Presse

"Schwulenfeindlich, na und?"
(n-tv, Berlin, 23.08.2011)


von Christian Bartlau

Es ist ein Armutszeugnis für den deutschen Fußballzirkus: Roman Weidenfeller garniert seine Schimpftirade auf Joachim Löw mit schwulenfeindlichen Äußerungen, und keiner will's gemerkt haben. Die Homophobie, sie bleibt wohl ein Dauergast in deutschen Stadien.

Dortmunds Roman Weidenfeller hat ein Problem. Er fühlt sich von Joachim Löw zum wiederholten Male übergangen. Statt des Torhüters vom Meister erkor der Bundestrainer den Youngster Ron-Robert Zieler von Hannover 96 für die nächsten Spiele zur Nummer drei des Nationalteams. Die Entscheidung für den Perspektivspieler ist sportlich so gut nachvollziehbar wie die Wut des 31-Jährigen, der seit Jahren eine verlässliche Stütze für das Meisterteam ist. Doch die Art und Weise, wie er seinem Ärger Luft machte, ist schlicht unerträglich. Noch schlimmer ist eigentlich nur die Reaktion der Medien und Fans, die den Vorfall einfach ignorieren.

"Vielleicht sollte ich mir einfach die Haare schneiden. Oder etwas zierlicher werden", zitiert der "Spiegel" den Torhüter, und entblödet sich nicht anzufügen, dass der Torhüter seine Aussage nicht weiter erläutern wollte. Dabei weiß der Autor genau, worauf der Dortmunder Kapitän mit dieser Aussage anspielt: auf die Gerüchte, der Bundestrainer sei schwul. Der "Kicker" bezog die "Boshaftigkeit" gar auf Ron-Robert Zielers Frisur. Dabei hatte Weidenfeller, wohl um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, gleich noch eine zweite Bemerkung parat: "Ich hatte dazu früher schon immer einen Spruch auf den Lippen, der sehr böse ist. Den verkneife ich mir jetzt lieber", versprach der Torhüter, lieferte aber passenden Ersatz: "Vielleicht gibt es ja bald in irgendwelchen Jugendcamps noch weitere junge Torhüter." Bis zur kruden Verbindung von Homosexualität und Pädophilie, mit der Christoph Daum noch in Diensten des 1. FC Köln glänzte, war es kein weiter Schritt mehr.

Angst, Unwissenheit und Dummheit

Allerspätestens seit den dummen Bemerkungen von Michael Ballacks Berater Michael Becker über die "Schwulencombo" in der Nationalmannschaft kennt die Fußballwelt die Spekulationen um homosexuelle Spieler und Trainer. Die Spieler kennen sie, die Journalisten, die Fans. Roman Weidenfeller wusste also genau, was er sagte. Dabei ist das Problem nicht einmal so sehr, dass er Löw offenbar für schwul hält. Sondern dass er unterstellt, ein homosexueller Trainer würde nicht nach Leistung aufstellen, sondern nach Aussehen. Das ist unreif und homophob. Es ist eines Kapitäns einer Meistermannschaft nicht würdig, und auch keines Torhüters der deutschen Nationalmannschaft.

Dass weder Weidenfeller noch sein Verein oder der DFB eine Entschuldigung für angebracht halten, ist ebenso verwunderlich wie der Umstand, dass niemand auf den schwulenfeindlichen Subtext der Aussagen verwiesen hat. Das zeigt, wie viel Angst im Fußballbetrieb noch immer herrscht, wenn es um dieses heikle Thema geht - und wie viel Unwissenheit und bodenlose Dummheit.

Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, gab dafür vor einigen Monaten ein beredtes Beispiel. Als im Tatort die Worte "schwul" und "Nationalmannschaft" in einem Satz auftauchten, beklagte er sich bitterlich: "Ich finde es schade und ärgerlich, dass die Prominenz der Nationalelf missbraucht wird, um irgendein Thema zu entwickeln oder einen Scherz zu machen." Nach wie vor ist es für Fußballer also offensichtlich schlimm, als homosexuell zu gelten. Die Vorurteile gegen schwule Spieler aber - sie seien zu weich für das Spiel, steckten im wahrsten Sinne des Wortes mit Trainern unter einer Decke - scheinen noch immer niemanden so richtig zu stören.

Wie weit die Toleranz gegenüber Äußerungen wie der von Roman Weidenfeller geht, zeigt übrigens ein weithin vergessener Vorfall um, welch ein Zufall, Roman Weidenfeller. Der BVB-Torwart soll 2007 Gerald Asamoah in einem Ruhrderby gegen Schalke 04 als "schwarze Sau" beschimpft haben. Der Aufschrei war berechtigterweise groß. Weidenfeller aber machte laut übereinstimmenden Berichten mehrerer deutscher Tageszeitungen vor dem DFB-Sportgericht geltend, er habe "schwule Sau" gesagt. Statt für sechs wurde er nur für drei Spiele gesperrt.