Presse

"Die heimlich schwulen Fußballspieler"
(Queer.de, Köln, 30.12.2011)


von Dirk A. Leibfried

Homosexualität im Fußball war 2011 ein Dauerthema - geoutet hat sich ein Profi-Kicker aber ímmer noch nicht. Eine Bestandsaufnahme zum DFB-Dialogforum "Vor dem Ball sind alle gleich" im Januar.

Philipp Lahm ist es nicht, Arne Friedrich auch nicht und Joachim Löw schon gar nicht. Nie zuvor haben sich prominente Fußballer so vehement gegen das Gerücht, schwul zu sein, zur Wehr gesetzt wie im abgelaufenen Jahr. Getreu dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. In der schwulen Community sorgt eine derartige Dementi-Offensive eher für Kopfschütteln. Dort beschäftigt man sich im Moment viel lieber mit der Frage, ob der Deutsche Fußball-Bund (DFB), einer der Vorreiter im Kampf gegen Homophobie im Sport, nach dem angekündigten Rücktritt von Präsident Theo Zwanziger Kurs hält. Viele trauen dem "Fußball-Technokraten" Wolfgang Niersbach eher weniger gesellschaftspolitischen Eifer zu als seinem Vorgänger. Ungeachtet der bereits beschlossenen Personalie in der DFB-Führung soll der Kampf gegen Homophobie an der Basis endlich auf den Weg gebracht werden: Am 17. und 18. Januar findet in der Sportschule Hennef das Dialogforum "Vor dem Ball sind alle gleich - sexuelle Identitäten im Fußball" statt. Ein erster Schritt.

Die Zielsetzung der Auftaktveranstaltung, die den Fokus auf den Amateurfußball legt, liest sich eher unambitioniert: Es solle ein Überblick zum Thema sexuelle Identitäten im Fußball erarbeitet werden. Denn: Erst einmal müsse generell geklärt werden, ob dies überhaupt ein Thema für den Fußball sei. Die Ergebnisse der "offenen, vorurteilsfreien Auseinandersetzung" sollen im zweiten Schritt in eine strategische Ausrichtung münden. Nach Hennef eingeladen wurden Vertreter der Leitungs- und Fachebenen des DFB und seiner Landesverbände sowie externe Experten aus Politik, Verbänden, Wirtschaft und Wissenschaft.

Aufzuarbeiten gibt es jede Menge. Denn 2011 war ein Jahr, das vieles in Bewegung setzte. Nie zuvor wurde soviel über Homosexualität im Fußball gesprochen und geschrieben, nie zuvor haben sich Aktivisten vehementer gegen Homophobie im Sport eingesetzt. Jüngstes Beispiel: Während sich in nahezu jedem Profiverein mittlerweile ein schwul-lesbischer Fanclub etabliert hat, verlagert sich die Arbeit nun zunehmend ins Netz: Im November wurde die "Aktion Libero" ins Leben gerufen, eine Initiative deutscher Sportblogger gegen Homophobie im Fußball. Mit der Unterstützung zahlreicher Prominenter wurde eine gemeinsame Erklärung gegen Intoleranz gegenüber Homosexualität im Fußball formuliert, viele Blogs haben sich darüber hinaus mit dem Thema intensiv beschäftigt und damit neue Zielgruppen erreicht.

Homophobie ist nach wie vor ein Problem im Fußball

Denn klar ist: Homophobie ist nach wie vor ein Problem im Fußball. Wenn Homosexualität im Zusammenhang mit Fußball auftaucht, ist der Hintergrund meistens negativ, heißt es in der Erklärung der "Aktion Libero". Man finde dann "mindestens unreflektiertes Verhalten, manchmal Unsicherheit, schlimmstenfalls echte Intoleranz." Dass sich speziell der Profifußball immer noch schwer tut mit dem Thema, bewies im Spätsommer 2011 Dortmunds Torwart Roman Weidenfeller, als er sich über die Nominierungspraxis von Nationaltrainer Joachim Löw lustig machte. Was angeblich "scherzhaft" gemeint war, musste dem Nationaltrainer den Atem stocken lassen: Denn nie zuvor hat ein Bundesliga-Profi die vermeintliche Homosexualität des Nationaltrainers so offen artikuliert wie Weidenfeller. "Vielleicht gibt es ja bald in irgendwelchen Jugendcamps noch weitere junge Torhüter, die dann eingeladen werden, wenn mal wieder einer ausfällt." Nein, er könne sich das überhaupt nicht mehr erklären. "Vielleicht sollte ich mir einfach die Haare schneiden. Oder etwas zierlicher werden. Ich weiß es nicht." Viel hinein zu interpretieren gibt es in diese Aussagen eigentlich nicht mehr.

