Presse

"Die Farbe des Herzens"
(taz Online, Berlin, 04.01.2013)


von Erik Peter

Fußballfreie Zeit? Von wegen.

Kein Fußball für Rassisten

Ein entspannter Vorbereitungskick sollte es werden, der Auftritt des AC Milan im ehrwürdigen Stadion Carlo Speroni des lombardischen Viertligisten Aurora Pro Patria. Einige tausend Zuschauer wollten Silvio Berlusconis Starteam in der Provinz sehen, eine kleine Gruppe rassistischer Kurvenfans hingegen wollte vor allem Stimmung machen gegen die dunkelhäutigen Milan-Kicker M‘Baye Niang, Sulley Muntari und Kevin-Prince Boateng.

Rassistische Sprechchöre und Affenlaute waren von den Primaten auf der Gegengeraden zu vernehmen, angeblich waren es nur vier, allerdings nur bis zur 26. Minute. Da unterbrach der geschmähte Boatengsein Spiel, schnappte sich den Ball und drosch ihn wütend und mit ganzer Wucht in Richtung der besagten Tribüne. Danach entledigte er sich seines Trikots, ließ sich von niemandem aufhalten und und schritt zielstrebig und erhobenen Hauptes von dannen.

Seine Mannschaftskameraden und die Offiziellen taten es ihm gleich, das Spiel wurde zunächst unterbrochen, schließlich abgebrochen. Niemals zuvor wurde die Parole „Kein Fußball für Rassisten“ so eindrücklich umgesetzt. Schön ebenso die Reaktion der restlichen Zuschauer, die den Spielern aus Milan als diese den Platz verließen applaudierten und die Holzköpfe auf ihrer Tribüne auspfiffen.

Der AC Milan ließ nach dem Geschehen in einer ungewohnt deutlichen Form mitteilen: „An einem Punkt hat ganz Milan gesagt: Es reicht. Wessen Herz dieselbe Farbe hat wie das von Boateng, Muntari und Niang konnte einfach nicht mehr und hat entschieden, dass es an der Zeit wäre, diesen vier Blödmännern eine Lektion zu erteilen. Sie standen aufrecht in ihrer Dummheit, es war aber, als würden sie am Boden liegen.“

(...)

Das erstes schwule Fußballpaar?

Russlands Fußballer des Jahres, der 21-jährige Stürmer Alexander Kokorin (Dynamo Moskau) befindet sich in seinem wohl verdienten Jahresurlaub in Miami. Von dort versorgt er seine Fans in den sozialen Netzwerken mit allerlei Bildern – vorm Pool, beim Essen oder beim Besuch eines NBA-Spiels. Fast immer an seiner Seite, Pavel Mamajew von ZSKA Moskau.

Die beiden Nationalspieler sind zu sehen bei innigen Umarmungen und zusammen in der Badewanne, eines der Bilder hat Kokorin überschrieben mit der Zeile: „Ich liebe ihn.“ Ob die beiden die ersten Mutigen des Profifußballs sind, die sich als schwules Paar zu erkennen geben, bleibt dahingestellt.

Äußerungen von ihnen sind bislang nicht überliefert. Denkbar sind die Bilder indes als eine Reaktion auf einen jüngst veröffentlichten Brief von Fans des Rivalen der Moskauer Klubs Zenit Sankt Petersburg, in dem diese sich gegen Homosexuelle und Dunkelhäutige im Fußball ausgesprochen haben. So oder so, Kokorin und Mamaew setzen ein Zeichen, das, insbesondere angesichts einer weit verbreiteten Dumpfbackigkeit unter russischen Fußballfans, ebenso mutig wie erfreulich ist.