Presse

"Kein einziger Fußball-Profi hat sich geoutet"
(Deutschlandradio, Köln, 13.04.2011)


von Jan-Christoph Kitzler

Dass ein Sportler - oder gar ein Fußballer - offen homosexuell leben kann, ist noch lange nicht normal, sagt der Amateur-Fußballspieler und Autor Marcus Urban. Er hofft, dass das Thema von Politikern und Funktionären nun endlich ernst genommen wird.

Das ist noch immer ein ziemliches Tabuthema, Homosexualität im Sport, besonders im Männerfußball. Das sieht man auch daran, dass in Deutschland immer noch kein einziger Fußballprofi sich als schwul geoutet hat. Warum wohl? - Vereine und Spieler befürchten wohl heftige Reaktionen der Fans, homophobe Ressentiments, Beleidigungen, Hohn und Spott. Der Deutsche Fußballbund kümmert sich inzwischen um das Thema und heute befasst sich damit auch der Sportausschuss im Deutschen Bundestag. Dabei ist dann auch bei der öffentlichen Anhörung ein Fußballer, der inzwischen sich geoutet hat, allerdings erst nach Karriereende. Es gibt ein Buch über ihn, das heißt "Versteckspieler". Guten Morgen, Marcus Urban.

Schönen guten Morgen!

Wie groß ist denn eigentlich das Problem mit der Homophobie im Sport?

Das ist nach wie vor noch zu groß. Also es ist nicht normalisiert. Normal wäre, wenn ein Fußballspieler einfach so sagt, ich komme heute Abend mit meinem Freund zur Weihnachtsfeier der Fußballmannschaft. Aber an dem Punkt sind wir noch nicht.

Ist das denn vor allem ein Fußballproblem?

Nein, das ist nicht nur ein Fußballproblem. Im Fußball wird es nur deutlich. Da trifft eben ein populärer Sport, wie das der Fußball ist, auf eine andere Form von Sexualität, und das ist dann eben was Besonderes. Wir haben das Problem aber genauso in anderen Bereichen. Speziell jetzt zu dem Thema Homophobie haben sie das auch immer noch im Militär, oder in der Kirche, oder in anderen Bereichen der Gesellschaft, wo das noch ein Problem ist.

Also ein Problem, was verbreitet ist, was sich aber besonders gut vielleicht im Fußball zeigt. - Bleiben wir mal beim Fußball. Homosexuelle Fußballer müssen sich in Deutschland verstecken. Das zeigt ja auch Ihre Geschichte. Immerhin waren Sie Jugendnationalspieler in der DDR. Wie sieht denn das heute aus, so ein Versteckspiel?

Na ja, ich bin jetzt auch nicht so ganz extrem da eingebunden, aber man weiß es ja mittlerweile auch über Fernsehberichte und Berichterstattung von Reportern, dass da Doppelleben geführt werden, dass in der einen Stadt die Frau, die Familie wohnt, nichts davon weiß, dass in der nächsten Stadt der Freund lebt.

Bei Ihnen persönlich war das ja so, dass dieses Versteckspiel einen großen Teil Ihrer Kraft aufgefressen hat, oder?

Na, 50 Prozent hatte ich vielleicht zur Verfügung. Wenn ich 24 Stunden damit beschäftigt bin, mich ständig zu überprüfen, was ich wem sage, oder mich zu verstellen und zu verbiegen, dann habe ich nicht so viel Möglichkeiten oder Kraft zur Verfügung.

Konny Littmann, der langjährige bekennende schwule Präsident des FC St. Pauli, hat gesagt, er würde zurzeit keinem aktiven Profi raten, sich zu outen. Wie sehen Sie das?

