen Traum von der großen Karriere zugunsten eines ungezwungenen Lebens aufgab.

Bei der anschließenden Diskussion erörterten die Fans den Umgang mit schwulen und lesbischen SV98-Anhängern und dem Schimpfwort „schwule Sau“ im eigenen Stadion – und kamen zu keiner Einigung. „Wir selbst könnten schon mehr machen, an der Basis“, sagt einer. „Ja, aber bei einer entsprechenden Choreografie gibt es doch trotzdem immer einen, der 'schwuler OFC' brüllt“, wirft ein anderer ein. Die meisten seien doch nicht wirklich homophob. Aber schwierig werde es dann trotz aller guten Vorsätze und irgendwelcher Banner, wenn jemand aufgrund von „männerbündischem Verhalten im Stadion die Political Correctness einfach mal sausen lässt“ – und davon gäbe es doch viele. So lange „schwule Sau“ also nicht nur auf dem Schulhof leider „normal“ sei, bleibt es schwierig, etwas zu ändern. In Zukunft genauer hinzuhören und einzuschreiten, wenn der Nebenmann im Stadion homophobe Parolen skandiert, wäre aber schon ein Anfang, sind sich alle einig.