Presse

"Angst vor dem Verdacht, schwul zu sein"
(Lausitzer Rundschau, Cottbus, 14.04.2011)


von Hagen Strauß

Darüber diskutiert wird schon seit einigen Jahren, insbesondere aber, seitdem DFB-Präsident Theo Zwanziger vor geraumer Zeit mehr Toleranz für schwule Fußballer eingefordert hat. Die RUNDSCHAU erklärt, was am Mittwoch im Bundestag diskutiert worden ist.

Es hat sich etwas getan in den Fußball-Ligen: Inzwischen gibt es 19 schwul-lesbische Fanklubs, die in der gesamten Fanszene anerkannt und verankert sind. Nur hat sich eben noch kein Profi geoutet, auch nicht nach seinem Karriere-Ende. Im Sportausschuss des Bundestages haben Politiker mit Experten darüber debattiert.

Marcus Urban, selbst schwul und Anfang der 90er-Jahre als Jugendnationalspieler auf dem Sprung in den Profibereich, weiß, warum Fußballer sich nicht bekennen: aus Angst. Kicker müssten oft noch dem Bild des starken Kriegers entsprechen – „männlich, verwegen und angriffslustig“. Und anscheinend ist es noch immer so, dass für einen großen Teil der Öffentlichkeit Homosexualität und Leistungssport nicht zusammenpassen.

Urban, der als ein Experte bei der Anhörung auftrat, brach seine Karriere ab, weil er sich nicht mehr verstecken wollte. Er schrieb ein Buch über sein Schicksal, und prompt meldeten sich beim ihm zig Profisportler mit einer ähnlichen Geschichte. Alle Sachverständigen waren sich weitgehend mit den Mitgliedern des Ausschusses einig: Homosexualität im Sport ist nach wie vor ein Tabu genau wie Depressionen oder Burnout. Ziel müsse es sein, „dass niemand Nachteile befürchten muss, wenn er sich bekennt“, so der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Michael Vesper.

Bei den Frauen scheint dies etwas einfacher möglich zu sein: So gibt es Fußball-Nationalspielerinnen, die offen mit ihrer Homosexualität umgehen. Im Männerbereich macht dies keiner. Der Umgang mit dem Thema in einem kürzlich ausgestrahlten ARD-Krimi „Tatort“ hatte sogar bei der deutschen Herren-Nationalmannschaft für Unmut gesorgt. „Für die Männerwelt Fußball scheint es dringend wichtig zu sein, dass sie frei bleibt vom Verdacht der Homosexualität“, so Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte. Er berichtete, dass im Stadion Beschimpfungen wie „Schwuchtel“ an der Tagesordnung seien. Demgegenüber gebe es bei größeren Fangruppen kaum noch rechte und rassistische Äußerungen wie in den 80er-Jahren. Die gewachsene, gesellschaftliche Toleranz gegenüber Homosexuellen „ist im Fußball noch nicht angekommen“. Tatjana Eggeling, Expertin in Sachen Homophobie im Sport, befand, dass dadurch viele Talente verloren gingen.

Das Schwulsein müsse raus aus der Schmuddelecke und objektiv und positiv dargestellt werden, forderte Tanja Walther-Ahrens, Bildungsbeauftragte des DFB. Die Suche nach dem ersten schwulen Fußballer gleiche freilich „einer Jagd“, kritisierte sie.

Die Experten schlugen den Abgeordneten öffentliche Kampagnen vor, Trainer und Übungsleiter müssten sensibilisiert werden und die Politik solle sich klarer gegen Homophobie äußern. Auch seitens der Vereine seien umfassenden Konzepte notwendig.

Der CDU-Abgeordnete Frank Steffel hatte auch einen Vorschlag: „Stellt euch hin und sagt, ich bin schwul und war trotzdem ein toller Fußballer“, riet er ehemaligen Kickern.