Presse

"Sport eine Hochburg der Homophobie"
(Der Standard, Wien, 06.08.2012)


An den Olympischen Spielen nehmen nur 23 offen homosexuelle AthletInnen teil - Die meisten outen sich nicht, weil's auch ums liebe Geld geht.

Die südafrikanische Bogenschützin Karen Hultzer krönte mit ihrer Olympia-Teilnahme in London nicht nur ihre sportliche Karriere. Die Athletin nutzte sie auch gezielt zum Coming Out, um gegen die nicht nur latente Homophobie im Leistungssport anzutreten.

"Ich hoffe, dass das anderen Mut macht", erklärte die 46-Jährige ihren Schritt. Homosexualität solle solange ein Thema sein, bis sie endlich kein Problem mehr darstelle. "Wir müssen Vorbilder sein und zeigen, dass es nicht schlimm ist, homosexuell zu sein. Es ist normal."

1998 wurde das totgeschwiegene Thema Homophobie im Sport erstmals breit in der Öffentlichkeit diskutiert, nachdem sich Fußballprofi Justin Fashanu das Leben genommen hatte. Acht Jahre zuvor hatte er in Großbritannien als erster - und bislang einziger - offen schwuler Profifußballer Schlagzeilen gemacht.

In the Closet

Auch vierzehn Jahre später hat sich im Leistungssport nicht viel in Sachen offener Umgang mit Homosexualität getan. Von den über zehntausend AthletInnen, die bei den aktuellen Olympischen Spielen antreten, leben gerade einmal 23 offen homosexuell, Hultzer mitgezählt, hat die LGBT-Online Community OutSports.com nun herausgefunden. Nur drei davon sind wiederum Männer; 2008 in Peking waren es noch zehn offen Schwule, und 2004 in Athen elf.

Offene FußballspielerInnen

Insgesamt haben laut OutSports.com bisher 104 Lesben und Schwule bei Sommerspielen teilgenommen. Die meisten der offen homosexuellen SportlerInnen kommen demnach aus den USA (27 TeilnehmerInnen), und die am meisten vertretene Sportart ist Fußball.

Keine/r aus Asien

"Alle offen homosexuellen AthletInnen kommen dieses Jahr entweder aus den Vereinigten Staaten, Europa oder Australien, bis auf eine Person aus Afrika", sagt OutSports-Mitgründer Cyd Zeigler. Aus Asien sei kein/e homosexuelle Teilnehmer/in bekannt. "Im Mittleren Osten oder Regionen Afrikas werden Menschen immer noch getötet, weil sie homosexuell sind", erklärt sich Zeigler diesen Umstand.

"In fast jeder Kultur ist Sport eine Hochburg der Homophobie, und deswegen ist es so wichtig, gerade hier sichtbar zu sein und Solidariät zu zeigen."

Jung und braucht das Geld

Ji Wallace, Silbermedailleingewinner bei den Sommerspielen 2000 in Sydney im Trampolin-Wettbewerb und seit 2005 geoutet, führt das Schweigen der SportlerInnen über ihre Homosexualität während ihrer Laufbahn hauptsächlich auf zwei Gründe zurück.

Erstens seien die meisten noch sehr jung, in einer Phase der Selbstfindung und hätten in der Schulsportzeit schlechte Erfahrungen mit Schikanen aufgrund ihrer (vermuteten) Homosexualität gemacht. Für Beziehungen blieben aufgrund des Trainings- und Wettbewerbsdrucks nur selten Zeit, also entfalle auch das Motiv, sich der/s Partner/in zuliebe zu outen.

Zweitens geht es - wie so oft - um Geld. SportlerInnen hätten zu viel Angst, Sponsoren zu verlieren, wenn sie sich outen. "Also liegt es an uns, die wir unsere Karriere bereits beendet haben, für die künftigen Generationen zu kämpfen", so Wallace.

Zeichen der Gleichberechtigung

In London haben Homosexuellenrechtsorganisationen das Internationale Olympische Komitee (IOC) aufgefordert, die Olympische Charta in Sachen Gleichberechtigung beim Wort zu nehmen und ein ebenso starkes Zeichen gegen Homophobie zu setzen wie zuvor schon gegen Rassismus und Sexismus.

Emy Ritt, Co-Präsidentin der Federation of Gay Games (FGG), erzählt vom "kleinen Erfolg" dieses Aufrufs: Ein offizieller olympischer Anstecker wurde genehmigt, in Form eines Regenbogens, dem Symbol der Gay Pride.

"Im Profisport outen sich mehr und mehr AthletInnen, weil in der jüngeren Generation weniger Angst vor einem Stigma herrscht", meint Ritt. "Aber wir müssen weiterhin sicherstellen, dass Organisationen wie das IOC sich für Gleichberechtigung von homo- und transsexuellen AthletInnen einsetzen, damit das auch so bleibt."

Ende der Kriminalisierung

Für Jonathan Cooper von der Menschenrechtsorganisation Human Dignity Trust stellen die Olympischen Spiele eine gute Gelegenheit dar, um auf die Verfolgung von Homosexuellen in fast 80 Ländern dieser Erde aufmerksam zu machen: "Kriminalisierung ist ein riesiges Menschenrechtsproblem", sagt er. "Und mit Kriminialisierung kommt Gewalt, HIV und Ausbeutung." (Reuters, red/dieStandard.at, 6.8.2012)