Presse

"Outing trotz Fußball - Fußball trotz Outing?"
(Pflichtlektüre, Dortmund, 16.05.2012)


von Philipp Ziser und Thomas Borgböhmer

Dominik Sievers ist einer der wenigen geouteten Fußballer in Deutschland. Seit einem Jahr ist er Spielertrainer bei einem ostwestfälischen Kreisligisten. Im pflichtlektüre-Interview verrät er, warum sich bisher so wenig Fußballer zur Homosexualität bekennen und was die Profifußballer noch besser im Umgang mit diesem Thema machen können.

Du bist jetzt 30 Jahre alt. Wann hast du dich überhaupt geoutet?

Da war ich 22 Jahre alt. Also doch relativ spät eigentlich.

Relativ spät sagst du. Seit wann wusstest du denn, dass du homosexuell bist?

Ach, das weißt du schon immer. Das wusste ich früh, in der Pubertät schon.

Okay, trotzdem dann “erst” mit 22, als junger Erwachsener, geoutet. Warum ausgerechnet dann? Hattest du Angst vor negativen Reaktionen?

Wenn du als Teenager in so einem kleinen 2000-Einwohner-Dorf lebst, machst du dir schon deine Gedanken drüber. Du hast deine guten Freunde, bei denen du weißt, dass die damit gut umgehen. Aber du weißt eben gar nicht, wie die große Mehrheit darauf reagiert. Und das ist so die Angst bei jedem Outing.

Wie waren dann letztendlich die Reaktionen von deinen Eltern, von Freunden und den Leuten aus dem Fußballverein?

Die waren völlig problemlos. Meine Freunde wussten das dann teilweise und das war kein Problem. Du veränderst dich ja nicht als Mensch, nur weil du schwul bist. Im Fußball war es dann auch nicht so, dass ich mich vor die Mannschaft gestellt habe und mein Outing verkündet habe. Ich habe das mal drei Leuten auf einer Party gesagt und gemeint, dass das kein Geheimnis mehr ist. Und da waren die Reaktionen eigentlich auch nur positiv, die waren froh, dass ich mich ihnen anvertraut hatte. Das zeigt ja auch immer, wie wichtig einem eine Freundschaft ist. Und insgesamt entstand dadurch ein gewachsenes Vertrauensverhältnis und eine tiefere Freundschaft.

Gab es denn Personen, die sich von dir distanziert haben?

Also damit hatte ich überhaupt keine schlechten Erfahrungen. Aber was hinter deinem Rücken gesprochen wird, das weißt du natürlich nie. Mit Sicherheit gibt es Leute, die mal einen Spruch ablassen oder die nach meinem Outing irgendwas gesagt haben. Aber die haben auch nicht den Schneid, dir sowas ins Gesicht zu sagen.

Jetzt bist du schon seit einigen Jahren geoutet. Wie ist es im Fußball? Wissen das mittlerweile die meisten?

Ja, schon alle, seit Jahren. Nicht nur Mitspieler, wir spielen mal in der Bezirksliga und mal eine tiefer in der Kreisliga. Obs alle wissen, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, aber das spricht sich schon rum und es ist mittlerweile ja schon ewig her, dass ich mich geoutet habe. Und da habe ich selbst von Gegenspielern nie negative Reaktionen bekommen, innerhalb unserer Mannschaft schon gar nicht. Und ich kann mich noch an eine Situation direkt nach meinem Outing erinnern: Da war sogar einer vom Vorstand bei mir und hat mir versprochen: “Du Domme, wenn es da Probleme gibt, sag Bescheid. Wir stehen hundertprozentig hinter dir.”

Wie ist das auf dem Platz? Da wird unter Gegenspielern gerne mal etwas provoziert, die üblichen Beleidigungen und Beschimpfungen ausgetauscht. Da rutscht öfters sicher auch mal das Wort “Schwuchtel” raus. Hast du da jemals schlechte Erfahrungen gemacht?

Auch das ein oder andere böse Wort auf dem Platz gehören dazu. Rechtsfreier Raum sei der Platz aber nicht, so Dominik Sievers: "Rassistische oder homophobe Äußerungenhaben da nichts zu suchen!" Absolut nicht. Das passiert zwar im Fußball, aber dass ich aufgrund meiner Sexualität beleidigt wurde oder ein Spruch kam, das gab es bisher nicht. Na klar, werde ich mal als Penner beschimpft, wenn ich jemanden unfair gestoppt habe. Auch ich schieße bestimmt mal aus der Emotion heraus übers Ziel hinaus. Aber dass ich auf die Sexualität reduziert wurde oder sonstiges, ist noch nie vorgekommen.

