Presse

"Fußball, Ficken, Alkohol"
(Exit, Düsseldorf, 03/2012)


Ein Wechsel an der Spitze des DFB, die Europameisterschaft in Polen und in der Ukraine, das Finale der Champions League in München: Das Jahr 2012 ist vollgepackt mit Fußball-Highlights. Und weiterhin trudeln regelmäßig Aussagen von Spielern wie Philipp Lahm oder Arne Friedrich in die Presse, die das Für und Wider öffentlicher Outings im raubeinigen Business abwägen.

März des vergangenen Jahres: Anton Hysén kickt in einer schwedischen Viertliga-Mannschaft und schreit genau das heraus, was viele Schwule und Lesben schon so lange herbeigesehnt haben: „Ich bin Fußballer und ich bin schwul!“ Das sitzt.

Klar, provokant und ohne große Erklärung outet sich das 20-jährige Jungtalent im schwedischen Fußballmagazin „Offside“. „Ich spiele vielleicht nicht in der höchsten Liga, aber ich will dennoch beweisen, dass die sexuelle Ausrichtung eines Menschen keine Rolle bei der Ausübung seines Berufs spielt", so Hysén, der im Jahr zuvor noch in der ersten Liga über den Rasen lief. Dass seine Karriere durch die neue Offenheit Schaden nehmen könnte, ist dem gut aussehenden Fußball-Profi bewusst: "Womöglich gibt es Vereine, die an mir interessiert gewesen wären, für die das nun aber anders aussieht."

Mit einer großen Portion Mut und einer mindestens ebenso riesigen Menge an Trotz startete Hysén also das Experiment „offen schwul im Profifußball“. Dass diese Offenheit die absolute Ausnahme im harten Kickergeschäft ist, verwundert nicht. Fußballer sind stark, sportlich, kantig – und vor allem extrem männlich. Sie sind Idole, für viele Fans sogar vergötterte Helden. Und welcher Fußballanhänger kann schon einen Schwulen in seiner Machismo-Traumwelt gebrauchen? Geben tut es sie natürlich trotzdem – homosexuelle Profis, die ein Leben zwischen Kunstrasen und Identitätskrise führen. Nach jahrelangem Zögern outete sich im Herbst 2011 ein amerikanischer Kicker: Der 30-jährige David Testo wählte für sein Outing bewusst einen direkten, öffentlichen Kanal. Über einen großen kanadischen TV-Sender bekannte sich der zurückhaltende Sportler zu seiner Homosexualität und brachte seine innere Zerrissenheit auf den Punkt: „Es ist, als schleppe man schweres Gepäck mit sich herum“, erklärte Testo in einem Interview. „Es war nie erlaubt, man selbst zu sein.“ Jahrelang verheimlichte er seine Homosexualität. Das Versteckspiel hat Spuren hinterlassen: Die Beziehung zu seinem damaligen Freund, seine sportliche Karriere und vor allem seine Psyche litten nach eigener Aussage schwer unter dem ständigen Druck, den smarten Heterosexuellen mimen zu müssen und sich nicht in einem unüberlegten Moment zu verplappern. Eine wahre Zerreißprobe also, die Opfer fordern sollte: Testos Freund verließ ihn, weil er das ewige Versteckspiel satt hatte. Der Ballkünstler spielte zuletzt beim Verein Montreal Impact, der in diesem Jahr in der nordamerikanischen „MLS Liga“ debütiert. Testo allerdings ist nicht mit von der Partie: Sein Vertrag wurde nicht verlängert.

Schlappschwänze oder gar hetero?

„Toll! Endlich haben wir die Outings im Fußball, nach denen die Presse schon so lange japst“, zeigt sich Dirk Brüllau nicht ohne ironischen Unterton. Brüllau ist Pressesprecher der Queer Football Fanclubs (QFF) und „Käpt’n“ des schwul-lesbischen Fanclubs Queerpass St. Pauli. Natürlich seien die Outings erfreulich, erzählt er, andererseits spiegelten sie aber auch die harte Mentalität unserer Fußball-Kultur wider – bekannt hätten sich immerhin „nur“ ein schwedischer Viertligist und ein ausgebrannter Spieler ohne Vertrag. „Sind die Profis in den deutschen Bundesligen allesamt Schlappschwänze oder gar alle hetero? Deutsche Nationalspieler ‚glänzen‘ zurzeit eher mit Schwulen-Dementis als mit Outings.“ Armseelig findet er das. „Wir Mitglieder der schwul-lesbischen Fanclubs sind in erster Linie Fußballfans! Uns interessiert es relativ wenig, ob sich da nun in Kanada oder Schweden ein Spieler outet.“ bemerkenswert sei, dass hierzulande ein Arne Friedrich oder ein Philipp Lahm „mit genau der gleichen Vehemenz“ nur die eine eigene Homosexualität dementieren. In der Hinrunde der aktuellen Bundesliga-Saison sorgten Brüllow und sein Fan-Club in St. Pauli übrigens für gehörig Aufsehen: Während eines Spiels gegen den FSV Frankfurt trugen Aktivisten von Queerpass und dem „Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus“ ein großes Banner quer über den heiligen Rasen des Millerntorstadions. Darauf zu lesen: „Fußball, Ficken, Alkohol???“ – eine aus diversen Fangesängen bekannte Phrase. Die dazugehörige Facebookseite soll Fans zum Denken anregen: „Fotze“, „Schwuchtel“ und „Schwanzlutscher“ – gehören diese Vokabeln wirklich ins Stadion?