Es ist davon auszugehen, dass ein 31-jähriger Profi sehr wohl weiß, was seine Worte bewirken können. Dass er Löw offenbar für schwul hält, ist dabei nicht einmal das Skandalöse. Vielmehr unterstellt er diesem, dass er nicht nach Leistung, sondern nach Aussehen aufstellt. Doch offenbar scheint diese Entgleisung in Fußball-Deutschland, das sich immer so gerne modern und fortschrittlich präsentiert, niemanden ernsthaft zu interessieren. Homophobie ist in den Stadien der Republik offenbar immer noch salonfähig. Auch Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff schwieg zu dem Vorfall. Dabei war es doch ausgerechnet Bierhoff, der im März 2011 nach Ausstrahlung des "Tatort"-Krimis "Mord in der ersten Liga" beklagte, dass die Prominenz der Nationalelf missbraucht werde, um irgendein Thema zu entwickeln oder einen Scherz zu machen. "Das sehe ich immer auch als einen Angriff auf meine Familie - die Familie der Nationalmannschaft." Hintergrund war ein fiktives "Tatort"-Zitat, wonach angeblich die halbe Nationalmannschaft, einschließlich Trainerstab, schwul sei. "Das ist doch schon so eine Art Volkssport, das zu verbreiten".

Unabhängig davon, dass es diesen "Volkssport" seit einigen Jahren tatsächlich gibt, sah sich Bierhoff damals zu einer Übersprunghandlung provoziert. Die Freude an der Arbeit werde der Nationalelf genommen, "wenn wir uns gegen haltlose Gerüchte wehren müssen". Bierhoff bierernst weiter: "Wir werden jetzt grundsätzlich bei der Nationalelf überlegen, wie wir mit solchen Dingen umgehen. Dass wir nicht wehrlos sind gegen Gerüchte und falsche Unterstellungen aller Art." Doch wer von Angriffen, Gerüchten und falschen Unterstellungen spricht, suggeriert natürlich immer auch, dass er Homosexualität nach wie vor als etwas Anrüchiges, etwas Verbotenes ansieht. Übrigens: Eine Aussage kam dem Teammanager leider nicht in den Sinn: Dass es für ihn nämlich kein Problem wäre, wenn es in der Nationalmannschaft tatsächlich homosexuelle Spieler gäbe. Eine verpasste Chance. Wieder einmal.

Friedrichs Freundin: "Mein Arne ist nicht schwul"

Da passt es ins Bild, wenn sich Fußballer mit Händen und Füßen gegen entsprechende Gerüchte wehren: "Ich bin nicht schwul. Ich bin mit meiner Frau Claudia nicht nur zum Schein verheiratet, und ich habe keinen Freund in Köln, mit dem ich in Wahrheit zusammenlebe", sagte Philipp Lahm der "Bild". Nach all den Gerüchten über eine heimliche Affäre habe er nun einen Punkt erreicht, "wo ich das Gefühl hatte, ich möchte klarstellen, dass das nicht stimmt." Auch Ex-Nationalspieler Arne Friedrich wollte sich nicht länger mit dem immer wieder kursierenden Gerücht, er habe eine Beziehung mit TV-Moderator Marco Schreyel, abfinden: "Ich bin seit zehn Jahren mit meiner Freundin zusammen und sehr glücklich und denke, für mich gibt es da überhaupt keine Diskussion", sagte er deshalb in der "rbb"-Sendung "Sportplatz". Und damit auch wirklich keine Zweifel aufkommen, legte Friedrichs Freundin einige Tage später in der "Bild" nach: "Mein Arne ist nicht schwul".

So grotesk diese Medienpolitik auch erscheint, sie macht selbst vor Bundestrainer Joachim Löw nicht halt: In der "Welt" wurde er gefragt: "Bei den Fußballern, wo das ganze Volk bibbert und mitzittert, da will man natürlich genau wissen, wer da mit wem unter einer Decke steckt. Wie auch immer, ich sag's jetzt einfach mal: Sie selbst, Herr Löw, wurden auch schon mal in die homosexuelle Hälfte gedrängt, weil Sie sich gut anziehen. Was sagen Sie dazu?" Ja, was sagt ein Bundestrainer dazu? Ganz einfach: "Was soll ich dazu sagen?" Er habe auch schon davon gehört. "Es ist wie mit dem Toupet. Auch das stimmt nicht. Fragen Sie gern meine Frau."

Dabei hätte ein Outing im Profifußball heine fast schon historische Dimension. Tausende junge, homosexuelle Sportler warten sehnsüchtig darauf, dass sich eines ihrer Idole zum Schwulsein bekennt. Es würde wohl vieles erleichtern. "Es wäre nicht nur ein Durchbruch für den Fußball, sondern für die gesamte Gesellschaft", glaubt DFB-Boss Zwanziger. Für den amerikanischen Sportsoziologen Eric Anderson ist ein Outing längst überfällig. Zwar sei Sport allgemein konservativer als die Gesellschaft selbst. Doch von einem Bollwerk der Homophobie könne beileibe nicht mehr die Rede sein. "Dass Athleten so große Angst davor haben, sich zu outen, ist in unserer Welt einfach irrational." Das jahrelange Versteckspiel sei für einen schwulen Athleten viel schlimmer. Am stärksten würde die Leistung darunter leiden. "Die ständigen Lügen machen einen psychisch fertig und kosten viel Energie, die dann auf dem Spielfeld fehlt."

Daran wird wohl auch das Dialogforum des DFB vorerst wenig ändern können. Und doch ist es ein erster Schritt in die richtige Richtung.