Presse

"Regenbogen auf der Südtribüne"
(Pflichtlektüre, Dortmund, 16.05.2012)


von Emmanuel Schneider

Fußball und Homosexualität? Das passt für viele Fußballfans nicht zusammen. Dabei ist es in vielen Stadien in Deutschland schon gelebte Realität. Seit Anfang der 2000er Jahre gibt es immer mehr offizielle schwul-lesbische Fanclubs - zum Beispiel auch in Dortmund. Dort gibt es die Rainbow-Borussen, den schwul-lesbischen Fanclub des BVB. Einer der Gründungsmitglieder ist Jens Gollminski (42). Der leidenschaftliche BVB-Fan gibt im pflichtlektüre-Interview Auskunft über die Gründung, Klischees und erklärt, warum die Rainbow-Borussen ein ganz normaler Fanclub sind.

Was ist eigentlich dran an dem Klischee “Schwule interessieren sich eh nicht für Fußball”?

Jens Gollminski: Da ist gar nichts dran. Solange Homosexualität im Fußball ein Tabuthema war, hat sich eben jeder in Nischen versteckt. Mit der Gründung der ersten Fanclubs hat sich gezeigt, dass auch viele Schwule vom Fußball begeistert sind.

Haben Sie früher selbst Fußball gespielt?

Ich hab ein bisschen mit Freunden gepöhlt, aber nicht im Verein.

Waren Sie damals schon geoutet, oder war das für Sie ein Problem?

Für mich stellte das kein Problem dar, ich habe halt mit Freunden Fußball gespielt und bin auch schon zur Borussia ins Stadion gegangen, bevor ich mein “Coming-out” hatte.

Wer hat den Fanclub der Rainbow-Borussen damals gegründet, wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Ich hatte mit einem Freund zusammen die Idee, dass es außer uns noch mehr Schwule geben muss, die ins Stadion gehen. Dann haben wir uns im Internet auf die Suche gemacht und haben schließlich andere BVB-Fans gefunden, die auch schwul sind.

Wir hatten die Idee dazu im November 2003. In ein paar Wochen hatten sich 15 BVB-Fans gefunden, die dann am 20. Februar 2004 in einer Dortmunder Gaststätte die Rainbow-Borussen gegründet haben.

Die Suche nach anderen Mitglieder verlief also nur übers Internet?

Genau, nur über das Internet, das hat sich schnell herumgesprochen.

Was bedeutet das “Rainbow” im Namen?

Der Regenbogen ist das Symbol für die schwul-lesbische Community, wir haben damals bewusst diesen Namen gewählt.

Wie viel Mitglieder haben Sie jetzt?

Jetzt sind wir 26 Mitglieder, Mädels und Jungs gemischt: schwul, lesbisch, hetero. Es ist auch keine Bedingung für uns, schwul oder lesbisch zu sein. Wir wollen ja nicht diskriminieren.

Wie hat der BVB auf Sie reagiert?

Der hat sich erst mal, weil wir uns zu einer Zeit gegründet haben, in der es noch nicht viele schwul-lesbische Fanclubs gab, in Berlin bei der Hertha erkundigt, wie denn die Hertha Junxx (Berliner schwul-lesbischer Fanclub Anm. d. Red.) aufgenommen wurden, aus der Sorge heraus, dass wir mit Anfeindungen in Berührung kommen könnten. Da kam aber auch schnell die offizielle Anerkennung als Fanclub.

Gibt es eigentlich Interessensunterschiede zwischen schwulen und lesbischen Fans?

Wir gehen gemeinsam zum Fußball und feiern hinterher. Wir haben einen gemeinsamen Wandertag mit einem befreundeten Fanclub. Die Interessen sind doch sehr ähnlich. Geschlechtsspezifische Dinge finden vielleicht in persönlichen Gesprächen statt, aber es gibt jetzt nicht ein getrenntes Programm, dass die Frauen oder Männer bestimmte Aktionen machen. Wir machen das schon zusammen.

Warum haben Sie eine eigene Fangruppe, warum sind Sie nicht unter dem Dach eines anderen Fanclubs?

