Presse

"Was ist mit unserem Fußball los?"
(Rheinische Post, Düsseldorf, 22.11.2011)


von Martin Beils

Je höher der Fußball wirtschaftlich und sportlich fliegt, desto tiefer scheinen die Abgründe, die sich auftun. Neben dem Fall des Schiedsrichters Babak Rafati gibt es viele ungelöste Probleme: Gewalt, Manipulation, Homophobie, Doping.

Macht es einen Unterschied, ob ein ICE einen Hooligan überfährt oder einen gewöhnlichen Fußballfan? Martin Bader, Sportvorstand des 1. FC Nürnberg, legt jedenfalls Wert darauf, dass Club-Anhänger André S. nicht zur gewaltbereiten Hooligan-Szene zählt. Der 19-Jährige war am Samstag im Kölner Hauptbahnhof von einem Zug überrollt worden, er verlor den rechten Arm. Die Polizei ermittelt. "Das Geschehene stellt eine neue Dimension der Gewalt dar", sagt Bader. Dabei ist noch gar nicht heraus, ob dem Sturz Handgreiflichkeiten vorausgingen.

Doch das Unglück passt ins Bild. Jede Woche fließt Blut. Menschen kommen im Umfeld des Fußballs zu Schaden. Das Image der Liga bekommt Kratzer. Auch durch den Selbstmordversuch des Schiedsrichters Babak Rafati, obwohl der wohl nichts mit dem Sport zu tun hatte. Obwohl diese beiden Kölner Fälle vom Samstag wenig miteinander zu tun haben, fügen sie sich in ein finsteres Gesamtbild.

Reinhard Rauball skizziert die Lage der Liga im "Report 2011" dagegen mit Worten aus dem Sprachbaukasten eines Konzernlenkers: "Die Bundesliga ist nicht nur ein nationales Premiumprodukt, sondern längst ein internationaler Markenartikel." Der Ligaverbandspräsident weiter: "Trotz globaler Wirtschaftsrezession konnte das ,Unternehmen Bundesliga' seinen Umsatz auf einen historischen Höchststand steigern." Zwei Milliarden Euro setzten die 36 Klubs der obersten Ligen um. Mit fast 42 000 Zuschauern verzeichnet die Erste Liga den höchsten Schnitt in Europa. Sie verkauft sich als Hochglanzprodukt. Alles prima? Mitnichten.

Wo es um Milliarden geht, entsteht Druck, entsteht Neid, entstehen Begehrlichkeiten. Schon ein Blick in den Terminkalender von DFB-Präsident Theo Zwanziger zeigt, wie unaufgeräumt es hinter der Glitzerfassade aussieht.

Der DFB-Chef wirkt wie ein Getriebener, der mal Betroffenheitsattitüde, mal Macherqualitäten ausspielen will. Anfang November brachte ihn der frühere Schiedsrichter Manfred Amerell in Bedrängnis, als er seine ehemaligen Amtsbrüder mit angeblichen Steuervergehen in Verbindung brachte. Am 7. November vollzog Zwanziger deshalb einen Rollentausch bei seinen Vizepräsidenten. Am 10. November gedachte Zwanziger des Nationaltorhüters Robert Enke an dessen Grab. Am 14. November saß er bei Innenminister Hans-Peter Friedrich am Runden Tisch gegen Gewalt. Und am 19. November eilte er nach Köln, um im Stile eines Polizeisprechers über Rafatis Selbstmordversuch zu referieren.

Zwanzigers Agenda spricht dem Spruch von der "schönsten Nebensache der Welt" Hohn. Und in all der Eile verdribbelte sich der Krisenmanager. Er sprach ohne Not über Details aus Rafatis Hotelzimmer. Und er sprach von der Überlastung der Schiedsrichter, ohne zu wissen, ob Rafatis Verzweiflungstat mit dem Fußball zu tun oder ob sie Ursachen im Privaten hatte.

