Presse

"Kein schwuler Fußballer, kein Problem?"
(Pflichtlektüre, Dortmund, 16.05.2012)


von Lena Christin Ohm

Den Schiri und die Gegner als “schwul” zu bezeichnen, ist für einige Fußballfans Alltag. Im Eifer des Gefechts werden tolerante Fans (un-)bewusst homophob. Doch welche Konsequenzen es für den Sport hat, warum ein Outing einem Todesurteil gleichkäme und wieso sich ein paar Autoren mit Geschichten dagegen zur Wehr setzen, hat pflichtlektuere.com herausgefunden.

“Es gibt keine schwulen Fußballer”, sagte Mario Basler 2008 und der Präsident des Französischen Fußballverbandes, Jean-Pierre Escalette, erklärte 2010, die Französischen Charta gegen Homophobie im Fußball lenke die Aufmerksamkeit auf etwas, das zum Glück nicht weit verbreitet sei. Diese Haltung ist nicht neu, gehört der Fußball, laut Tanja Walther-Ahrens, doch zu einem der konservativsten Bereiche unserer Gesellschaft”. Die ehemalige Bundesligaspielerin und Delegierte der “European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF)” weiß, dass viele die Existenz eines schwulen Fußballprofis schlichtweg für unmöglich halten. Ganz nach dem gängigen Klischee, dass schwule Männer Eiskunstläufer aber keine Fußballer sein können. Dabei kann Fußball alles sein - auch schwul. Diese Tatsache werde jedoch gern verdrängt. Da verschanzen sich manche Funktionäre wie Escalettes lieber hinter dem Irrglauben, dass es keine homosexuellen Fußballspieler gibt.

Homophobie im Stadion

Woher Escalette, Basler und Co das jedoch so genau wissen und woher sie diese Sicherheit nehmen, ist unbekannt. Fest steht aber: Im Augenblick gibt es keinen als homosexuell geouteten Profifußballer, der offen mit seinen sexuellen Neigungen und Wünschen umgehen kann. Und der darüber berichten kann, wie homophob das Fußballgeschäft wirklich ist. Dafür gibt es aber in Stadien immer wieder homophobe Parolen, wie beim Spiel zwischen Dortmund und Bremen, als für kurze Zeit ein Transparent mit der Aufschrift “Lieber ‘ne Gruppe in der Kritik als ein Lutschertum und Homofick” ausgerollt wurde.

Da können Jermaine Jones, Phillip Lahm, Mario Gomez und andere Fußballer noch so sehr betonen, dass ein schwuler Mitspieler für sie kein Problem wäre - Aktionen wie diese dürften schwule Fußballer treffen und sie in der Ansicht bestätigen, dass die Zeit für den ersten schwulen Bundesligaspieler, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt, noch nicht gekommen ist.

“Die Sexualität hat nichts mit Sport zu tun, aber trotzdem spielt es immer noch für viele eine riesengroße Rolle, ob jemand nun Männer oder Frauen liebt. Das ist bedauerlich und es ist schlecht für den Sport”, erklärt Dr. Tatjana Eggeling, Beraterin für Homophobie und den Umgang mit Homosexualität im Sport in Berlin. Dabei könne eine offene Einstellung gegenüber jeder möglichen sexuellen Orientierung eines Athleten zu einer enormen Leistungssteigerung führen.

“Ein schwuler Fußballprofi muss so viel Energie für das Verstecken der eigenen Sexualität aufbringen, muss einen Spagat zwischen zwei scheinbar nicht zu vereinbarenden Aspekten seiner Persönlichkeit meistern und gleichzeitig auch noch immer hochkonzentriert seinen Leistung bringen”, sagt Eggeling und führt aus, dass diese Energie und die Konzentration dem Sportler letztlich fehle - das steigere wiederum das Verletzungsrisiko und sorge dafür, dass sich nicht das ganze Können des Spielers entfalte. “Wenn ein homosexueller Spieler irgendwie mit all dem Druck und dem Versteckspiel klar kommt und gute Leistungen zeigt - wie viel besser wäre er erst dann, wenn er sich nicht verstecken müsste?”, fragt Eggeling.

Große Verluste für den Fußball

Doch das ist nicht die einzige Überlegung, die sich aufgeschlossene Funktionäre stellen müssen: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die sogenannte “Drop-out” Rate bei schwulen und lesbischen Sportlern in der Pubertät deutlich höher ist als bei allen anderen. Während sonst häufig eine Verschiebung der Interessen oder das Auskosten der Jugend ein Grund für die Aufgabe des Leistungssports ist, sieht es bei Schwulen und Lesben anders aus: Sie müssen das eigene Sein hinterfragen und fühlen die gesamte Gesellschaft gegen sich. Und dann gibt es da noch die Entscheidung, ob man seinen Traum oder sein Leben leben will, wenn man einen Sport betreibt, in dem Homosexualität als “unmöglich” angesehen wird. “Dem Sport gehen damit viele Talente verloren”, konstatiert Eggeling und erinnert auch an die wirtschaftlichen Folgen dieser Drop-out Rate: Bis in die Pubertät wurde in die Sportler schon viel Geld investiert - zu viel, um sie dann durch Engstirnigkeit und mangelnde Toleranz zu verlieren. Und doch ist eigentlich jede dieser Entscheidungen nachvollziehbar: Es geht immerhin um die seelische Gesundheit eines Menschen.