Es gibt doch ganz viele unterschiedliche Borussia-Fanclubs. Da ist ein schwul-lesbischer Fanclub ein Raum, in dem sich Schwule und Lesben frei bewegen können, ohne Angst haben zu müssen, dass ihr Coming-out innerhalb des Fanclubs negative Folgen haben könnte.

Es gibt auch in anderen Vereinen schwul-lesbische Fanclubs, unter denen sich seit 2007 ein starkes Netzwerk gebildet hat.

Was sagen Sie denn zur Kritik, dass sie sich damit selbst in die Ecke drängen?

Anfangs gab es diese Kritik. Es ist aber auch eine Frage, inwiefern man sich in den Vereinen einbringt, wie offen man auf Fans und andere Fanclubs zugeht. Wir unternehmen viele Dinge mit anderen Fanclubs und kommen so auch ins Gespräch mit anderen Fans. Das ist auch unser Anliegen: Wir wollen nicht als schwul-lesbischer Fanclub auffallen, sondern einfach ein Teil von Vielen in der großen BVB-Familie sein. Es ist nicht unser Anliegen, damit hausieren zu gehen.

Sie sagen es sei nicht das Anliegen, aber der Name und das Wappen sprechen doch schon deutlich für sich?

Die Intention damals war zu zeigen: Es gibt auch Schwule und Lesben bei Borussia. Aber das ist nicht das Hauptanliegen. Eine Organisation, ein Fanclub entwickelt sich ja auch, und entdeckt, was dementsprechend der Schwerpunkt sein soll. Und der Schwerpunkt ist, existent zu sein und sich einzubringen in die Themen, die einen BVB-Fan etwas angehen. Die sexuelle Orientierung spielt keine primäre Rolle.

Was unterscheidet die Rainbow Borussen von anderen Fanclubs?

(denkt nach) Uns unterscheidet nichts von anderen Fanclubs. Für mich ist wichtig, dass ein Fanclub ein aktives Fanclub-Leben hat. Dass wir uns nicht nur regelmäßig zu den Spielen treffen, sondern auch außerhalb gemeinsam etwas unternehmen.

Wie ist die Beziehung zu anderen BVB-Fanclubs?

Die ist einfach sehr gut. Es sind auch sehr gute Freundschaften auf der Tribüne entstanden. Man steht immer an der gleichen Stelle und freut sich dann immer, die Personen wiederzusehen.

Gibt es negative Reaktionen der Fans, oder eher positive?

Von den Fans gab es positive Reaktionen, vielfach auch übers Internet. Viele finden es gut, dass es mit unserem Fanclub auch ein schwul-lesbisches Netzwerk gibt. Das ist schon etwas Besonderes. Das findet man auch in dieser Art in anderen Bereichen der Fan-Szenen nicht wieder. Es gibt über 20 Fanclubs, die sich 2007 zum Netzwerk “Queer Football Fanclubs” zusammengeschlossen haben.

Wie war genau die Reaktion der anderen Fans im Stadion?

Da ist uns nichts Negatives begegnet.

Es gab also keinerlei Anfeindungen?

Nein, warum auch? Wir gehen da auch nicht hin und sagen, wir sind die Schwulen. Die Existenz des Fanclubs ist wichtig, es ist nicht der primäre Punkt, die sexuelle Identität herauszustellen.

Aber es gibt ja unbestritten noch einige Menschen mit homophoben Gedanken, oder?

Ja, in Kneipengesprächen zeigt sich das dann schon, aber da kann man miteinander ins Gespräch kommen. Und dann hebt sich auch vieles wieder auf, wenn man den Menschen kennen lernt, der dahinter steckt. Ich denke, viele Menschen haben Angst vor Homosexualität, weil sie nicht wissen, was es bedeutet. Die kennen keine Schwulen in ihrem Freundeskreis. Und das ist eine gute Gelegenheit, miteinander in Berührung zu kommen.

Denken Sie, Sie können dadurch eine Hilfe für andere sein?

Das weiß ich nicht, das müssen andere entscheiden. Fußball ist ein Ausschnitt des realen Lebens. Es gibt Homophobie und ich bin der Meinung, dass wir uns in unserer Gesellschaft nicht verstecken und einfach zeigen sollten: Wir sind schwul, das ist auch gut so - und dann muss man das nicht weiter thematisieren.

