Presse

"Man ruft 'schwule Sau', ohne nachzudenken"
(Spox.com, München, 16.11.2011)


von Stefanie Barthold

Am 16. November startet die "Aktion Libero - Sportblogs gegen Homophobie im Fußball". Stefanie Barthold ist seit Beginn Teil des Projektteams und spricht im Interview mit SPOX über die Ziele der Aktion, die Rolle der Vereine und die Unbedachtheit vieler Fans. Die frühere Sportjournalistin lebt in Berlin, ist als freie Lektorin tätig und betreibt das Blog "Unrund".

Frau Barthold, schon mal im Stadion jemanden beschimpft und danach so richtig geschämt?

Nein, aber fremdgeschämt.

Wegen homophoben Beschimpfungen?

Sehr häufig, ja. Wer sich intensiver mit der Thematik beschäftigt weiß, dass »schwul« immer noch eines der meistverwendeten Schimpfworte im Stadion ist. Es ist eine gängige Beleidigung - oder zumindest ein gängiger Begriff, denn nicht immer ist er beleidigend gemeint. Viele verwenden "schwul" eher unreflektiert und ohne sich darüber Gedanken zu machen, dass sie jemanden damit kränken könnten. Die Wirkung bleibt aber dieselbe.

Ist Homophobie ein Teil der deutschen Fankultur?

Wie tief die Homophobie in der Fankultur verwurzelt ist, kann ich nicht sagen. Es werden allerdings sehr leichtfertig Beleidigungen gerufen, die vielleicht nicht beleidigend gemeint sind - aber so ankommen. Ich glaube, dass der Großteil der Fans in diesem Punkt unreflektiert oder auch unsicher ist, sich gar keine Gedanken darüber macht. Ich habe zumindest die Hoffnung, dass dahinter bei den meisten Fans gar keine wirkliche Intoleranz steckt, sondern dass viele Menschen damit eben nur sehr lax umgehen. Man ruft einfach "schwule Sau" oder Ähnliches, ohne sich Gedanken zu machen. Weil andere es eben auch rufen.

Soll die "Aktion Libero" auf diesen unreflektierten Umgang aufmerksam machen?

Die "Aktion Libero" soll sensibilisieren, ja. Sie soll darauf aufmerksam machen, dass das Klima rund um den Fußball immer noch alles andere als tolerant und offen ist, gerade in Bezug auf das Thema Homophobie.

Wie äußert sich dieses wenig tolerante Klima?

Da gibt es viele Aspekte. Von Seiten der Fans sicherlich in Form von Schmähgesängen, Beleidigungen und ganz allgemein einer diskriminierenden Haltung. Aber auch die meisten Vereine gehen sehr unentspannt und vorsichtig mit der Thematik um. Deshalb richtet sich die "Aktion Libero" nicht nur an den Stadiongänger, sondern an jeden, der mit dem Fußball zu tun hat. Es soll ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, wie intolerant und schwulenfeindlich die aktuelle Situation ist.

Eine Reihe von Prominenten unterstützt die Aktion. Wie wichtig sind sie für ein solches Projekt?

Sehr wichtig! Ich persönlich habe mich unheimlich darüber gefreut, jemanden wie Theo Zwanziger für das Projekt gewinnen zu können - und das noch bevor er die genauen Details kannte. Uns wurde von vielen Seiten sehr viel Vertrauen vorgeschossen. Das Schöne ist, dass wir darüber hinaus mit Thees Uhlmann oder Maria Furtwängler auch Unterstützer gefunden haben, die sich nicht unbedingt täglich mit Homophobie im Fußball beschäftigen, aber trotzdem eine klare Meinung und Haltung zu dem Thema haben. Dieses Engagement ist nicht selbstverständlich.

Homosexuelle sind in der Gesellschaft weit besser integriert als im Fußball. Woran liegt das?

Das frage ich mich auch, eine Erklärung habe ich dafür nicht. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass der Fußball als klassischer Männersport gilt.

Sollte das Thema "Homosexualität im Sport" häufiger öffentlich thematisiert werden - oder verstärkt man damit den Eindruck, das Thema sei ein besonders heikles?

