Presse

"Befreit aufspielen"
(WDR, Köln, 15.01.2013)


von Jürgen Bröker

Marcus Urban ist in den vergangenen Jahren viel gereist und hat seine Geschichte erzählt. Seit 2008 das Buch über sein Leben als schwuler Fußballspieler ("Versteckspieler") erschienen ist, ist er das Gesicht für die Diskussion über Homophobie im Fußball geworden. Am Dienstag (15.01.2013) war er in Köln zu Gast.

Bisher hat sich noch kein Profi getraut, offen zu seiner Homosexualität zu stehen. "Die Angst vor den Reaktionen der Fans, der Öffentlichkeit ist einfach immer noch zu groß", sagt Urban. Dabei kenne er mehr schwule Fußballer, als man vielleicht denken möge, versichert er. Dass Urban diese Angst vor dem Coming-out für begründet hält, ist erschreckend. Aber Homophobie ist immer noch ein weit verbreitetes Phänomen im deutschen Fußball.

Immenser Druck

"Anerkennungsarbeit" nennt Urban das, was er tut, wenn er zum Beispiel wie in Köln an der Deutschen Sporthochschule aus seinem Buch vorliest. Er möchte außerdem für die Wertschätzung der Vielfalt werben – ganz gleich ob es um die Herkunft eines Menschen, seine sexuelle Orientierung, sein Alter, seine Größe oder einen anderen Aspekt seines Wesens geht. Seine eigenen Erfahrungen sind es, über die er spricht. Er hat die Angst selbst erlebt. Den Druck, der nicht auszuhalten war und ihn schließlich seine Karriere hat aufgegeben lassen, ehe sie richtig begonnen hatte.

Zwei parallele Leben

Doch nicht nur schwule Profifußballer leiden unter dem Druck, sich nicht zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen zu können. Auch im Amateurbereich gibt es schwule Fußballer, die sich ein zweites paralleles Leben für die Teamkollegen aufbauen. Dazu gehörte auch Andreas Stiene, bis er sich vor mehr als 20 Jahren dem Cream-Team-Cologne anschloss. Einer Mannschaft für schwule Fußballer, die sich damals gefunden hatte. "Bevor ich nach Köln kam, habe ich in Essen in der Landesliga gespielt. Außerdem war ich Polizeikommissar. Ich hatte damals ständig Panik, dass etwas über meine Homosexualität heraus kommen könnte", sagt Stiene heute. Er wäre daran zerbrochen, versichert er. "Die Angst bei Profis und Amateuren ist die gleiche. Und bei beiden geht es auch um Existenzen", sagt er.

Raus aus dem Versteck

Um so wichtiger sind Mannschaften wie das Cream-Team-Cologne (CTC), in der man sich sich zu seiner Sexualität bekennen kann, ohne diskriminiert oder gar beschimpft zu werden. "In dieser Mannschaft konnte ich zum ersten Mal wirklich befreit aufspielen", erinnert sich Stiene. Offen mit der Homosexualität auch auf dem Fußballplatz umzugehen, war für ihn eine ganz neue Erfahrung. Endlich raus aus dem Versteck zu treten, kein Alter Ego mehr, nur noch er selbst sein.

Anfangs kickte die Mannschaft für sich. Später kamen Vergleiche gegen Polizeiauswahlmannschaften und andere schwule Teams hinzu. Außerdem die Teilnahme an den Gay-Games. Seit 1998 kickt das CTC in der Bunten Liga Köln. Anfeindungen von Hetero-Mannschaften gibt es dort nicht. Das Team ist akzeptiert. Aber wäre es nicht noch besser gewesen, das Cream-Team hätte sich für den Ligabetrieb im zuständigen Landesverband des DFB gemeldet? "Das wollten wir nicht. Denn einige von uns haben parallel zum Cream-Team anfangs noch in anderen Mannschaften gespielt. Das wäre dann nicht mehr gegangen", sagt Stiene.

Professionelle Hilfe

Er würde sich wünschen, dass ein Profi den Mut hat, sich zu outen. "Das würde sicher einiges in Bewegung bringen", sagt er. Allerdings müsste ein solcher Schritt gut vorbereitet und es müsste eine sehr starke Persönlichkeit sein. Das sieht auch Urban so. Er arbeitet aktuell in einer speziellen Expertenrunde des DFB, die professionelle Hilfe zur Vorbereitung dieses Schritts anbieten möchte. Nicht nur für Spieler, sondern auch für die Vereine und ihre Entscheidungsträger. "Ein Coming-out macht nur Sinn, wenn der Verein hinter dem Spieler steht", sagt Urban. Zuerst müssten sich die Vereine als "homofreundlich" outen, ehe ein Spieler an die Öffentlichkeit gehen könne.

Mut zum Coming-out

Wann das der Fall sein wird? "Es kann jederzeit und aus dem Nichts heraus passieren", sagt Urban. Das habe das anonyme Interview eines Profifußballers aus dem vergangenen Herbst gezeigt. Zumal jetzt eine Generation heranwachse, die sich nicht verstecken wolle. "Aber es gehört nach wie vor eine Menge Mut dazu, diesen Schritt zu wagen", sagt er weiter. Die Zeit dafür scheint reifer. Die Wand des Schweigens hat erste Risse. Ermutigend scheint auch, dass immerhin gut 20 Proficlubs in Deutschland schon schwul-lesbische Fanclubs haben. Vielleicht wird es ja bald normal sein, dass schwule Fußballer gemeinsam mit heterosexuellen in einer Mannschaft spielen, ohne sich zu verstecken. Ganz gleich in welcher Liga.