Presse

"Weiter Weg zur Akzeptanz"
(Spiegel Online, Hamburg, 13.09.2012)


von Sara Peschke

Gesprochen wird viel über Toleranz im Fußball. Doch getan hat sich bislang wenig. Homosexualität im Fußball ist weiterhin ein Tabu. Es wird noch dauern, bis sich ein Profi öffentlich bekennen kann.

In Windeseile hatte sich das Interview im Internet verbreitet, in Foren wurde und wird heftig diskutiert. Ein noch aktiver Profi der Fußball-Bundesliga spricht über seine Homosexualität. Aus Angst vor Stigmatisierung möchte der Fußballer nicht, dass sein Name genannt wird. Das habe er dem Spieler zusichern müssen, schreibt der Journalist Adrian Bechtold, 25, der das Interview für "Fluter", das Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung, führte.

Der Fußballprofi befürchtet, vor den Fußballanhängern "nicht mehr sicher" zu sein, wenn seine "Sexualität an die Öffentlichkeit käme". Medien würden sich nicht mehr auf ihn als Sportler fokussieren, sondern herausfinden wollen, was er "wohl Schlimmes" mit seinem Partner "unter der Bettdecke anstelle".

Dirk Brüllau, Sprecher des Netzwerks der schwul-lesbischen Fußball-Fanclubs Europas (QFF), begrüßt die Veröffentlichung des Interviews. Zugleich beklagt er aber, dass das Interview anonym geführt worden sei: "Die geäußerten Prognosen über die Reaktion der Fanszene und der Medien können nicht überprüft werden."

Doch der betroffene Spieler tut alles dafür, nicht aufzufallen. "Der Preis für meinen gelebten Traum von der Bundesliga ist hoch. Ich muss täglich den Schauspieler geben und mich selbst verleugnen", sagt der Spieler. Er würde deshalb versuchen, das "männliche Stereotyp" des Fußballers so gut wie möglich zu leben, hat beste Freundinnen als Lebenspartnerinnen verkauft.

"Oft werden Scheinbeziehungen eingegangen", sagt Tatjana Eggeling. Die Kulturwissenschaftlerin forscht seit einigen Jahren zum Thema Homosexualität im Profisport. Ihrer Meinung nach ist das Fußballstadion das "letzte Reservat echter Männlichkeit", Schwulsein passt nicht dazu.

Anonyme Bekenntnisse von schwulen Berufsfußballern gab es deshalb immer wieder. Und alle teilten die Sorgen, die auch im jüngsten Fall geäußert wurden: hohe psychische Belastung, Versteckspiele und Angst um die eigene Sicherheit. Auch er wisse nicht, ob er den ständigen Druck "zwischen dem heterosexuellen Vorzeigespieler und der möglichen Entdeckung noch bis zum Ende meiner Karriere aushalten kann", sagt der Spieler im aktuellen Interview.

Öffentlich bekannt mit ihrem Namen haben sich hingegen bislang nur wenige schwule Fußballer. Marcus Urban wagte vor einigen Jahren diesen Schritt. Zu diesem Zeitpunkt verdiente der frühere Spieler von Rot-Weiß Erfurt sein Geld allerdings schon nicht mehr mit dem Sport.

Noch als Aktiver outete sich im vergangenen Jahr der Schwede Anton Hyson. "Ich bin Fußballspieler, und ich bin schwul", sagte der damals 20-Jährige vom schwedischen Viertligisten Utsiktens BK. Die Reaktionen auf sein Outing waren überwiegend positiv.

Dennoch lässt sich der Beruf des Profifußballers noch immer nicht mit offen gelebter Homosexualität vereinbaren. Philipp Lahm, Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, riet Profis sogar von einem Outing ab. Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass in der Bundesliga etliche Schwule spielen.

QFF-Sprecher Brüllau sieht den Deutschen Fußball-Bund (DFB) in der Pflicht, mehr für Toleranz in den Fußballstadien zu tun. "Der neue DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat sich bislang nicht zu Themen wie Diskriminierung oder Homophobie geäußert", kritisiert Brüllau, "bei seinem Vorgänger Theo Zwanziger war das anders."

Der DFB weist den Vorwurf zu großer Passivität zurück. Ein Sprecher betonte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass der Verband auch unter Niersbach zu seiner bisherigen Linie stehe. Für Homophobie sei im Fußball kein Platz. "Die Sexualität eines Spielers ist jedoch seine Privatsache, wir können ihn nicht zu einem Outing zwingen", so der DFB-Sprecher, "sollte er sich aber dafür entscheiden, werden wir ihn nach allen Möglichkeiten unterstützen."

Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), empfindet für den Bundesligaprofi, der sich zu einer Homosexualität geäußert hat, "sehr, sehr großen Respekt". Wer nun aber fordere, das Interview hätte unter Namensnennung geführt werden müssen, schätze die Lage vielleicht zu positiv ein. "Es ist einfach nicht so, dass tatsächlich alle mit Toleranz und Verständnis darauf reagieren würden."