Zebrastreifen, weiß und blau und bunt

Für Sichtbarkeit in der Arena, Akzeptanz unter den Fans und letztlich auch ein Umdenken in der gedanklich manchmal etwas eingerosteten Fußballwelt setzen sich die Mitglieder der QFF in ihren jeweiligen Vereinen ein. Inzwischen gibt es für fast jeden Fußballclub auch eine Fanvereinigung von Lesben und Schwulen. Zum Austausch, zum Fachsimpeln und natürlich auch zum Feiern treffen sich die Queer Football Fanclubs zweimal im Jahr – am 6. Januar fand die Zusammenkunft zum inzwischen zehnten Mal statt. „München ist wieder um eine Brücke reicher“, so das Fazit von Mario Weiße, der als Organisator gemeinsam mit seinem Fanclub Queerpass Bayern eine bunte Mischung aus Fußball, Diskussion und Party auf die Beine gestellt hatte. Insgesamt 70 Fans aus 18 deutschen und drei schweizerischen Clubs beteiligten sich am Treffen. Nicht entgehen ließen sich das Event auch die Vertreterinnen und Vertreter der Rainbow Zebras. Seit ungefähr drei Jahren ist die schwul-lesbische Fangruppe des Duisburger Zweitligisten MSV Duisburg aktiv im Stadion unterwegs. Nach zu Beginn nur unregelmäßigen Treffen wurde die Vereinsstruktur im Laufe der Zeit immer professioneller: Stolze 30 Mitglieder zählen die Rainbow Zebras inzwischen und sind zu einer ansehnlichen und feierlustigen Truppe herangewachsen. Jeden ersten Montag im Monat treffen sich die Jungs und Mädels im „Franky´s“ am Duisburger Hauptbahnhof, um neue Ideen, Ausflüge oder auch Aktionen für den CSD zu besprechen. Ein besonders wichtiger Termin steht jetzt schon fest: Im März 2013 sind die Rainbows Ausrichter eines QFF-Treffens.

Das Zauberwort heißt „Sichtbarkeit“

Chris Schulze ist nicht nur MSV-Fan und Gründungsmitglied der Rainbow Zebras, sondern seit über zehn Jahren auch der Stadionsprecher seines Lieblingsvereins. Jeder Besucher der Arena kennt ihn, auf dem Rasen führt er Interviews mit Spielern, vor jedem Spiel verliest er feierlich die Aufstellung – und singt gemeinsam mit den Fans das traditionelle „Zebra-Lied“. Mit eigener Autogrammkarte und natürlich im MSV-Outfit kommt Chris bei Fans und Spielern bestens an. Dass er schwul ist und dazu sogar noch Mitglied des schwul-lesbischen Fanclubs, das erfuhren die meisten Anhänger des MSV erst über Facebook und das Duisburger Lokalradio. „Bisher gab es auf mein öffentliches Outing durchweg positive Resonanz. Durch meinen Kontakt zu den MSVFans und auch zu Fans anderer Vereine weiß ich, dass die meisten es richtig gut fanden.“ Stören würde ihn trotzdem der ein oder andere unbedachte Spruch im Stadion. „Ich denke, dass die meisten Fans es nicht ernst meinen, sondern eher so daher sagen, aber einen Spieler als ‚schwule Sau‘ zu beleidigen, geht einfach nicht. Wir sind MSV-Fans wie jeder andere, fühlen uns aber manchmal durch unbedachte Äußerungen diskriminiert“, ärgert sich der smarte Stadionsprecher.

Für Chris und seine Vereinskollegen ist der Zusammenschluss in einem Fanclub für Schwule und Lesben deshalb besonders wichtig: „Zum Abbau von Vorurteilen ist es natürlich nötig, dass wir auch sichtbar sind. Daher besuchen wir gemeinsam Spiele, fahren manchmal auch über ein ganzes Wochenende zu Auswärtsspielen.“ Dort träfen sie sich dann oft mit befreundeten schwul-lesbischen Fanclubs anderer Mannschaften und gingen abends gemeinsam auf die Piste, erzählt er. „Nur im Stadion trennen sich dann natürlich unsere Wege. Es ist im Grunde wie bei jedem anderen Fanclub auch. Freundschaften sind nicht vereinsabhängig“, meint Chris. „Zu den Meenzelmännern vom FSV Mainz und den Blauen Bengeln aus Bielefeld pflegen wir relativ guten Kontakt. Durch die QFF-Treffen erfahren wir natürlich, was die anderen Clubs so auf die Beine stellen und veranstalten – und können viele Ideen mitnehmen.“

Toleranz und Sichtbarkeit von Homosexuellen im Fußball haben sich die zahlreichen schwul-lesbischen Fanclubs in Deutschland allesamt auf die Fahne geschrieben. Mit kleinen Schritten oder auch mal provokanten Aktionen und viel, viel Präsenz wagen sich Schwule und Lesben in die ruppige Fußballwelt. Am Ende sind sie aber vor allem eines: Fußballfans. „Eine Freundschaft mit den Jungs und Mädels aus Gelsenkirchen kann ich mir nicht so gut vorstellen“, schiebt Chris hinterher und muss lachen, „dafür bin ich – genau wie die anderen Rainbows – zu sehr Zebra.“