Ich gehe nicht so weit, jemandem Ratschläge zu erteilen. Was ich sage ist, in sich selber hineinhören und abwägen. Es ist mir wichtig, mich noch zu verstecken - das ist ja auch verständlich. Ich meine, die sind Anfang 20, oder Mitte 20, die Spieler, die haben gekämpft, um diese Position zu erreichen, und wollen sie nicht aufgeben, Profispieler jetzt zum Beispiel, und entscheiden sich dann eben dafür, in dieser Fußballwelt sich zu verstecken. Problem ist, dass man es später nicht einfach neu dazulernt, sich plötzlich offen und locker zu zeigen, sondern das mustert sich ein.

Wäre das aus Ihrer Sicht aber auch nicht wünschenswert, sogar ein aktiver Profi, ein großes bekanntes Gesicht des Fußballs outet sich? Wäre das nicht auch ein Gewinn für den Kampf gegen die Homophobie im Fußball?

Ich fände das toll, das wäre großartig. Es müssen aber gar nicht jetzt nur homosexuelle Fußballer oder prominente Sportler sein, aus anderen Sportarten von mir aus auch, oder auch Funktionäre, die sagen, wir wollen keine Homofeindlichkeit in unseren Stadien und Sportstätten haben, wir sind für innere Freiheit. Das hat ja was auch damit zu tun. Es gibt Tausende von Menschen, die gar nicht homosexuell sind. Dann wäre das ja das Zeichen, ich darf mich so zeigen wie ich bin, egal wie ich bin, ob homosexuell oder Frau - Mann, jung - alt, ich darf mich da, wo ich bin, so zeigen, wie ich bin. Das wäre das Zeichen, und zwar für ganz viele Menschen, die gar nicht homosexuell sind.

Heute sprechen Sie ja im Bundestagssportausschuss. Was erwarten Sie denn von der Politik?

Ich erwarte, dass das Thema endlich ernst genommen wird, dass Maßnahmen ergriffen werden, dass langfristig und nachhaltig an Diversity - ich nenne den Begriff jetzt mal - gearbeitet wird. Diversity im Sport gibt es nämlich noch gar nicht. Diversity bedeutet Diversität oder Vielfalt, um unsere Unterschiede und Ähnlichkeiten zu gestalten. Das ist in der Wirtschaft teilweise schon der Fall, im Sport gibt es das noch gar nicht. Und das ist eine Möglichkeit, positiv mit unseren Unterschieden umzugehen, und das würde ich mir wünschen, dass dafür Maßnahmen ergriffen werden, nachhaltig und langfristig, auch Finanzierungen geebnet werden.

Das Thema wird ja so ganz langsam erst enttabuisiert. Das ist zumindest die Hoffnung einiger Kampagnen, die es ja schon gibt. Zeigt das denn schon erste Wirkungen, bei den Fans, in den Stadien, bei den Aktiven?

Wenn ich mich mit meinen Fußballkollegen in meiner Mannschaft zum Beispiel unterhalte, die wundern sich nur, dass das noch ein Problem im Sport sein soll. Sagen wir mal 50 Prozent der Leute sind der Meinung, das muss doch jetzt endlich mal enttabuisiert werden, es kann doch nicht sein, wir wollen auch nicht so rückständig als Menschen der Sportwelt dastehen, wir sind Teil der Gesellschaft und mittlerweile genauso weit.

Ein anderer Teil der Menschen steht dem aber schon skeptisch gegenüber. Und ein kleiner Teil hat sicher auch noch größere Probleme mit Homosexualität im Sport, das hört man ja auch in einigen Interviews. Da muss man auch mal sagen, man darf Probleme damit haben, mit sagen wir mal Unterschiedlichkeit von anderen Menschen. Die Frage ist nur der Umgang damit, sehe ich das ständig als Störung, dass jemand anders ist, oder sehe ich da sogar eine Chance, mit dieser Andersartigkeit was anzufangen und Potenziale für mich abzurufen. Das wäre die Aufgabe von Vielfaltsmanagement, also Diversity-Management.

Marcus Urban war das, einer der Mitbegründer des Sozialnetzwerks "Fußball gegen Homophobie". Heute befasst sich der Sportausschuss im Deutschen Bundestag mit dem Thema Homosexualität im Sport. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Sehr gerne!