Presse

"Jede Auffälligkeit ist schädlich"
(Exit, Düsseldorf, 03/2012)


Trotz Anti-Diskriminierungs-Kampagnen seitens des DFB hat bislang noch kein einziger deutscher Profi-Fußballer sein Outing gewagt. Corny Littmann, ehemaliger Präsident des FC St. Pauli, rät schwulen Fußballern vom großen Schritt ab und erklärt Björn Berndt seine Sicht auf die Dinge.

Es verwundert, dass du als ehemaliger Präsident des FC St. Pauli schwulen Spielern nahelegst, sich nicht zu outen. Wieso?

Ein Fußballprofi hat nur einen begrenzten Zeitraum, seinen Beruf auszuüben. Mit 20 geht das Profi-Dasein los, mit Anfang 30 ist in der Regel Schluss. Im Grunde genommen ist da jede Auffälligkeit für die Karriere eines Profis schädlich.

Das gibt Probleme innerhalb der Mannschaft?

Ja. Eine Profimannschaft ist eine Zwangsgemeinschaft von Männern, die vom täglichen Training übers Trainingslager bis zur gemeinsamen Umkleidekabine viel unter sich sind – auch wenn sie es vielleicht nicht wollen. Ein schwuler deutscher Spieler, der sich outet, in einer Mannschaft, in der auch beispielsweise Kroaten und Serben oder Russen spielen – die haben überhaupt kein Verständnis dafür, ganz im Gegenteil: Die sind beladen mit Vorurteilen der übelsten Sorte und verhalten sich auch dementsprechend. Also wird es Konflikte innerhalb einer Mannschaft geben. Die will kein Verein, die will kein Trainer, schlussendlich will das der Spieler auch nicht.

Weil niemand den Ärger möchte …

Das andere sind die Vereine. An deren Spitze stehen häufig mittelständische Unternehmer, die grundsätzlich gutbürgerlich sind und dem Schwulen nicht zugeneigt. Und bei den Fans wird zu Recht davon ausgegangen, dass ein geouteter Spieler, wie es auch mit farbigen Spielern in der Bundesliga vor zehn Jahren noch war, öffentlichen Anfeindungen ausgeliefert sein wird. Beim schwulen Spieler muss man sich dann auch fragen: Wo hat er eigentlich die Möglichkeit gehabt, soziale Kontakte zu knüpfen, die ihm ein Outing ermöglichen? Die haben seit ihrem 15. oder 16. Lebensjahr eigentlich nur Fußball im Kopf, haben kein normales Teenager-Leben mehr. Innerhalb der Mannschaft haben sie es mit größter Wahrscheinlichkeit nicht. Außerhalb der Mannschaft bewegen sie sich ja überhaupt nicht, sie sind in Sportinternaten, kommen gar nicht raus.

Wo müsste man denn ansetzten, um das zu ändern? Heilt das die Zeit?

Natürlich gibt es einen Gewöhnungsprozess. Nichtsdestotrotz hat ein Fußballer zuerst ein berufliches Interesse. Und ein letztes: Die skurrile Seite dabei, die scheinbar im völligen Widerspruch dazu steht, ist, dass die veröffentlichte Meinung einen schwulen Profispieler als Held feiern würde – inklusive der Bild-Zeitung. Die würden den über den grünen Klee loben. Du musst dir dann aber auch überlegen, ob du ein Leben lang mit dem Stempel rumlaufen willst …