Würdest du sagen, dass du da eine Ausnahme bist und dass womöglich andere “härter” dran sind. Schießen sich die Gegenspieler nicht darauf ein, wenn sie wissen, dass sie gegen einen Schwulen spielen?

Also Fußball ist ein Sport, der viel mit Leistung zu tun hat. Das soll von mir jetzt nicht überheblich klingen, aber ich kann von mir schon behaupten, dass ich ein guter Kicker bin. Dadurch wirst du schon in der Mannschaft respektiert: Durch gute Leistung gibt es ein gewisses Standing. Und ähnlich ist es dann auch bei anderen Teams. Dann hast du den Vorteil. Es wird auf die Leistung geguckt und honoriert. Das ist in jeder Liga so und darum geht es im Fußball. Außerdem leben ja auch auf dem Dorf nicht nur Vollidioten. Ich denke insgesamt, dass unsere Umwelt da schon toleranter geworden ist. Es gibt ja heutzutage nicht mehr Schwule als früher, denke ich. Aber die Bereitschaft sich zu zeigen und offen dazu zu stehen, ist größer geworden. Man gilt jetzt eben nicht mehr als Exot.

Du hast nach deinem Outing im Fußball viel positives Feedback bekommen. Im Profifußball ist das anders. Da hat sich bisher niemand geoutet. Ist das überhaupt nötig oder sollte man die Sexualität, also die Intimsphäre der Menschen, außen vor lassen?

Klar, Sexualität ist etwas Intimes und ich muss nicht jedem, den ich kennenlerne, auf die Nase binden, dass ich schwul bin. Wenn man so ein gewisses Alter hat und in seiner Person reift, möchte ich mich aber nicht verstecken müssen. Und auf die Frage, ob ich eine Freundin habe, will ich antworten können, dass ich einen Freund hab. Und da geht es gar nicht um den Fußballprofi, sondern ob da jemand ist, der sich nicht versteckt, sondern zu sich steht. Danach kommt erst der Fußball und wenn das einer schafft, gerade bei der ganzen Berichterstattung der Medien, finde ich das super. Und es ist zwingend notwendig, dass da mal einer den Arsch dafür in der Hose hat.

Ist es für einen Fußballer überhaupt machbar, Homosexualität auf Dauer zu verheimlichen? Man lebt ja auch in der Stadt wo man spielt, ist ständig beobachtet, wird auf der Straße erkannt….

Es ist natürlich auch klar, dass bei einem Fußballer die Leistung leidet, wenn er ständig etwas verheimlichen muss. Ein Outing lässt viel Druck ab, das ist langfristig dann natürlich leistungsfördernd. Das habe ich selbst ganz stark bemerkt. Ich musste nicht mehr ständig über Frauen und Titten labern, obwohl es mich nicht interessierte – das ist einfach Erleichterung. Da macht man sich gleich viel weniger Gedanken und hat mehr Freude an allem, selbstverständlich auch am Fußball.

Du sagst, ein Outing ist leistungsfördernd – warum outet sich dann keiner? Warum ist es noch so schwierig, sich als Fußballer zu outen?

Es treffen einfach zwei große Klischees aufeinander: Männerfußball ist das eine: Das ist ein schneller Sport, ein harter Sport und es ist natürlich Volkssport Nummer eins. Da kann und will sich jeder mit identifizieren, bei großen Turnieren fiebern 80 Millionen mit. Auf der anderen Seite haben wir das Klischee des verweichlichten Schwulen, der dann in Frauenklamotten rumläuft oder so. Das passt für viele Leute einfach nicht zusammen. Wenn allen Leuten klar wäre, dass schwule Männer sich genauso benehmen wie Hetero-Männer, wäre es sicherlich gar kein Problem sich zu outen. Aber solange manche das nicht verstehen und diese Klischees verbreitet sind, gibt es eine Barriere. Und der Umgang der Spieler selbst mit dem Thema ist auch nicht optimal…

Das musst du genauer erklären!

Wenn die Gerüchte hochkochen, dass Arne Friedrich schwul ist, schreibt seine Freundin einen offenen Brief “Mein Arne ist nicht schwul.“ Das hilft nicht wirklich weiter. Auch, dass er selbst auf Fragen zu dem Thema antwortet: „Nein, ich bin nicht schwul!“, ist wenig professionell. Klar, kann er so antworten, aber er wertet es durch die Verneinung natürlich. Hilfreich wäre mal einer, der lässig und intelligent reagiert und mal die Frage stellt: “Und wenn? Problem damit?“ Das wäre klasse, da würde mal eine Diskussion angestoßen – aber zurzeit ist es noch so, dass Homosexualität im Fußball nicht akzeptiert ist. Die Frage danach ist schon ein Vorwurf, wogegen man sich offensichtlich rechtfertigen und distanzieren muss.

