Presse

"Ärger über 'schwulen Pass'"
(Das Parlament, Berlin, 18.04.2011)


von Götz Hausding

Abgeordnete und Experten plädieren für einen offenen Umgang mit dem Thema Homosexualität

Ich bin schwul - und das ist auch gut so." Mit diesen Worten machte vor nunmehr zehn Jahren Klaus Wowereit als erster deutscher Spitzenpolitiker seine Homosexualität öffentlich. Geschadet hat es ihm nicht. Kurz nach seinem Outing wurde der SPD-Politiker zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt und ist es noch heute. Was in der Politik und vielen anderen öffentlichen Bereichen möglich ist, scheint jedoch für den Spitzensport nach wie vor ausgeschlossen.

Noch immer, so die einhellige Meinung der zu einer Anhörung des Sportausschusses am vergangenen Mittwoch geladenen Experten, wird Homosexualität im Sport tabuisiert, ist die Homophobie stark ausgeprägt. Noch immer "müssen Schwule und Lesben ihre sexuelle Orientierung verstecken", wie die Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling sagte. Da Leistungssportler im Falle eines Bekenntnisses mit einer negativen Reaktion durch ihr Team, die Fans oder auch der Sponsoren rechnen müssten, stünden sie unter einem enormen Druck, sagte Eggeling, die seit vielen Jahren zu dem Thema forscht. Das "Verstecken" koste viel Energie, was wiederum dazu führen könne, dass die Sportler ihre Höchstleistungen nicht erreichen könnten. Es sei daher davon auszugehen, dass die Rate der Aussteiger aus dem Sport bei homosexuellen Aktiven überdurchschnittlich sei.

Einer dieser Aussteiger ist Marcus Urban. Als ehemaliger Jugendnationalspieler sei er "auf dem Sprung ins Fußball-Profigeschäft" gewesen, erzählte er vor dem Ausschuss. "Wenn man sich aber 24 Stunden am Tag verstecken muss, um nicht als schwuler Fußballer entdeckt zu werden, ist ein selbstbestimmtes Leben nicht mehr möglich", fügte er an. Nach dem Abbruch seiner Karriere hat Urban seine Erfahrungen in dem Buch "Versteckspieler" verarbeitet. Nach dem Erscheinen seines Buches im Jahr 2008 hätten sich viele Sportler bei ihm gemeldet, die ebenfalls "Versteck spielen müssen". Darunter seien nicht nur Fußballer gewesen. Daher sollte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) eine "Diversity-Stelle" schaffen, forderte Urban. "Ich hätte mir damals gewünscht, einen Ansprechpartner im organisierten Sport zu haben."

Kein Zwangs-Outing

Ein solches Ressort gebe es schon, entgegnete der Generalsekretär des DOSB, Michael Vesper. Er räumte jedoch ein, erst seit kurzem mit dem Thema Homophobie befasst zu sein: "Bisher ist das Thema eher vermieden worden." Dennoch sei klar, dass der DOSB gegen jede Form der Diskriminierung vorgehe, versprach Vesper. So habe man auch die von der Bundesregierung unterstützte Charta der Vielfalt unterzeichnet. "Unser Ziel muss es sein, dass niemand Nachteile durch seine sexuelle Orientierung erleidet", sagte Vesper. Zugleich dürfe aus seiner Sicht auch niemand gezwungen werden, seine sexuelle Orientierung öffentlich zu machen. Ein "Muss", bescheinigte Marcus Urban, solle ein Outing in der Tat nicht sein, aber: "Ich muss es dürfen."

Dass die "gewachsene gesellschaftliche Toleranz gegenüber Homosexualität" im Fußball noch nicht angekommen sei, bestätigte auch Michael Gabriel von der Koordinierungsstelle Fanprojekte. Zwar könnten bekennende Homosexuelle "Fernsehsendungen moderieren, Bücher schreiben und Städte regieren", aber nicht Profifußball spielen. "Schwul", so Gabriel, werde in der Fußballszene traditionell als "ganz normales Schimpfwort" verwendet. Gleichwohl gebe es einzelne Fanprojekte, die auf das Thema Homosexualität und Fußball aufmerksam gemacht hätten. Bis zu einer Selbstverständlichkeit im Umgang damit sei es noch ein langer Weg, sagte Gabriel. Den Eindruck, dass Homosexualität allgemein eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz erhalten habe, könne sie nicht teilen, hielt die frühere Bundesligaspielerin Tanja Walther-Ahrends dagegen, die unter anderem als Bildungsberaterin des Deutschen Fußball-Bundes fungiert. "Homosexuell zu sein, ist noch lange nicht normal", befand sie. Daran ändere auch ein "schwuler Bürgermeister" nichts, die Politik müsse dass Problem der Homophobie immer wieder thematisieren.

Dieser Forderung stimmte die Grünen-Abgeordnete Monika Lazar zu. Die Politik müsse klar Stellung gegen Homophobie beziehen, sagte sie. Als Beispiel für den problematischen Umgang mit Homosexuellen in Fußball führte Barbara Höll (Die Linke) ein 2008 geführtes Interview mit dem Fußballtrainer Christoph Daum an, in dem dieser Homosexualität und Pädophilie in einem Zusammenhang gebracht habe. Auch wenn sich Daum inzwischen mehrfach für seine Aussagen entschuldigt habe, seien diese doch "Ausdruck der allgemeinen Stimmung", urteilte Höll.

Wie kompliziert der Umgang mit dem Thema ist, machte auch der Wortbeitrag von Lutz Knopek (FDP) deutlich. Für ihn stelle sich die Frage, sagte Knopek, warum Homophobie gerade beim Fußball zu beobachten sei. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei einer Tanzsportformation Homosexualität eine Rolle spielt", sagte der Abgeordnete, der sich daraufhin von Tanja Walther-Ahrends sagen lassen musste, dass es gerade der Tanzsportverband und der Eiskunstlaufverband seien, die sich gegen gleichgeschlechtliche Formationen wehren. Es sei zudem ein Klischee, dass "Schwule gern tanzen und deshalb zum Eiskunstlaufen gehen und Lesben Fußball spielen".

Apell an Spieler und Trainer

Auch die Aussage des Unionsabgeordneten Frank Steffel, dass möglicherweise die Toleranz der Gesellschaft größer sei, als die betroffenen Sportler vermuten würden, bewertete Walther-Ahrends skeptisch. Die Normalität, über die so oft geredet werde und die ein Outing angeblich möglich mache, gebe es aus ihrer Sicht nicht. "Auch Wowereit hat sich nicht freiwillig geoutet", sagte sie. Vielmehr habe er davon ausgehen müssen, "dass er sonst von anderen geoutet wird".

Steffel richtete dennoch einen Appell in Richtung der Spitzenfußballer: "Ein Nationalspieler, der sich nach dem Ende seiner Karriere öffentlich bekennen würde, würde uns weit mehr helfen als jede Diskussion hier." Tanja Walther-Ahrends wäre schon mit kleineren Schritten zufrieden: "Wenn mal wieder auf einem Fußballplatz von einem ,schwulen Pass' die Rede ist, wäre es schön, wenn nicht gerade der Jugendtrainer in diesen Ruf einfällt."