Presse

"Die Wahrheit kennt nur ein sehr kleiner Kreis"
(Spiegel Online, Hamburg, 31.07.2011)



Auch rund eineinhalb Jahre nach dem Suizid von Robert Enke sind psychische Erkrankungen im Spitzensport ein Tabuthema. Der Psychiater Frank Schneider sagte dem SPIEGEL, Profis würden im Schutz der Dunkelheit zu ihm kommen, kaum einer wisse von ihren Störungen. An ein Outing sei nicht zu denken.

Nachdem sich Robert Enke im November 2009 das Leben genommen hatte, mischte sich in die Trauer auch Entsetzen: Wie konnte es geschehen, dass eine derart öffentliche Person seine Depression jahrelang verheimlichen musste? Vertreter des Leistungssports versprachen, sich um ein neues Klima bemühen zu wollen, in dem psychische Erkrankungen nicht mehr als tabuisierte Schwäche gilt, in dem sich betroffene Sportler outen können und wollen.

Doch offenbar hat sich seither nicht viel verändert. Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Aachen, sagte dem SPIEGEL, etliche Spitzensportler, die an Depressionen oder einer Angstkrankheit leiden, seien nur unter falschem Namen zu einer stationären Behandlung bei ihm bereit.

"Sie treffen häufig erst in den Abendstunden in unserer Klinik ein, wenn es draußen dunkel ist. Oft sprechen die auch nicht von 'Behandlung', sie nennen es eher 'Coaching', das klingt schöner", sagte Schneider. Nach eigener Aussage therapiert der 53-jährige Klinikdirektor pro Jahr zwischen 20 und 30 Top-Athleten, darunter auch Fußballprofis.

"Sie sind depressiv oder zwangskrank, haben Tics, leiden unter Angstzuständen, haben Essstörungen. Oder sie sind abhängig von Alkohol, von Medikamenten." Die meisten wollten auch nach dem Klinikaufenthalt ihre Anonymität wahren: "Fast alle kommen im Gespräch mit mir zu der Entscheidung, sich während ihrer Karriere nicht zu outen."

Als Vorwand würden sich einige seiner prominenten Patienten vom Hausarzt eine Bescheinigung ausstellen lassen, "dass sie eine Knieverletzung oder etwas mit der Achillessehne haben", sagte Schneider: "Die Wahrheit kennt meist nur ein sehr kleiner Kreis, zwei oder drei Leute." Auch homosexuelle Athleten würden sich bei ihm in Behandlung begeben, sagte Psychiater Schneider: "Häufig sind es Fußballer. Aber die sind ja nicht wegen ihrer sexuellen Neigung psychisch krank. Der Umgang mit der Homosexualität, bei manchen der Zwang, sie verheimlichen zu müssen, kann aber unter Umständen einer der Auslöser sein."

Zahl der psychischen Erkrankungen steigt rapide

Zuletzt hatte Nationalspieler Philipp Lahm schwulen Profis vom Outing abgeraten. "Für denjenigen, der es tut, würde es sehr schwer werden", sagte der FC-Bayern-Profi der Illustrierten "Bunte". Es sei schade, "aber Schwulsein ist im Fußball - anders als in Politik und Showgeschäft - immer noch ein Tabuthema". Er widersprach damit DFB-Präsident Theo Zwanziger, der sich für ein Outing schwuler Fußballer ausgesprochen und ihnen die Hilfe des Verbands zugesagt hatte.

Vor wenigen Tagen hatte eine Studie der Krankenkasse Barmer GEK gezeigt, dass die Zahl der Menschen, die wegen psychischen Störungen ins Krankenhaus kommen, rapide steigt: Sie hat in den vergangenen 20 Jahren um 129 Prozent zugenommen. Laut dem Report waren 1990 rund 3,7 von 1000 Versicherten betroffen, 2010 waren es bereits 8,5.

Besonders stark gestiegen ist laut Report die Zahl der Klinikpatienten mit Depressionen und anderen stimmungsbeeinflussenden Störungen. Hier betrug der Zuwachs seit dem Jahr 2000 rund 117 Prozent. Für ihren Bericht hat die größte gesetzliche Versicherung die Daten von mehreren Millionen Patienten für 2010 ausgewertet.

Und nicht nur in Deutschland steigt die Zahl der Menschen, die aufgrund psychischer Störungen in Kliniken behandelt - auch die weltweite Bilanz sieht düster aus: 121 Millionen Menschen leiden unter Depressionen. Das berichtete vor kurzem ein großes internationales Forscherteam um Evelyn Bromet von der State University of New York in Stony Brook jetzt im Fachmagazin "BMC Medicine".

Der Studie zufolge litten 15 Prozent der befragten Menschen in Ländern mit hohem Einkommen im Laufe ihres Lebens an einem depressiven Zustand. In Ländern mit einem niedrigen oder mittleren Einkommen liegt diese Zahl mit elf Prozent niedriger. 5,5 Prozent der Befragten in den reichen Ländern gaben an, im Jahr vor ihrem Interview eine Depression gehabt zu haben.