Presse

"Jeder schwule Profi muss ein Ende wie Pezzoni befürchten"
(Hamburger Abendblatt, Hamburg, 13.09.2012)


Hamburger Verein für schwule und lesbische Sporler kritisiert Fußballclubs im Umgang mit Homophobie. Zwanziger hofft auf Outings.

Das Thema Homosexualität rückt kurz vor einer übergreifenden Anti-Diskriminierungs-Aktion in der Fußball-Bundesliga wieder in den Vordergrund. Zwei Tage nach der Veröffentlichung des Interviews eines homosexuellen Fußballprofis, der aus Angst vor Repressionen anonym bleibt, hat sich auch Theo Zwanziger zu Wort gemeldet. Kritik an der Aufarbeitung von Homophobie in Fußballclubs äußert derweil Hamburgs schwul-lesbischer Sportverein "Startschuss SLSV".

Der frühere Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Zwanziger begrüßt die Aktion der Bundesliga gegen Fremdenfeindlichkeit an diesem Wochenende und münzt den Slogan "Geh deinen Weg" zugleich auf das Tabuthema Homosexualität unter Fußballern um. Auf "NDR Info" sagte Zwanziger am Donnerstag, auch er verfolge seit langem das gesellschaftliche Anliegen, schwulen Fußballern ein Outing zu erleichtern.

"Diskriminierung hat im Sport nichts zu suchen. Ich glaube, man ist da schon ein Stück toleranter geworden“, sagte Zwanziger. Aus dem Amateurfußball kenne er viele Beispiele, wo sich Spieler geoutet haben. "In der Bundesliga der Männer ist es noch nicht passiert, aber ich denke, dass das auch in naher Zukunft geschehen wird“, sagte der Funktionär. Daran werde sich zeigen, dass auch der Spitzenfußball heute tolerant mit der sexuellen Orientierung der Spieler umgehen könne.

Wie bereits 1992 wollen die 18 Erstligisten am Wochenende ohne Trikotwerbung auflaufen. Zur Unterstützung der "Deutschlandstiftung Integration“ tragen sie den Slogan "Geh deinen Weg“ auf der Brust. Zwanziger sagte auf "NDR Info“, dank der großen Reichweite der Bundesliga erhalte das wichtige gesellschaftliche Anliegen der Integration damit hohe Aufmerksamkeit.

Er sei überzeugt, dass viele Sponsoren die Aktion unterstützten, anstatt gezahlte Werbegelder von den Vereinen zurückzuverlangen. "Denn es ist ja auch ein Anliegen der Sponsoren, sich mit einem wertorientierten Sport - und dazu gehört Integration in unserem Land - tatsächlich zu verbünden.“

Allerdings müsse die Aktion bis an die Basis der rund 26.000 Fußballvereine gehen. "Dort brennt es ja, dort muss man durch viele Bildungsmaßnahmen, durch Qualifizierungsmaßnahmen erreichen, dass wir auf dem Sportplatz in der Kreisklasse und in den Spruchkammern lernen, mit den Konflikten, die sich aus Integration ergeben, umzugehen“, unterstrich Zwanziger.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hatte in ihrem Magazin "Fluter" einen homosexuellen Fußballer anonymisiert zu Wort kommen. Der Bundesligaprofi sagte in dem Intervie, er habe große Angts davor, sich tatsächlich zu outen. "Ich wäre nicht mehr sicher, wenn meine Sexualität an die Öffentlichkeit käme", wurde der Fußballer zitiert.

Hamburger Verein kritisiert Bundesligaklubs

Unterdessen fordert Hamburgs schwul-lesbischer Sportverein "Startschuss SLSV“ die Clubs der Fußball-Bundesliga auf, stärker Stellung gegen Homophobie zu beziehen. Die Profi-Clubs hätten bisher nicht vermitteln können, dass sie homosexuelle Spieler bedingungslos vor Anfeindungen der Fans schützen, sagte Carsten Stock, Leiter der "Startschuss“-Fußballabteilung, am Donnerstag in Hamburg.

"Startschuss SLSV“ in Hamburg ist mit mehr als 600 Mitgliedern nach eigenen Angaben einer der größten schwul-lesbischen Sportvereine Deutschlands. Die Fußball-Abteilung richtet jährlich am ersten November-Wochenende das "Startschuss-Masters“ aus, ein Hallenturnier schwuler Freizeitsportler. Carsten Stock hatte für sein Engagement gegen Homophobie den DFB-Ehrenamtspreis 2011 erhalten.

Das in dieser Woche erschienene Interview mit einem anonymen Profi-Fußballer sei ein Alarmsignal, sagte Stock weiter. Derzeit müsse jeder schwule Profi fürchten, so zu enden wie Pezzoni. Der Kölner Profi Kevin Pezzoni war nach schlechten Spielen von Fans bedroht worden und löste seinen Vertrag schließlich auf.

Bislang habe sich offenbar kein Verein mit dem Fall eines homosexuellen Mitspielers ausreichend beschäftigt, kritisiert "Startschuss“. Um Vertrauen zu gewinnen, müssten die Clubs endlich konkrete Konzepte erarbeiten und damit offensiv in die Öffentlichkeit gehen. Auch die Trainer bräuchten Hilfestellung, wie sie mit einem möglicherweise homosexuellen Spieler umgehen.