Presse

"Schwule vor der Kamera: Die verlorene Generation"
(Medienmagazin DWDL.de, Köln, 17.04.2011)


von Thomas Lückerath

Kürzlich thematisierte der "Tatort" Homosexualität im Profifußball. Ein Tabu-Thema, heißt es. Doch auch im Fernsehen scheint es bis auf wenige Ausnahmen keine jungen homosexuellen Stars zu geben. Ein nachdenklicher Blick hinter die Kulissen.

Ja, die Homosexualität im Fußball. Als der "Tatort" sich vor wenigen Wochen des Themas annahm, wurde auch in der Berichterstattung dazu wieder einmal der Eindruck erweckt als sei dies das letzte Tabu-Thema, wenn es um prominente Schwule geht. In anderen Bereichen des öffentlichen Lebens - etwa in der Politik, der Popkultur, dem Fernsehen - gebe es ja längst keine Probleme mehr. Doch hier beginnt der Irrtum. So ist die Fernsehbranche zwar in sich sicher sehr tolerant - und lebt doch ein Doppelleben. Zwischem dem, was in der Branche ein offenes Geheimnis ist aber das Publikum nicht wissen soll. Es ist die Angst vor dem Publikum - wie im Fußball vor den Fans. Darf oder soll man darüber schreiben? Nach zehn Jahren der intensiven Berichterstattung über genau diese Fernsehbranche sind einige Gedanken zu dem Thema angefallen. Nur wo fängt man an?

Vielleicht bei einer Perspektive, die Schwule und Lesben am Besten nachvollziehen können: Die Faszination des Outings eines homosexuellen Prominenten ist mehr als das Verlangen der Presse nach Klatsch und Tratsch. Jedes gelebte Beispiel dafür, dass man sich nicht verstecken muss, ist auch heute noch auch ein Befreiungsschlag für schwule und lesbische Jugendliche, die noch genau das tun, weil sie nicht einmal Familie und Freunden, manchmal nicht einmal sich selbst eingestehen wollen, anders zu sein. Das mag für diejenigen, die in Großstädten wohnen und sich über ein tolerantes Umfeld freuen können, überholt klingen. Als wären es Probleme der 90er Jahre. Doch schon 20km außerhalb der aufgeschlossenen Umgebung mancher Großstadt sieht die Wirklichkeit immer noch anders aus. Jedes prominente Outing kann schwul-lesbischen Jugendlichen helfen.

Die Medien wiederum, besonders die Boulevardmedien, haben natürlich ihr ganz eigenes Interesse an Outings. Das ist weit weniger ehrenhaft. Sie haben Interesse an den Schlagzeilen, die sich generieren lassen, wobei genau das inzwischen auch nicht mehr so leicht fällt wie früher: Denn wie können diese drei Worte "Ich bin schwul" oder "Ich bin lesbisch" noch eine große Schlagzeile sein, wenn Homosexualität doch angeblich kein Aufreger mehr ist? Hier stolpert die Gier nach der Headline über die vermeintliche Toleranz. Doch das Problem haben die Boulevardmedien längst gelöst - mit einem Trick. Die Schlagzeilen der letzten Prominenten-Outings folgten stets dem Schema "XY zeigt uns endlich seine oder ihre ganz große Liebe".

Ist es nicht absurd? Wir wähnen uns in einer so toleranten Gesellschaft, für die ein Outing angeblich keine Schlagzeile mehr wäre. Zumindest die plumpe Variante würde wohl in der Tat jedem Redakteur, jedem Medium heute um die Ohren fliegen. Und doch weiß auch jeder: Damit lassen sich sehr wohl noch Zeitungen verkaufen und Klicks generieren. Natürlich würde darüber schrieben und gesprochen. Wir müssen uns wohl selbst den Spiegel vorhalten und uns fragen: Wie tolerant ist unsere Gesellschaft wirklich? Gibt es hier den oft bemühten Unterschied zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung - konkreter ausgedrückt: Den Unterschied zwischen veröffentlichter Toleranz und der Realität.

Dieser Unterschied macht Angst. Zum Beispiel schwulen Profi-Fußballern. Und das obwohl doch DFB-Präsident Theo Zwanziger längst bei jeder Gelegenheit seine Unterstützung für denjenigen beteuert, der sich wagen würde. Längst äußern auch heterosexuelle Profi-Fußballer ihre Unterstützung für die, die der Geheimnistuerei und dem Doppelleben ein Ende setzen wollen - was schon bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass es Zeiten gab, in denen quasi ausgeschlossen wurde, dass in diesem Männer-Sport überhaupt ein Schwuler zu finden wäre. An jener veröffentlichter Toleranz mangelt es also nicht. Und kaum ein Medium, auch kein Boulevardmedium, würde wohl das mediale Feuer eröffnen. Aber zwischen dem und der Realität scheint eben ein Unterschied zu liegen.