Meinst du es hängt nicht auch viel damit zusammen, dass geoutete Spieler in diesem “Machobusiness” Fußball als Weicheier abgestempelt wären?

Das glaube ich noch nicht mal. Das ist vielleicht das geringste Problem, ob du vor 50.000 Zuschauern als “Schwuchtel” beschimpft wirst. Es ist viel eher existenziell, also bekomm ich einen Job? Gibt es mutige Vereine, die mich da unterstützen? So ein Fußballspieler wechselt alle zwei, drei Jahre den Verein, kaum einer bleibt mal für zehn Jahre irgendwo. Aber für ein Outing muss da ein gewachsenes Vertrauen sein. Der Spieler muss dem Verein vertrauen und wissen, egal was kommt – der Verein steht hinter mir. Wenn also jemand die bedingungslose Akzeptanz hat, könnte es relativ schnell einen geouteten Fußballer geben. Aber selbst den Mut, sich dem Verein zu öffnen muss man haben. Bei meiner Familie, meinen Freunden kann ich die Reaktion ungefähr abschätzen, aber bei einem Vorgesetzten im Beruf? Ja klar kennst du den, aber beruflich. Du weißt nicht, wie dein Trainer oder Manager privat tickt.

Aber gerade ein gestandener, etwas älterer Profi, der Leistung bringt und akzeptiert wird - warum outet der sich nicht? Er könnte ja ein großes Vorbild für junge schwule Spieler sein, die sich verständlicherweise nicht trauen.

Es wird mit dem Alter aber nicht automatisch einfacher, im Gegenteil. Wenn zum Beispiel ein 35-jähriger Ballack oder Frings sagt, dass er ein Homo ist: Da muss man mal überlegen, was dann auf den zukommt? Der hätte ja jahrelang beschissen, Scheinehe und Scheinkinder. Wenn das so ein gestandener Spieler ist, und die gehen ja nicht seit zehn Jahren solo durch die Welt, würde auch viel zusammenstürzen. Und dann, denke ich, sind die Spieler irgendwann an einem “Point of no return”. Das geht nicht, es wäre dann höchstens möglich, wenn die Karriere vorbei ist. Also wenn sich jemand outet, wird es vermutlich jemand sein, der nicht mehr aktiv ist.

Du glaubst also nicht, dass sich bald ein Profifußballer outet?

Wie gesagt, das ist schwierig. Ich denke innerhalb der nächsten vier, fünf Jahre wird es irgendwann passieren. Ob das jetzt ein Aktiver ist oder einer, der bereits aufgehört hat, kann ich natürlich nicht vorhersagen. Wir haben zurzeit eine Veränderung in der Struktur der Teams, die das begünstigt: Die Hierarchien werden immer flacher, Führungsspieler werden weniger, werden nicht mehr gebraucht. So richtige Typen wie Effenberg, Basler und Kahn hast du nicht mehr, vielleicht noch einen Tim Wiese. Die meisten Spieler sind zwischen 20 und 30 und haben was im Kopf. Ich denke nicht, dass da einer total ausflippen würde, wenn sich einer outet. Je mehr Zeit vergeht, desto eher ist der Boden dafür vorbereitet.

Spricht denn etwas dafür, dass bald jemand den ersten, wichtigen Schritt macht? Kann das funktionieren?

In Wales hat sich der Rugbyspieler Gareth Thomas geoutet und der war, glaube ich, Rekordnationalspieler für Wales (A.d.R. Mit genau 100 Einsätzen für die walisische Nationalmannschaft war er bis 2011 der Rekordnationalspieler seines Landes). Thomas hat anschließend nur positive Erfahrungen gemacht, auch innerhalb seiner Mannschaft. Und so wird das auch irgendwann im Fußball sein, wenn denn jemand dazu steht. Bisher gibt es keinen bekannten Fall, weder hier noch im Ausland. Es gibt zwar immer mal wieder Gerüchte, aber da weißt du nicht, was dran ist. Es gibt sicherlich Journalisten, die wissen, welche Spieler schwul sind. Aber eine Art Zwangsouting im Stil von Rosa von Praunheim (s. blauer Kasten) kann sich heutzutage niemand mehr erlauben, der bekommt ja nirgends mehr eine Stelle. Das ist der Vorteil, dass niemand mehr dazu gezwungen wird. Ein Outing muss jeder für sich selbst entscheiden, bis man irgendwann bereit ist, zu sich zu stehen.