Lügen, Selbstverleugnung und Paranoia - Alltag eines schwulen Profis

Es ist nicht einfach, sich den Alltag eines schwulen Fußballprofis vorzustellen und sich in seine Situation hineinzuversetzen. Trotzdem gibt es im Internet Foren, in denen Menschen aller Altersgruppen genau das versuchen und ihre Gedanken mit anderen teilen. In so genannten “Fanfiktions” schlüpfen sie in die Rolle eines Fußballers und stellen sich vor, wie sein Leben aussähe, wenn er homosexuell wäre. Manchmal sind es einzelne Kapitel, inspiriert durch Geschehnisse in der Bundesliga und manchmal seitenlange Geschichten. Darin geht es um die Lügen, mit denen Profis leben müssen, die Selbstverleugnung, die ständige Angst vor der Entdeckung und die Einsamkeit, wenn man niemanden vertrauen kann. Die Autoren lassen ihre Protagonisten genau den Spagat erleben, den Eggeling als so kräftezehrend charakterisiert hat. Sie schreiben von dem Wünschen ihrer Figuren, sich einfach verlieben und mit ihrem Partner händchenhaltend durch die Innenstadt bummeln zu können - ein kleines Stückchen Normalität. Oder sie versuchen zu ergründen, wie ein gewolltes oder ungewolltes Outing bei den Fans und in der Presse ankommen würde - mit unterschiedlichem Ausgang.

“Diese Gefühle und Wünsche wird ein homosexueller Spieler sicherlich kennen”, schätzt Eggeling. Trotzdem sei in diesen Geschichten immer auch eine Prise Voyeurismus enthalten und wenn einige Spieler sich das verböten, müsse man es respektieren. So sehen das auch die Betreiber der Seiten: Binnen kürzester Zeit waren alle betreffenden Geschichten aus dem Archiv verschwunden. Den Autoren tat es zwar um ihre Arbeit leid, denn in den meisten Geschichten steckten viele Stunden Schreibarbeit, doch sie hatten Verständnis für die Entscheidung der Spieler.

“Die Unterstellung von Homosexualität kann extrem karriereschädlich sein”, weiß auch Tatjana Eggeling. Deshalb sei es in manchen Fällen schon fast eine Art Reflex, alles vehement von sich zu weisen. Die Nationalspielerin Fatmire Bajramaj weist in ihrer Biographie jedoch auch auf die damit verbundenen Konsequenzen hin: “Dadurch, dass alle immer nur hinter vorgehaltener Hand reden und nie offen damit umgehen, machen sie aus etwas ganz Normalem etwas Anrüchiges.”

Durch Geschichten Toleranz schaffen?

Wie nah die Schilderungen und Vorstellungen der Autoren an der Realität eines schwulen Fußballprofis dran sind, kann niemand mit Sicherheit sagen. Und auch Zweifel an der Wirksamkeit dieser Geschichten sind berechtigt, sie kommen sogar von den Autoren selbst. “Ich wünschte mir wirklich,dass man mit diesen Geschichten ein Zeichen setzten könnte! Wir Autorinnen schreiben das, was einige Fußballer in der Öffentlichkeit nicht ausleben dürfen”, so “Lady Soccer”, die sich bewusst wie ihre Mitautoren auch für den Konjunktiv entschieden hat. Auch “Nicodemus” gibt zu, dass es “schön wäre”, wenn diese Geschichten ein Zeichen gegen Homophobie setzen könnten, jedoch sieht sie andere Plattformen als wirkungsvoller an: “Ich glaube, wenn man etwas ändern will, dann muss das auf einer Plattform geschehen, an der Homophobe nicht vorbeisehen können. Vorzugsweise im Stadion”, so die Autorin.

Es ist der Wunschtraum, etwas zu verändern, aber sie sind alle zu sehr Realisten, um wirklich an eine Veränderung zu glauben. Aber man mache auf die Probleme aufmerksam, gäbe Denkanstöße und riefe den Lesern diese Thematik ins Gedächtnis, meint “Melui Lirvalda”. Die Autorinnen und Autoren sehen sich nicht als Kreuzritter gegen Homophobie, weil sie einerseits nicht bekannt genug sind und ihre Geschichten andererseits sowieso nur von Menschen gelesen werden, die kein Problem mit Homosexualität im Sport haben.