Habt ihr politische oder vereinspolitische Ziele als Fanclub?

Nein, das ist nicht unser vorrangiges Ziel, unbedingt politische Aktionen zu machen. Im Netzwerk “Queer Football Fanclubs” intensiviert sich das schon, weil wir da eben auch das politische Ziel stärker verfolgen.

Neulich gab es die “Aktion Libero” von verschiedenen Sportblogs (Kampagne gegen Homophobie im Fußball). Was halten Sie davon?

Ich finde, das ist eine sehr gute Aktion. Das zeigt, dass schwul-lesbische Fanclubs in der Fan-Szene angekommen sind und viele Fußballbegeisterte erreicht.

Denken Sie, dass solche Aktionen etwas bewirken können?

Auf jeden Fall, ich hatte ja schon gesagt, dass Homosexualität ein Tabu beim Fußball ist. Und da ist es wichtig, darüber ins Gespräch zu kommen. Dass es schwule Spieler, schwule Fans gibt, ist jetzt ja klar. Es ist nicht unbedingt erforderlich, dass sich ein Spieler outet, aber dass über das Thema gesprochen wird.

Sie haben gerade das Thema Outing angesprochen. Glauben Sie, es gibt in naher Zukunft ein Outing in der Bundesliga?

Das weiß ich nicht und ich habe auch kein Interesse daran, zu spekulieren. Wichtig finde ich, dass man ein Klima schafft, in dem Schwule und Lesben sich im Leistungssport wohlfühlen können. Das sollte schon möglichst früh in der Kindheit ansetzen, in den Jugendbereichen der Vereine. Dort sollte man mit der Aufklärungsarbeit beginnen.

Würden Sie denn einem schwulen Spieler zu einem Outing raten?

Ich weiß ich nicht, was da sinnvoll wäre. Das muss jeder selber entscheiden, ob er mögliche Folgen bewältigen könnte.

Meinen Sie das Outing-Thema ist eher ein Ding der Medien?

Ja, das ist natürlich von medialem Interesse. Das sollte vielleicht auch etwas zurückgefahren oder versachlicht werden.

Wie sehen Sie allgemein die Rolle der Medien bei diesem Thema?

Ganz unterschiedlich, manche gehen da ganz sachlich heran, manche wollen halt das große Coming out und darüber als Erste berichten, das interessiert mich aber weniger.

Sie hatten schon erwähnt, dass Homosexualität im Fußball ein Tabu ist. Meinen Sie, da ändert sich gerade etwas dran?

Ja, alleine aus der Tatsache heraus, dass Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger das zur Chefsache gemacht hat und da für ein offenes Klima im Verband sorgt. Es gibt auch Veranstaltungen vom DFB, bei dem dieses Thema offen angegangen wird.

Wie reagiert man denn als homosexueller Fan, wenn man im Stadion ist und um einen herum grölen einige, “XY ist homosexuell”?

Genauso wie in der Kneipe: Wenn da einer meint es rufen zu müssen, spreche ich ihn darauf an, wenn es mich stört. Es gibt aber auch Tage, an denen habe ich nicht Lust, damit umzugehen, man ist ja auch nicht der Bekehrer oder ein dauerhafter Aktivist.

Es existieren viele homophobe Begriffe in der Fußballersprache, fühlen Sie sich da persönlich angegriffen oder kriegen Sie das nicht so mit?

Wenn jemand etwas Diskriminierendes ruft im Stadion, kriege ich das in der Emotion des Spiels wahrscheinlich oft nicht mit. Wenn ich es bewusst wahrnehme, dass einer wiederholt gegen Frauen, Schwule, Behinderte rufen sollte, dann spreche ich ihn darauf an. Das ist dann eine Sanktion, ich will dann kein Stadionverbot oder so. Etwas zu sanktionieren entsteht im persönlichen Gespräch.

Es kommt aber auch häufig vor, dass ich etwas wahrnehme und denke, jetzt muss ich hier nicht die Antidiskriminierungspolizei spielen. Dann sammle ich so was und überlege, wie man das in zukünftigen Aktionen verarbeiten kann.

Herr Gollminski, vielen Dank für das Gespräch.