Presse

"Homosexualität im Fußball - viel Aufklärung nötig"
(Rheinische Post, Düsseldorf, 20.02.2013)


von Patrick Scherer

Der DFB will schwulen Profifußballern mit einem Leitfaden helfen, sich zu outen. Vereinsverantwortliche raten davon jedoch ab.

Die Vergabe der WM 2022 nach Katar sorgte für reichlich Kritik. Bei der Rechtfertigung dieser Entscheidung erklärte Fifa-Präsident Sepp Blatter im Dezember 2010 zum Besuch des Wüstenstaats, in dem Sex zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern strengstens verboten ist: "Ich denke, dann sollten sie (die Homosexuellen, Anm. d. Red.) jegliche sexuelle Aktivität unterlassen."

Etwas mehr als zwei Jahre später hat sich Blatters Fähnchen im Wind gedreht. Nach dem Motto "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?" twitterte der 76-jährige Schweizer in der vergangenen Woche: "Das ist 2013. Danke. Mutigen Männern wie Ihnen ist es zu verdanken, dass solche Bekanntmachungen eines Tages nicht mehr notwendig sind." Die digitale Mitteilung richtete sich an Robbie Rogers. Der US-Nationalspieler outete sich als homosexuell, gab aber gleichzeitig seinen Rücktritt vom bezahlten Fußball bekannt. Neben Blatter gab es viele Fürsprecher für Rogers Outing. Doch die Lobeshymnen sind verstummt. Es wird immer deutlicher, dass Blatter und Co. den zweifelsohne mutigen Schritt zu kurzsichtig betrachten.

DFB-Arbeitsgruppe

Die Kritik zielt darauf ab, dass Rogers mit erst 25 Jahren als einzigen Ausweg seinen Rückzug vom Profi-Fußball gesehen habe. Es reicht nicht, wenn sich jemand zu seiner Homosexualität bekennt. Diese muss auch respektiert und akzeptiert werden. Erst dann, sagen die Kritiker, ist etwas gewonnen. Der DFB hat bereits seit längerer Zeit Schritte eingeleitet, um schwulen Fußballern das Outing zu erleichtern. Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung des Sportsoziologen Gunter A. Pilz entwickelt derzeit einen Leitfaden, der am 28. Februar vorgestellt werden soll. "Der Leitfaden wird vorbereitet, damit Vereine und Verbände auf ein mögliches Outing vorbereitet sind und bestenfalls Hilfestellung leisten können", erklärt Pilz, der nicht glaubt, dass das Outing von Rogers Auswirkungen auf den deutschen Fußball hat: "In den USA und England ist die Situation eine andere. Dort haben sich Sportler geoutet, ohne dass etwas passiert ist. Wir haben in Deutschland eine andere Fankultur."

Nach der Einschätzung von Fortuna Düsseldorfs Sportvorstand Wolf Werner sind die Versuche des DFB nicht besonders hilfreich: "Von einem Coming-Out-Leitfaden halte ich gar nichts. Es kommt immer auf die individuellen Persönlichkeiten an. Ein Leitfaden wird nichts ändern. Das ist wieder Aktionismus vom DFB."

Werner sieht die Zeit für ein Coming Out in der Bundesliga noch nicht gekommen: "Wenn ein Spieler mich fragen würde, würde ich ihm abraten. Fußball ist eine absolute Männerdomäne. Er würde sich sehr vielen dummen Sprüchen ausgesetzt sehen."

Gesellschaftliches Problem

Für den 70-Jährigen ist die fehlende Akzeptanz Homosexueller ein gesellschaftliches Problem, das nicht der Fußball alleine lösen kann. "Schauen Sie sich das Comedy-Programm im Fernsehen an einem Freitagabend an. 80 bis 90 Prozent der Witze sind sexistisch. Es ist nun mal so in unserer Gesellschaft. Wir können das Leben nicht schöner machen, als es ist." In Martin Kind, Präsident von Hannover 96, hat Werner einen Gesinnungsgenossen: "Es ist noch deutliche Aufklärung zu leisten. Erst dann würde ich einem Spieler empfehlen, sich zu outen."

In der Arbeitsgruppe des DFB zur Erstellung des Leitfadens befindet sich auch Marcus Urban, der einzige Fußball-Profi Deutschlands, der sich bisher als homosexuell geoutet hat. Auch er beendete Anfang der 1990er seine Profikarriere beim Zweitligisten Rot-Weiss Erfurt. Der Druck, sich als Homosexueller in der Fußballwelt verstecken zu müssen, war zu groß. Mehr als 20 Jahre später hofft Urban auf mehr Liberalität in der Bundesliga: "Wir wollen nun die Chance beschreiben, die die Sportwelt hat, sich als nicht so intolerant zu präsentieren, wie sie beschrieben wird."