Ich finde es sehr gut, wenn das Thema nicht nur aus einem bestimmten Anlass heraus thematisiert wird. Weil sich irgendein Spieler in irgendeinem Land geoutet hat, zum Beispiel. Wichtiger finde ich, das Thema in den Alltag zu integrieren - auch von den Fans selbst. Jede Thematisierung ist gut, um Homosexualität zu enttabuisieren.

Was kann der einzelne Sportfan tun, um ein Zeichen gegen Homophobie zu setzen?

Unsere Aktion zielt nicht darauf ab, dass die Leute mit einem Banner ins Stadion rennen. Das wäre natürlich auch toll, aber es ist schon viel wert, wenn sie bewusster und aufmerksamer mit dem Thema umgehen. Wenn sie die "Aktion Libero" zum Anlass nehmen, ihre eigene Haltung zu hinterfragen.

Engagieren sich DFB, DFL und Vereine genug im Kampf gegen Schwulenfeindlichkeit?

Ich glaube, dass sich beim DFB durch die Person von Theo Zwanziger in den letzten Jahren einiges bewegt hat. Was die Vereine angeht, bin ich allerdings immer wieder ratlos. Warum positionieren sie sich nicht klarer? Mir fehlt der Einblick, um abschätzen zu können, woran das in den Vereinen scheitert.

Die "Aktion Libero" nimmt ihren Ausgang in den Sportblogs. Gibt es Überlegungen, mit Vereinen und Fanklubs direkt zusammenzuarbeiten?

Am Aktionstag werden zum Beispiel die Erst- und Zweitligavereine über die Aktion informiert. Wir erwarten nichts, aber hoffen schon, dass von einigen eine Reaktion kommt und sie das Thema aufgreifen. Schön ist, dass wir auch von nicht-sportlichen Organisationen unterstützt werden. Das ist viel wert.

Die "Gretchenfrage" in solchen Interviews ist: Sind die deutschen Fans tolerant genug, einem Sportler offen zu begegnen, der sich outet?

Ich würde das nicht mit einem klaren "Ja" beantworten können. Vor einiger Zeit habe ich das noch anders gesehen. Mir war die Brisanz des Themas Homophobie im Fußball nicht bewusst. Ich dachte immer: "Warum sind die so unentspannt, das ist doch keine große Sache?" Aber für einen Profisportler hängt nun mal die ganze Karriere an seinem Bild in der Öffentlichkeit.

Nach einem Outing würde sich die ganze Aufmerksamkeit auf diesen einen Sportler stürzen, der sich outet. Anstatt einen solchen medialen Druck aufzubauen, wäre es aber wichtiger - auch wenn es abgedroschen klingt -, dass sich das Klima in den Stadien noch verändert. Dass die Sexualität eines Spielers kein Thema, sondern höchstens noch eine Randnotiz ist. Momentan ist die Situation eine andere und ich kann Leute verstehen, die sagen, die Öffentlichkeit wäre noch nicht so weit.

Mit welchen Gedanken würden Sie sich gerne in fünf Jahren an die "Aktion Libero" erinnern?

Ehrlich gesagt, bin ich jetzt schon begeistert, wie sich diese Aktion entwickelt hat. Von der Grundidee eines einzelnen Bloggers ist das zu einer richtig großen Sache mit prominenten Unterstützern geworden. Im Grunde haben wir sechs Wochen lang organisiert - es fühlt sich aber an wie drei Monate, so intensiv war die Vorbereitung. Mein Wunsch wäre, dass wir in irgendeiner Form eine positive Wirkung haben. Es geht nicht darum, dass sich jetzt jemand outen soll. Aber es wäre schön, wenn sich das Klima verändert und das Thema Homophobie auch von Seiten der Vereine mehr Aufmerksamkeit bekäme. Warum gibt es von den Vereinen zum Beispiel keine so klare Haltung wie in der Ablehnung von Rassismus? Im Umgang mit Rassismus hat sich vieles verändert - und es würde uns freuen, wenn das auch im Bereich der Homophobie möglich wäre.