Doch sie dokumentieren damit ihre Toleranz, die ihnen nicht nur im Netz, sondern auch im wirklichen Leben wichtig ist. “Ich finde, dass es nichts ändert, ob ein Sportler schwul ist oder nicht. Er ist wegen seinen Leistungen anerkannt und nicht, weil er hetero ist”, findet eine 25-jährige Autorin, die unter dem Nickname “Vorhang” schreibt. Und viele pflichten ihr bei. “Liebe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen ist nicht schlechter als Liebe zwischen Mann und Frau, sondern genauso sehr etwas Schönes. Niemand sollte sich wegen der Intoleranz seiner Mitmenschen gegenüber Homosexualität darin einschränken müssen, wen er lieben will”, so “Melui Lirvalda”. Und die 39-jährige “Enem” findet es “unglaublich anmaßend, dass Menschen aufgrund ihrer Sexualität bewertet werden und darüber hinaus gezwungen werden, sich selbst zu verleugnen”.

Bloß kein Outing

Trotzdem würden weder die Expertinnen noch die Autoren zu einem Coming-Out raten - auch wenn andere Ligen sicherlich noch schlimmer seien als die Bundesliga, so die Autorin “Karate-Teddy”. Und auch diese Meinung wird von vielen im Forum geteilt. “Die Vereine haben die Fans und ihre Schwulenhasser-Parolen nicht im Griff und die meisten Clubs vermitteln auch nicht das Gefühl, dass ein schwuler Spieler sich vertrauensvoll an ihn wenden könnte. Schade, dass ein so großer Sport zu feige ist, endlich wirklich modern zu werden”, schimpft “Enem” und ihre Aussage kann stellvertretend für viele stehen. “Vorhang” wendet zwar ein, dass die Liga offiziell sehr tolerant sei, doch auch sie fragt sich, wie viel davon übrig bliebe, wenn ein Spieler sich tatsächlich offen zu seiner Homosexualität bekennen würde. Die Mehrheit würde zwar vermutlich gut reagieren, denkt sie, doch ein paar Idioten in den Reihen der Fans und vielleicht auch der Spieler und Funktionäre gebe es immer. “In dieser Beziehung ist FC St. Pauli eine Ausnahmeerscheinung und Vorreiter - bei kaum einem anderen Club würde ich die Chancen, dass ein Outing gut geht, höher einschätzen”, sagt Eggeling zu den Vermutungen über den möglichen Ausgang eines Outings, der auch in den “Fanfiktion” der Autoren regelmäßig simuliert wird.

Dass manche auf Geschichten dieser Art nicht gut zu sprechen sind, haben einige Autoren auch schon am eigenen Leib erfahren müssen. “Düsterherzchen” berichtet von Rückmeldung à la “Das ist ja total ekelig, wie kann man so etwas schreiben? Das ist ja krank!” und auch andere haben sich schon über ähnliche Kommentare ärgern müssen. Einen Grund für diese ablehnende Haltung sieht Eggeling in der Historie des Männerfußballs und seiner Bedeutung: “Die Körperlichkeit ist im Fußball sehr, sehr wichtig und in dieser Sportart gibt es noch ein ganz klischeehaftes Männlichkeitsbild, das in dieser Form woanders nur noch in selten gleichermaßen wirkmächtig ist”, meint sie und verweist damit auf den Konflikt zweier Klischeebilder: auf der einen Seite der starke, männliche und harte Fußballer und auf der anderen Seite der weiche, weibliche Schwule, der seine Triebe nicht unter Kontrolle halten kann und in der Mannschaftsdusche so zur Gefahr für die “normale” Allgemeinheit wird. “Dass es bei Homosexuellen nicht nur um Sex, sondern wie bei allen anderen Menschen auch um Liebe, Nähe und Geborgenheit geht, blenden viele einfach aus”, so Eggeling.

Vogel-Strauß-Taktik der älteren Funktionäre

Und dass so wenig gegen Homophobie im Fußball getan wird, liegt unter anderem an der Vogel-Strauß-Taktik der älteren Funktionärsgeneration zu der auch Jean Pierre Escalette gehört. Viele von ihnen sind mittlerweile Mitte 60 und in ihrer Sozialisation was Homosexualität noch “unmöglich” oder gar eine “Krankheit”. Der öffentliche Diskurs kam erst später auf und so geht für einige die Gleichung “keine Schwule = keine Probleme” wunderbar auf - wären da nicht die Fußballfanclubs für Schwule und Lesben und viele Organisationen, die zum Handeln auffordern und nicht länger totgeschwiegen werden wollen.

“Die Diskriminierung Homosexueller im Fußball erfolgt hauptsächlich durch Verneinung und Unsichtbarkeit”, schlussfolgert Tanja Walther-Ahrens und Tatjana Eggeling meint: “So langsam gibt es da zum Glück ein Umdenken und wir sind an dem Punkt angekommen, an dem weder Rassismus noch Homophobie offiziell im Fußball geduldet werden.

“Trotzdem seien Schwule und Lesben im Sport immer noch nicht gleichberechtigt. Und bis es soweit ist, wird es vermutlich auch noch dauern. “Aber dass Menschen in Foren und in anderen Gruppen Interesse an dieser Thematik zeigen, ist wichtig und gut”, findet Eggeling. Denn Homophobie hat im Sport nichts zu suchen.