Presse

"Alles außer Fußball"
(Frankfurter Rundschau, Frankfurt, 25.10.2011)


von Michael Jahn

Vereinslos, verletzt und und angeblich schwul. Die Zukunft des ehemaligen Nationalspielers Arne Friedrich ist weiter ungewiss. Sein Berater spricht vom Findungsprozess.

Arne Friedrich hat beinahe sein Wettkampfgewicht. Um die 82 Kilogramm. Dabei liegt sein letztes Bundesligaspiel schon lange zurück. Am 14. Mai dirigierte er die Abwehr des VfL Wolfsburg beim 3:1-Sieg in Hoffenheim, die Mannschaft von Trainer Felix Magath rettete sich so im letzten Moment vor dem Abstieg. Der 32-Jährige wirkt rank und schlank. Sein Haar aber hat er inzwischen länger wachsen lassen, reichlich Gel hält es zusammen, im Nacken kräuseln sich die Locken.

So saß der 82-malige Fußball-Nationalspieler am späten Sonntagabend in einem Fernsehstudio des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb), in der Sendung „Sportplatz“. Es war der erste öffentliche Auftritt des Abwehrspielers, nachdem er am 19. September diesen Jahres überraschend seinen hoch dotierten Vertrag beim Bundesligisten VfL Wolfsburg aufgelöst hatte – „im beiderseitigen Einvernehmen“, wie es damals hieß. Dabei galt das Vertragswerk, das noch der Mitte März beim VfL wegen Erfolglosigkeit entlassene Manager Dieter Hoeneß mit Friedrich unmittelbar nach der WM 2010 geschlossen hatte, noch bis zum Juni 2013.

Arge Probleme mit der Bandscheibe samt einer stundenlangen Operation im August 2010 hatten Friedrich sportlich weit zurückgeworfen. Mühsam hatte er sich später wieder in die Mannschaft des VfL gekämpft, aber nach dem geglückten Klassenerhalt waren erneut Probleme am Rücken aufgetreten. Friedrich konnte dem VfL nicht helfen. Magath ließ Friedrich, der bei der WM 2010 in Südafrika zu den herausragenden Abwehrspielern gehört hatte, sogar nur bei den VfL-Amateuren mittrainieren, weil es körperlich angeblich für den harten Profibetrieb nicht reichte.

Friedrich zog sich vom Fußball zurück und erbat sich Bedenkzeit, wie es mit ihm weitergehen sollte. An diesem Status quo hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert. Wer in der TV-Sendung ein klares Wort zu seinem Gesundheitszustand erwartet hatte oder zu seinen sportlichen Ambitionen – weiterspielen ab Januar 2012 bei einem neuen Verein oder gar Karriereende – wurde enttäuscht. „Da gibt es noch keinen neuen Stand. Ich möchte ganz genau überlegen, in welche Richtung es gehen soll. Ich nehme mir alle Zeit, die ich brauche und werde dann entscheiden, wie es weiter geht“, sagte Friedrich. Finanziell ist er längst saniert, in seinen besten Zeiten bei Hertha BSC und in Wolfsburg soll er über drei Millionen Euro pro Jahr verdient haben. „Lange ausschlafen, ausgiebig frühstücken, ein paar Sachen für meinen Rücken tun, Freunde besuchen, Kaffee trinken“, umschrieb Friedrich seinen normalen Tagesablauf und wirkte sehr zufrieden.

Vor der Sendung hatte ein rbb-Reporter Herthas Manager Michael Preetz gefragt, ob es für ihn denkbar wäre, dass Friedrich, der acht Jahre bei Hertha BSC spielte und lange der Kapitän war, in irgendeiner Funktion zum Berliner Klub zurückkehren könnte? Preetz sagte kühl: „Arne hat uns nach dem Abstieg verlassen, andere Spieler sind geblieben.“

Friedrich ärgerte sich über diese Aussage. „Ich bin sehr, sehr lange in Berlin geblieben, habe in dieser Zeit mehrere Angebote ausgeschlagen.“ Deshalb könne er nicht nachvollziehen, dass es verwerflich sei, nach acht Jahren den Verein zu verlassen. „Für mich war insgesamt sehr wichtig, dass ich weiter in der Nationalmannschaft spielen kann.“

Noch immer gehört er offiziell dem Mannschaftsrat der Nationalelf an, in dem Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger den Ton angeben. Ein offenes Wort entlockte der rbb-Moderator Friedrich in Sachen Homosexualität und Fußball, weil Nationalspieler wie er oder Kapitän Lahm in Gerüchten mit Homosexualität in Verbindung gebracht werden. „Ich habe keinen Spieler erlebt, von dem ich überhaupt meinen könnte, dass der schwul ist, aber wenn es so sein sollte, wäre das auch okay“, sagte Friedrich zu diesem Tabuthema, „ich glaube schon, dass es nicht einfach ist, gerade im Fußballgeschäft, wenn man sich da outet, das würde schon auf einigen Gegenwind stoßen.“ Zu seiner Person merkte er an: „Ich bin seit zehn Jahren mit meiner Freundin zusammen und sehr glücklich.“

Offenbar ist sich Friedrich nicht schlüssig, ob er noch einmal Fußball spielen soll. Sein Berater Jörg Neubauer sagte: „Es ist alles offen, wir sind in einem internen Findungsprozess.“ Fest steht nur, dass sich Friedrich als Kolumnist bei Zeit-online verdingt, wo er im Wechsel mit dem ehemaligen Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, dem ehemaligen St. Pauli-Präsident Corny Littmann und dem ehemaligen HSV-Vorstand Katja Kraus zu Wort kommen wird. Die Kolumne trägt den schönen Namen: „Alles außer Fußball.“