Für die Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist die Ursache des Selbstmordversuchs zweitrangig. Denn als Schiedsrichter ist Rafati eine Person, die die Öffentlichkeit über den Fußball definiert. Deshalb wurde sein Suizidversuch reflexartig mit dem Fußball in Verbindung gebracht. Die Szene diskutiert den Fall vor Kameras und Millionenpublikum. Statt übers "Gegen den Ball verteidigen" wird beim TV-Stammtisch über Blut in der Badewanne gesprochen. Sportpfarrer und -psychologen geben ohne Detailkenntnisse schnelle Einschätzungen ab. Der Fußball rast. Kaum ein Tag ohne ein zum Superhypermegakracher hochgejazztes Jahrhundertspiel. Und ringsherum tobt der Irrsinn. Katastrophenmeldungen überschlagen sich in einer durch ständige Medienpräsenz geprägten Branche. Die Halbwertzeit der Neuigkeiten sinkt.

Wie schnelllebig das Fußballgeschäft und das Geschehen auf seinen grell ausgeleuchteten Nebenschauplätzen ist, machen zwei Fälle deutlich. Erst zwei Monate ist es her, dass der Brasilianer Breno seine Münchner Villa angezündet haben soll. Fast schon vergessen. Genauso lang liegt der Rücktritt des Schalker Trainers Ralf Rangnick wegen eines Erschöpfungssyndroms zurück. Zwei Monate erst! Hannovers Ersatztorhüter Markus Miller – ein fast Vergessener – kehrt heute ins Mannschaftstraining zurück. Er hatte sich seit Anfang September wegen mentaler Erschöpfung in einer Privatklinik behandeln lassen.

Je höher die Höhenflüge des Fußballs, desto tiefer sind offensichtlich die Abgründe, die sich auftun. Auf der einen Seite der wirtschaftliche Erfolg und die sportliche Blüte mit einer spannenden Liga und einer begeisternden Nationalelf, auf der anderen Seite ein wachsender Berg ungelöster Probleme.

Das Thema Doping zum Beispiel. Es poppt im Fußball, dem umsatzstärksten und damit für den Einsatz verbotener Mittel vielleicht anfälligsten Sport, selten hoch. Etwa gestern – freilich nicht in der Liga, sondern im internationalen Segment. Afrikanischen Medien zufolge könnte die 1:2-Niederlage der Deutschen bei der WM 1982 gegen Algerien auch auf Doping zurückzuführen sein. Mindestens sieben Spieler aus den WM-Aufgeboten von '82 und '86 sollen als Folge des Medikamentenmissbrauchs Väter behinderter Kinder geworden sein.

Und was ist mit Homophobie? Vor zwei Jahren hatte sich Zwanziger als Kämpfer gegen Tabus dafür stark gemacht, dass sich homosexuelle Fußballer outen sollen. Geschehen ist wenig. Zu groß ist die Angst vor Repressionen von Mitspielern, Fans und Medien. Was ist mit unserem Fußball los?

Spielmanipulationen, wie sie durch den Fall des Berliner Schiedsrichters Robert Hoyzer 2005 der Öffentlichkeit bekannt wurden, belasten vielleicht stärker denn je den europäischen Fußball. Die Bochumer Staatsanwaltschaft hat Anfang des Monats Anklage gegen Milan Sapina erhoben, der Prozess gegen ihn soll erst im März beginnen. Laut "Frontal 21" gehen Experten davon aus, dass in Europa jedes Jahr mindestens 300 Spiele manipuliert werden – auch in Deutschland.

Die Krise ist auch eine Krise seiner Führungskräfte. Das wurde gerade deutlich, als Weltverbandspräsident Sepp Blatter rassistische Äußerungen auf dem Spielfeld verharmloste. Die könnten "in der Hitze des Gefechts" vorkommen. Ganz typisch für den Schweizer ist auch einer seiner jüngsten Beiträge zur Diskussion um die Gewalt in den Stadien: "Im Herbst fallen die Blätter, und die Menschen werden aggressiver. Im Frühling passieren solche Dinge weniger." Das Problem wird relativiert, zerredet.

Wie der Fußball unter marodierenden Horden leidet, zeigt sich bei Hansa Rostock. Nach Ausschreitungen im Spiel gegen St. Pauli flehte Präsident Bernd Hofmann: "Wir bitten Verbände, Politik und Judikative, uns mit diesem gesamtgesellschaftlichen Problem nicht alleinzulassen." Er klang verzweifelt.