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"Homosexualität im Fußball: Das letzte Tabu"
(DiePresse.com, Wien, 07.01.2012)


von Felix Lill

Für eine Kampagne gegen Homophobie wollte eine englische NGO Profisportler gewinnen. Aus jeder Massensportart haben sich homosexuelle Unterstützer gefunden. Nur im Fußball nicht.

Der Film beginnt mit Rugbyszenen. Große, breite Männer, die sich in einer Spielertraube um das Ei raufen, ohne Rücksicht auf Verluste. Es handelt sich um ein Punktspiel zwischen den englischen Profiklubs Sheffield Eagles und Widnes Vikings. Es besteht kein Zweifel, dass es sich um harte Kerle handelt. Obwohl die Sheffield Eagles einen untypischen Banner auf der Brust ihrer weißen Trikots tragen: „Homophobia. Tackle it!“, Homophobie, pack es an! Die Eagles sind die erste britische Profimannschaft, die mit einem solchen politischen Statement auf dem Platz gestanden ist.

Es ist ein Slogan der Nichtregierungsorganisation Show Racism The Red Card (Zeige Rassismus die rote Karte), die gegen verschiedene Arten von Diskriminierung mobilisiert. Für ihre aktuelle Kampagne gegen Homophobie hat „Red Card“, wie sich die NGO nennt, einen Film produziert, der ab Anfang 2012 in britischen Schulen gezeigt wird. Der 17-minütige Streifen benutzt die Gesichter und Stimmen von Profisportlern, um die zentrale Botschaft zu übermitteln: dass Homosexualität kein Problem ist. Stars aus Rugby, Tennis, Hurling und Kricket kommen zu Wort. Die Protagonisten sind hochkarätig und homosexuell. Nur aus dem Fußball konnte kein schwuler Profi gewonnen werden.

„Ich wollte ein Vorbild sein. Eines, das ich selbst nie hatte“, sagt der große Glatzkopf Gareth Thomas in dem Film. Thomas ist einer der erfolgreichsten Rugbyspieler aus Wales und wagte im Dezember 2009, während seiner aktiven Karriere, sein Coming-out. „Es war wahrscheinlich das am schlechtesten bewahrte Geheimnis in Wales und vielleicht der gesamten Rugbywelt.“ Viele hätten inoffiziell schon Bescheid gewusst. Dennoch gab es Gegenwind: „Im Stadion habe ich tausende Hassrufe gegen mich gehört. Aber langfristig sollen sich die Leute durch mich inspiriert fühlen.“ Thomas gestikuliert wild mit seinen Händen, als er das erklärt. Er will sich verstanden wissen. Man müsse es so sehen: „Diese Leute haben mich bepöbelt für etwas, das mit ihnen nicht stimmt.“ Schließlich habe es auch viele positive Reaktionen gegeben. Paul Cullen, Trainer der Widnes Vikings, unterstützt Thomas' Schritt: „Eine Botschaft aus unserem Sport ist doch seit Gareth, dass du als Topathlet schwul sein und trotzdem allgemein Respekt genießen kannst.“

Auch der 25-jährige englische Kricketspieler Steven Davies ist schwul. Im Februar 2011 wurde er der erste Nationalspieler seiner Sportart, der dies öffentlich kundtat. Kurz darauf stellte sich das englische Team geschlossen hinter Davies und nahm weiteren Diskussionen den Wind aus den Segeln. Ähnlich ist es mit Donal Óg Cusack, einem Star im irischen Nationalsport Hurling. „Als ich damit rauskam, waren die Meisten erst mal überrascht“, erinnert er sich. „Aber eigentlich haben es alle gut aufgenommen.“ Die spätere Weltranglistenerste im Tennis, Martina Navratilova, outete sich Anfang der Achtziger und erinnert sich an zumindest geteilte Meinungen aus ihrer Zeit. Sie glaubt dabei, dass Homophobie nicht nur Homosexuelle trifft. „Ich kenne viele Mädchen, die nicht zum Tennis gehen wollen, weil sie dann als Lesben abgestempelt werden. Solche Vorurteile können Heterosexuelle ähnlich hart treffen.“

Die Tragödie des Justin Fashanu. Der Film, den Großbritanniens Schüler künftig in ihrem Unterricht sehen werden, ist gespickt von bekannten Sportpersönlichkeiten. Die britischen Fußballer allerdings, die sich zum Thema äußern, sind allesamt heterosexuell. Dabei ist die Tatsache, dass es auch schwule Profifußballer gibt, längst mehr als eine soziologische Erkenntnis. „Es ist etwas, worüber gesprochen werden muss. Wenn einige das nicht mögen, ist das in Ordnung für mich. Aber es ist eine Tatsache, und wir müssen damit umgehen.“ Das sagte Justin Fashanu 1992 in einem TV-Interview.

Sechs Jahre nach diesen scheinbar abgeklärten Worten wurde der einst vielversprechende Fußballer Fashanu, der 1981 mit seinem Transfer von Norwich City zu Nottingham Forest als erster schwarzer Profi eine Ablösesumme von über einer Millionen Pfund erzielt hatte, erhängt in einer Lagerhalle in London gefunden. Dem Druck von Medien und Gesellschaft hatte er nicht mehr standhalten können. Morddrohungen, Diskriminierungen und Beschimpfungen waren für Fashanu zum Alltag geworden. Seit dem Outing 1990 und seinem Tod 1998 hat kein zweiter aktiver Fußballprofi dessen Schritt mehr gewagt.

Ob so schnell jemand folgen wird, scheint zweifelhaft. Ged Grebby, der Vorsitzende von „Red Card“, hatte sich für die Kampagne lange um einen aktuellen schwulen Fußballprofi bemüht. Er wisse von zumindest einem Spieler, der infrage käme. „Wir dachten, wir könnten ihn für ein Statement in unserem Film gewinnen, aber schließlich lehnte er ab.“ Auch die meisten heterosexuellen Profis vermieden den Auftritt. „Viele wollen mit dem Thema einfach nicht assoziiert werden. Es ist so etwas wie das letzte Tabu. Und wir sind wohl noch weit davon entfernt, das zu brechen.“ Die Angst vor einem Schicksal, wie es Justin Fashanu erfuhr, scheine zu groß.

Der schottische Fußballteamchef Craig Levein fragt im Film in die Kamera: „Wie können wir die Leute so erziehen und bilden, dass sie einen Fußballer als Menschen sehen – und nicht als jemanden, dem man aus ein paar Meter Entfernung zum Rasen beliebig Sprüche an den Kopf werfen kann?“