Presse

"Wie der DFB gegen Schwulenhass angeht"
(Zeit Online, Hamburg, 14.04.2011)


von Oliver Fritsch

Der DFB will Fußballern das Bekenntnis zum Schwulsein ermöglichen. Dass er dieses Ziel bislang verfehlt, könnte auch an seiner widersprüchlichen Politik liegen.

Zweifellos gibt es schwule Bundesligaspieler, zweifellos das Tabu Homosexualität, selbst im Frauenfußball, obwohl es kein Geheimnis (und kein Skandal) ist, dass viele deutsche Fußballerinnen lesbisch sind. Und zweifellos ist "schwul" ein Schimpfwort im Fußball. Der Schiri wird als "Schwuchtel" betitelt, die Schalker Fans besingen Köln als "Hauptstadt der Schwulen". In Rostock grölt das ganze Stadion: "Wir haben einen Hassgegner, das sind die schwulen Hamburger!" Man kann darüber streiten, ob das Gepöbel immer Ausdruck von Schwulenfeindlichkeit ist. Einschüchternde Wirkung hat es.

Das Aufweichen von Homophobie, der unbegründeten Angst vor Homosexuellen, ist ein Kern der Politik des DFB. Unter Präsident Theo Zwanziger arbeitet der Verband seit fünf Jahren mit der EGLSF (European Gay and Lesbian Sport Federation), den Queer Football Fanclubs, dem LSVD (Lesben- und Schwulenverband in Deutschland) und weiteren Gruppen zusammen, fördert sie bei Publikationen und Veranstaltungen.

Drei Beispiele: Zur Frauen-WM 2011 plant die DFB-Kulturstiftung, an allen neun Spielorten das Theaterstück "Seitenwechsel" aufführen zu lassen, das die Geschichte eines schwulen Fußballtrainers behandelt. Vor dem Länderspiel gegen Finnland in Hamburg im Jahr 2009 organisierte der DFB einen Runden Tisch gegen Homophobie mit anschließendem Pressegespräch. Derzeit konzipiert der Verband unter Federführung der Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling eine Broschüre mit Informationen für alle Vereine.

Zudem tritt der DFB öffentlich für seine Sache ein. Theo Zwanziger hat im Völklinger Kreis, dem Bundesverband schwuler Führungskräfte, eine Rede gehalten – erstaunlich für ein CDU-Mitglied. Auf dem Christopher-Street-Day sponsert der DFB seit drei Jahren einen Wagen.

In der DFB-Kommission Nachhaltigkeit, wo das Thema Homophobie verortet ist, verantwortet die Sonderpädagogin und EGLSF-Delegierte Tanja Walther-Ahrens den Bereich Bildung. Die Homosexuelle ist Vertraute Zwanzigers, sie schätzt sein Engagement: "Theo Zwanziger hat uns sehr viel unterstützt, zum einen durch Geld, zum anderen durch seine Aussagen und seine Präsenz. Die lesbisch-schwule Community Deutschlands ist ihm zu Dank verpflichtet."

Das Engagement des DFB fällt auf, weil sich Zwanzigers Vorgänger nicht um das Thema kümmerten. Zudem ist zweifelhaft, wie sehr das DFB-Präsidium hinter Zwanzigers Anliegen steht oder ob er ein Eizelkämpfer ist. Auch an der Basis findet er noch nicht überall Unterstützung, Ausnahmen sind die Landesverbände Berlin und Mittelrhein. Beide gelten als offen für Zwanzigers Ansinnen, weil in Berlin und Köln überdurchschnittlich viele Schwule leben.

Man weiß nicht, ob die verbreitete Annahme stimmt, dass einem Fußballer, der sich outet, ein Spießrutenlauf bevorsteht; erste Erfahrungen mit Amateuren bestätigen dies nicht. Tatsache aber ist, auch in der fast fünfjährigen alleinigen Amtszeit Zwanzigers hat sich noch kein deutscher Profi zu seiner Homosexualität bekannt. Das könnte ein wenig daran liegen, dass er zu den Spielern, wie es aus Mannschaftskreisen heißt, keinen Draht habe. Das könnte noch mehr daran liegen, dass er seinen Grundsätzen nicht immer treu bleibt.

Als vor gut einem Jahr bekannt wurde, dass der junge Schiedsrichter Michael Kempter mit seinem Ausbilder Manfred Amerell eine sexuelle Beziehung hatte, schlug sich Zwanziger eilig auf Kempters Seite. Seine am Ende unzutreffende Vorverurteilung Amerells als Missbrauchstäter hatte einen wenn auch unbeabsichtigten homophoben Unterton. "Diese Affäre hat das Schmuddel-Image der Homosexualität verstärkt", sagt Frau Walther-Ahrens.

Als Christoph Daum im Jahr 2008, damals Trainer in Köln, Homosexualität mit Pädophilie diffus in Verbindung brachte, hätte man sich von Zwanziger deutliche Worte gewünscht. Doch gab er sich nach einem Telefonat mit Daum mit dessen Beteuerung, niemanden diskriminieren zu wollen, zufrieden. "Möglicherweise" seien Daums Äußerungen "nicht ganz geschickt gewesen", sagte Zwanziger.

Als Dortmunds Keeper Roman Weidenfeller im Jahr 2007 verdächtigt wurde, Gerald Asamoah während des Spiels "schwarze Sau" beschimpft zu haben, fuhr er mit der kolportierten Version besser, er habe ihn "schwule Sau" genannt. Der DFB reagierte mit einer schwammigen Pressemitteilung. Und für die homophoben Gesänge gegen St. Pauli musste Hansa Rostock keinen Euro Strafe zahlen. Aus dem Kampf gegen Homophobie wird im Härtefall beschwichtigende Diplomatie.

Für Irritation sorgten jüngst die Reaktionen der DFB-Führung auf den Tatort mit Maria Furtwängler, in dem es um die Not eines schwulen Fußballers geht. Theo Zwanziger, der Ideengeber dieser Sendung, sagte nach der Ausstrahlung: "Man sollte bei schwierigen Themen sensibel bleiben und nicht durch unwahre oder unnötige Randbemerkungen von der eigentlichen Aufgabe ablenken." Der Manager Oliver Bierhoff fühlte sich von den Filmemachern angegriffen, weil sie in ihrem fiktiven Stoff die Nationalmannschaft, seine "Familie", mit dem Gerücht der Homosexualität in Verbindung brachten, was einer genaueren Filmanalyse nicht mal stand hält.

Im Vergleich mit anderen Sportorganisationen, ausländischen Fußballverbänden oder dem Sportausschuss des Bundestags agiere der DFB vorbildlich, sagt Frau Walther-Ahrens. Doch die Aussagen zum Tatort haben sie enttäuscht: "Erst verteilt der DFB Flyer gegen Homophobie", sagt sie, "dann macht er dies durch solche Aussagen hinfällig". Statt der Kritik hätte sie gerne gehört: Gut, dass das zum Thema wird.