Presse

"Sport ist die Machowelt schlechthin"
(Süddeutsche Zeitung, Stuttgart, 07.08.2012)


von Ronny Blaschke

Statistisch müssten im olympischen Dorf 1000 homosexuelle Athleten wohnen. Geoutet haben sich bislang nur 23, darunter drei Männer. Ein Outing ist für Sportler immer noch problematisch. Es geht um Diskriminierung und Isolation. Und um Stolz.

Lizzy the Lezzy hat Geschichte geschrieben. Die Cartoonfigur, entworfen von der israelischen Zeichnerin Ruth Selwyn, kämpft im Internet gegen Homophobie. Die Bogenschützin Karen Hultzer aus Kapstadt stieß durch Zufall auf Lizzy the Lezzy, sie lachte und klebte sich einen Lizzy-Sticker auf ihre Schützen-Ausrüstung. Als Hultzer in der vergangenen Woche ihren olympischen Wettbewerb bestritt, saßen Aktivisten eines Online-Magazins für Lesben in Südafrika vor dem Fernseher und entdeckten den Sticker. Sie besorgten sich Hultzers Telefonnummer und fragten, ob sie lesbisch sei.

Karen Hultzer zögerte, dachte an die jüngste Mordserie an fünf Lesben in südafrikanischen Townships, an die corrective rapes, sogenannte korrigierende Vergewaltigungen, die lesbische Frauen "heilen" sollen. Sie beantwortete die Frage trotzdem mit Ja. Nachdem sie ihren Wettkampf auf Platz 46 abgeschlossen hatte, gingen die Aktivisten wie abgesprochen für sie an die Öffentlichkeit. Es war das erste Outing bei diesen Spielen. "Sport ist die Machowelt schlechthin", sagt Hultzer. "Wenn wir sichtbarer werden und offen darüber sprechen, wird Homosexualität in vielen Augen normaler. Das führt dazu, dass wir bald nicht mehr darüber sprechen müssen."

Folgt man der Annahme, dass zehn Prozent der Menschen homosexuell sind, müssten im olympischen Dorf mehr als 1000 Lesben und Schwule wohnen. Laut dem Internetportal Outsports leben aber nur 23 der Athleten offen homosexuell, darunter drei Männer. Bei den Spielen in Peking 2008 waren zehn bekennend Homosexuelle dabei, 2004 in Athen elf.

Laut Outsports nahmen in der olympischen Geschichte 104 lesbische und schwule Athleten an Sommerspielen teil, die meisten aus den USA. In London sei Karen Hultzer die einzige geoutete afrikanische Sportlerin. In 78 der 204 Länder an Olympia teilnehmenden Ländern ist Homosexualität verboten, in sieben droht die Todesstrafe.

Das Coming-out der 46 Jahre alten Hultzer sprach sich bis zu den Organisatoren des Pride Houses herum, des ersten homosexuellen Treffpunkts mit Anbindung an Olympische Sommerspiele. Am Freitag nahm Hultzer an der Eröffnung des Hauses teil, das an einem Seitenarm der Themse im östlichen Stadtteil Limehouse liegt. "Niemand ist gezwungen, meinen Schritt wiederholen", sagt sie. "Aber sollten sich Athleten zu einem Outing entschließen, wissen sie, dass sie nicht allein sind." Das erste Pride House hatte 2010 zu den Winterspielen in Vancouver seine Türen geöffnet, der neuseeländische Shorttracker Blake Skjellerup schaute vorbei, war begeistert und entschloss sich zum Coming-out.

Die Geschichte des homosexuellen Sports ist auch eine Geschichte von Diskriminierung und Isolation. Das Londoner Pride House dokumentiert mit der Ausstellung "Gegen die Regeln" tragische Lebenswege. Zum Beispiel von Gottfried von Cramm, einem deutschen Tennisspieler, der 1938 von der Gestapo verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde. Von Peter Karlsson, einem schwedischen Eishockeyspieler, der 1995 in einer Disko erstochen wurde.

Arbeitskreis zur Einbindung von Minderheiten

Von Mark Tewksbury, einem kanadischen Schwimm-Olympiasieger, der nach seinem Outing einen sechsstellig dotierten Sponsorenvertrag verlor. Karen Hultzer und ihre Partnerin haben alle Ausstellungstafeln gelesen. Die Artikel über ihr Outing haben auch viele Schmähungen nach sich gezogen.

Der erste homosexuelle Sportverbund war Anfang der Siebziger eine amerikanische Bowling-Liga, benannt nach der Schauspielerin Judy Garland. Der erste schwullesbische Sportverein Europas war der SC Janus in Köln, gegründet 1980 von Volleyballern. Der US-amerikanische Zehnkämpfer und Mediziner Tom Waddell rief 1982 die Gay Games ins Leben. Ursprünglich sollten sie Gay Olympics heißen, doch das Olympische Komitee der USA ließ die Nutzung des Namens verbieten. Die Gay Games wuchsen zu einem Fanal der Menschenrechte, 2010 fanden sie mit 10 000 Athleten in Köln statt, 2014 sind sie in Cleveland geplant.

Die Spiele von London markieren den vorläufigen Höhepunkt der Liberalisierung im Sport, schreibt der Historiker Tony Scupham-Bilton in seiner Studie "Olympischer Stolz". Erstmals hatte ein Organisationskomitee eine Verpflichtungserklärung zur Vielfalt in seine Bewerbung aufgenommen. Das Komitee gründete einen Arbeitskreis zur Einbindung von Minderheiten. Das prominenteste Mitglied der Gruppe ist John Amaechi.

Der Brite hatte in der nordamerikanischen Profiliga NBA gespielt, nach seiner Karriere 2007 outete er sich, inzwischen arbeitet er als Psychologe. "Schwule Leistungssportler führen meist ein einsames Leben", sagt Amaechi. "Meine Mitspieler haben in der Kabine mit ihren Sexabenteuern geprahlt und ich konnte nicht mal erwähnen, dass ich mit einem Mann im Kino war. Hätte ich mich als Aktiver erklärt, hätte ich meinen Job verloren."

Die Organisatoren verteilten in London Stecknadeln, auf der Regenbogenflagge und Olympia-Logo vereint sind. Während der Suche nach Helfern sollten tausende Kandidaten auch zu folgenden Fragen Stellung nehmen: Wie würden Sie reagieren, wenn Zuschauer sich über Männer beschweren, die Händchen halten? Wohin schicken Sie jemanden, der eine Toilette sucht, aber keinem Geschlecht zuzuordnen ist?

Das Komitee ließ in seinen Ratgeber für Athleten auch touristische Hinweise für Homosexuelle einfließen. Das Pride House veranstaltet nun Turniere, Konzerte und Workshops mit Jugendlichen. In zwei Jahren finden die Winterspiele in Sotschi statt. Russische Aktivisten planen ein Pride House, doch Behörden verweigern die Unterstützung - sie hätten Angst um ihre Kinder.