Presse

"Gesamt-Outing als Chance"
(Kölner Stadt-Anzeiger, Köln, 13.11.2012)


von Günter Müller

In der Stadtbibliothek haben der Bayer-04-Fanbeauftragte Rüdiger Vollborn und Mitglieder des ersten schwul-lesbischen Fanclubs über Homosexualität im Fußballgeschäft diskutiert.

Rüdiger Vollborn runzelt die Stirn. Dann sagt der Rekordspieler von Bayer 04 (402 Bundesliga-Einsätze) mit fester Stimme: "Ich habe wirklich lange überlegt. Aber mir fällt kein Fußballer ein, der während meiner langen Karriere homosexuell gewesen sein könnte." Abgesehen davon, ein Outing würde der jetzt in der Fanbetreuung ehemalige Torwart keinem Profi empfehlen: "Das hätte verheerende Folgen und würde wohl zu einem Spießrutenlauf führen."

Anders wäre seiner Einschätzung nach die Situation, käme es in einer konzertierten Aktion zu einer Art "Gesamt-Outing". Dem stimmt auch Daniela Frühling vom Leverkusener Fanprojekt zu: "Das wäre eine Chance, wenn sich Spieler von mehreren Vereinen gemeinsam zu ihrer Homosexualität bekennen würden."

Das Fanprojekt hatte am Dienstagnachmittag zu einer Diskussionsrunde zum Thema "Schwul und Fußball? – Das geht doch gar nicht" in die Wiesdorfer Stadtbibliothek eingeladen. Dort ist derzeit die Ausstellung "Tatort Stadion 2" zu sehen, wo unterschiedlichste Formen der Diskriminierung im Fußball dokumentiert und analysiert werden – auch Homosexualität.

Ende der Karriere

Während es für Politiker, Künstler oder Manager oft kein Problem ist in Deutschland, offen schwul zu leben, ist das im Fußballgeschäft anders. "Ein Coming-Out könnte für einen Profi leider das Ende der Karriere bedeuten", erklärt Jens Langenberg, Vorsitzender der Bayer-04-Junxx. 17 Mitglieder gehören zum 2008 gegründeten, ersten offiziellen schwul-lesbischen Fanclub von Bayer 04. Auch homosexuelle Fans sind, sofern sie sich outen, immer wieder Schmähungen ausgesetzt. "Es gibt Extrembeispiele, wo Prügel nicht nur angedroht wurden. Bei uns in Leverkusen haben wir das zum Glück nicht erlebt", erzählt Langenberg.

Die Bayer-04-Junxx sehen eine ihrer wesentlichen Aufgaben darin, den Leuten zu zeigen, dass Homosexualität und Fußball durchaus zusammenpassen, das Schwule sich für mehr als nur Frisuren oder Modetrends interessieren. Aber die mögliche Zielgruppe ist der Veranstaltung ferngeblieben. "Vielleicht liegt das am Thema", meint Stefan Thomé, Leiter des Leverkusener Fanprojekts, spricht von "Interessenlosigkeit" und davon, dass es kaum einen Bundesligaverein gibt, der sich in diesem Bereich deutlich positioniert: "Das kostet ja Geld – und ist denen nicht wichtig genug."