Bislang hat sich in Deutschland kein Profi-Fußballer geoutet. Das Problem mag nicht mehr die Reaktion der eigenen Mannschaft sein, nicht die der Vereinsleitung oder die des DFB. Aber die große unbekannte Masse - die Fans - scheinen unberechenbar. In der "Tatort"-Folge zum Thema gab es am Ende ein HappyEnd mit Standing Ovations für den geouteten Spieler. Ohje. Das war dann schon wieder verkehrter Irrsinn, denn niemand soll benachteiligt, aber auch nicht gefeiert werden für das was er ist. Doch dieser umgekehrte Druck, plötzlich als Ikone oder Held im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, ist inzwischen ein weiterer Grund sich nicht zu outen. Auch bei der TV-Prominenz, wie man über die Jahre mitbekommt.

Der Erwartungsdruck der Öffentlichkeit, der Medien, wäre wohl in der Tat hoch. Und doch würde jeder, der damit den Schritt aus dem Doppelleben wagt, nicht nur sich selbst eine Last von den Schultern nehmen. Bleiben wir noch kurz beim Fußball: So mancher schwule Teenager in Deutschland wünscht sich nichts sehnlicher als einen Helden, der übrigens Held ist, weil er gut in dem ist, was er tut - nicht weil er schwul ist - der sich outet. Ein Vorbild, das Freunde und die eigene Familie, vielleicht der Fußball-begeisterte Vater schätzt. Einer, der beweist, dass man sein kann wie man ist und im Leben machen kann, was man will. Aber gut, es gibt natürlich keine Verpflichtung, Vorbild zu sein. Offenbar aber umgekehrt auch leider nur selten die moralische Verpflichtung, die, von denen man lebt, nicht zu täuschen.

Die Fernsehbranche hat in einem Punkt etwas mit dem Profi-Fußball gemein: Egal ob auf dem Platz oder vor der Fernsehkamera - junge Schwule scheint es in beiden Welten nicht zu geben. Im Fußball ist es die Angst vor den Fans, im Fernsehen die vor den Zuschauern. Was heutzutage wie von gestern klingt, ist Realität. Es gibt die üblichen schrägen Vögel und Verdächtigen des Showgeschäfts - Bach, Kerkeling, Hermanns und andere - die allerdings schon zu den eher älteren Semestern gehören. Aber geht schwul nur schrill und bunt im deutschen Fernsehen? Und wo bleibt die nächste Generation? Wo ist sie, die schwul-lesbische U40-Mannschaft? Es wirkt so als sei sie verloren gegangen. Klar ist: So wie es sie im Fußball gibt, gibt es sie auch im Fernsehen. Das ist keine Spekulation sondern Gewissheit.

Die meisten schwulen Schauspieler oder Moderatoren bleiben offiziell lieber unverbindlich. Schön zu sehen bei Interviews mit der Klatschpresse, wo man bei den Themen Beziehungen, Liebe und der Suche nach dem richtigen Partner auf geschickte Formulierungen zurückgreift, die sowohl Lüge wie Outing vermeiden sollen. Wer dort zwischen den Zeilen liest, erfährt oft mehr. Früher als selbst die Presse um keinen Preis von der eigenen Homosexualität erfahren durfte, war der Umgang mit Journalisten ein Spießrutenlauf. Heute ist das einfacher: Weder in der Branche noch der Presse ist es ein Geheimnis, wer schwul oder lesbisch ist. Nur gegenüber den Fans, den Lesern bzw. Zuschauern schweigt man. Mehr oder weniger geschickt wird das Thema in der Presse umschifft. Weil es ja Privatsache sei und dem Wort Outing fast schon eine gewisse Verwerflichkeit anhaftet.

Doch wieviel Privatsphäre kann man für sich reklamieren, wenn man sich selbst öffentlich über das Privatleben anderer auslässt? Und wie sieht es mit der Moral aus, die, von denen man lebt, nicht zu belügen? Und dann heißt es ja, niemand soll wegen seiner sexuellen Orientierung benachteiligt werden. Verkehrt man dies aber nicht ins Absurde, wenn sich schwule und lesbische Prominente mit dem Argument der Privatsphäre besser schützen können als ihre heterosexuelle Kollegen? Weil alleine der Verdacht ihrer sexuellen Orientierung von manchem Promi-Anwalt als Eingriff betrachtet wird? Sonderbehandlung mit Samthandschuhen. Das Versteckspiel mancher Prominenter ist auch deshalb nicht nachvollziehbar, weil sie damit aus der Tatsache anders zu sein, eine größere Sache machen als es doch eigentlich sein soll. So schafft man selbst erst die nötige Fallhöhe für die Boulevardpresse.

Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel. Beispielsweise ZDF-Moderatorin Dunja Hayali, die einfach nie angefangen hat, drum herum zu reden. Oder Marco Schreyl, Moderator von "Deutschland sucht den Superstar" und "Das Supertalent", der nie die große Schlagzeile für seine Homosexualität gesucht - umgekehrt aber auch kein Geheimnis draus gemacht hat. Nicht nur privat in seiner Wahlheimat Köln - so offen gehen viele Kollegen inzwischen damit um - sondern auch vor der Kamera: Wer sich die letzten Staffeln der beiden von ihm moderierten RTL-Castingshows anschaut, wird immer wieder gezielte Anspielungen Schreyls entdecken - die von ihm spürbar mit fast diebischer Freude untergebracht wurden. Öffentlich gelebte Selbstverständlichkeit lässt sich dann nicht mehr enthüllen. Dass es also kein Titelseiten-Outing gab, macht ihn nicht zur Klemmschwester - wie nicht geoutete Schwule in der Szene genannt werden. Im Gegenteil.

Viele andere schwule TV-Kollegen, besonders die Schauspiel-Kollegen, verstecken sich eher. Sie treibt noch mehr als ihre moderierenden Kollegen die Sorge vor dem Urteil des Publikums ins moderne Doppelleben. Jenes Doppelleben, das zwar anders als früher nicht mehr die totale Geheimniskrämerei auch vor Kollegen und Presse bedeutet - aber dafür eine noch absurdere Situation irgendwo zwischen Selbstverständlichkeit im persönlichen Alltag und gezielter Taktik beim Umgang mit der Öffentlichkeit führt. Es ist die Angst um einen Job, der stark auf der Gunst des Publikum beruht. Schwule Charaktere in Soaps, Serien und Filmen zu spielen ist kein Problem. Aber selber schwul zu sein?

Man hört immer wieder diese leise Sorge, dass man eventuell nicht mehr besetzt wird für bestimmte Rollen. Für den heterosexuellen Liebhaber in der romantischen Komödie beispielsweise. Ob es aber ganz konkret die Angst vor dem Zuschauer oder dem Produzenten ist, lässt sich schwer sagen. "Die Glaubwürdigkeit…", heißt es hinter vorgehaltener Hand. Aber da schämt man sich ja fast. Ist es immer noch leichter politischen Extremisten zu spielen - und dafür ausgezeichnet zu werden - als in seiner Rolle eine andere Sexualität zu spielen? Wie können heterosexuelle Schauspieler für ihre schwulen Rollen gefeiert werden aber es umgekehrt offenbar nicht vorstellbar sein? Ist die Vorstellungskraft des Publikums oder der Produzenten so begrenzt?

International zeigt beispielsweise die Schauspiel-Karriere des Rupert Everett, dass es so zu sein scheint. Er rät seinen schwulen Kollegen, sich besser nicht zu outen. Bedauerlich, dass diese Rahmenbedingungen auch bei uns dafür sorgen, dass es in der deutschen TV-Branche eine ganze Riege an Schauspielkollegen gibt, die so zehntausenden schwulen und lesbischen Jugendlichen in Deutschland keine Hoffnung geben wollen. Die ihnen Vorbilder, Orientierung und Bestätigung verweigern. Und das nicht, weil sie sich selbst ihrer Sexualität nicht sicher sein würden. Sondern weil man sich um berufliche Chancen sorgt. Nicht viel anders also als bei den Schwulen im Profi-Fußball.

In den USA wurde nach der Selbstmordserie schwul-lesbischer Jugendlicher im vergangenen Jahr eine bemerkenswerte Aktion ins Leben gerufen, die sich längst verselbstständigt hat. Das "It gets better"-Projekt sammelt Video-Botschaften von prominenten und nicht-prominenten homo- wie heterosexuellen Menschen, die jenen schwul-lesbischen Teenagern, denen Vorbilder, Orientierung und Bestätigung fehlen, sagen wollen: "Es wird besser - und Du solltest am Leben sein, um es zu erleben." Kern dieser Kampagne ist die Botschaft: Du bist nicht allein, es gibt auch andere wie Dich. Nur wenige deutsche TV-Gesichter der jüngeren Generation geben da ähnliche Hoffnung für schwul-lesbische Jugendliche. Die meisten verstecken sich aus Angst um ihren Job. Solange diese Angst nicht wegzudiskutieren ist, ist auch die Fernsehbranche bei der Homosexualität noch nicht in der Selbstverständlichkeit angekommen.