Presse

"Aufgehobenes Offside"
(Ballesterer, Wien, 12.04.2011)


von Reinhard Krennhuber, Johannes Hofer

Das Coming-out des schwedischen Fußballers Anton Hysen hat nicht nur viel Mut, sondern auch eine gute Vorbereitung erfordert. Offside-Redakteur Anders Bengtsson hat mit Hysen lange Gespräche geführt und ihn auf die Reaktionen vorbereitet. Von deren Ausmaß war er zwar überrascht, Bengtsson hofft aber, mit seiner Geschichte auch anderen homosexuellen Fußballern ein Ventil geöffnet zu haben.

Ihre Titelgeschichte in der März-Ausgabe von Offside erstreckt sich über 14 Seiten? Wie lange haben Sie daran gearbeitet und wie sind Sie mit Anton Hysen in Kontakt gekommen?

Vor drei Jahren habe ich ein Feature über Antons Vater Glenn geschrieben. Damals habe ich erfahren, dass Anton homosexuell ist. Ab diesem Zeitpunkt wollte ich diese Geschichte machen, aber er war damals erst 17 Jahre alt und ich wusste, dass es noch zu früh war. Damals hatte er gerade erst seine Eltern informiert. Danach habe ich Glenn einige Male getroffen und auch Anton hin und wieder gesehen. Letzten Herbst habe ich ihm einen Brief geschrieben und ihn gefragt, ob er bereit für sein Coming-ou« sei. Er hat dann geantwortet: »Ich glaube, dass es an der Zeit ist und ich will, dass es alle wissen, damit ich mich auf Fußball konzentrieren kann«. Ich glaube auch, dass ihm die Plattform, die wir ihm mit unserem Magazin zur Verfügung gestellt haben, geholfen hat. So konnte er in die Tiefe gehen und über seine Situation und seine Gedanken sprechen. Im November haben wir uns auf einen Kaffee getroffen. Ich habe versucht, ihn so gut wie möglich vorzubereiten und wollte sichergehen, dass er sich über die möglichen Folgen im Klaren ist. Mit Justin Fashanu hat es bis zu Anton ja nur einen einzigen Fußballprofi gegeben, der sich geoutet hat. Ich habe ihm erklärt, dass sein Leben danach wohl nicht mehr so sein wird wie davor. Insgesamt haben wir uns fünf Mal getroffen und viele Stunden miteinander gesprochen. Glenn habe ich in dieser Zeit auch hin und wieder gesehen.

Dem Coming-out in Offside ist ein riesiges Medienecho gefolgt. Haben Sie so eine Reaktion erwartet?

Ich habe mir zwar schon eine große Resonanz erwartet, aber nicht dass sie so groß ausfällt. Am Erscheinungstag unseres Magazins hat mein Telefon durchgehend geläutet. Andere Magazine, Radiostationen und TV-Sender – alle wollten mit Anton sprechen. Er hat sein Handy nach ein paar Stunden abdrehen müssen und seinen Facebook-Account auf inaktiv geschaltet, weil er tausende Freundschaftsanfragen bekommen hat. Vor einigen Tagen hat er mir erzählt, dass er mit Medien in über 20 Ländern Interviews gemacht hat. Außerdem ist er zu einem österreichischen Schwulenfestival eingeladen worden. Dokumentarfilmer wollen ihn treffen. Anton war am Anfang ziemlich geschockt über diese plötzliche Aufmerksamkeit, aber zugleich auch froh über die vielen positiven Rückmeldungen. Sogar das britische Parlament hat mit Verweis auf ihn über Homosexualität diskutiert.

Anton spielt nach mehreren Verletzungen aktuell bei einem Klub in der vierten schwedischen Liga. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass er wieder weiter oben einen Vertrag bekommt?

Ich denke, es liegt an ihm, sein Potenzial auszuschöpfen. Er gilt seit ein paar Jahren als großes Talent und hat sämtliche Nachwuchsnationalteams durchlaufen. Leider war er in letzter Zeit häufig verletzt. Wenn er sich nur auf Fußball konzentrieren kann und seine Sexualität nicht zu einem wichtigeren Thema wird, kann er meiner Meinung nach in absehbarer Zeit in der ersten schwedischen Liga spielen. Anton ist zwar vom Erfolg getrieben, aber dennoch ein Realist. Er weiß, dass ihm seine Rolle als erster homosexueller schwedischer Fußballer in Zukunft Probleme bereiten könnte, aber dieses Risiko wollte er eingehen. Für ihn war es wichtig, dass es jetzt alle wissen und es kein großes Thema sein muss.

Werden andere seinem Beispiel folgen? Glauben Sie, dass es für einen schwedischen Fußballer leichter ist, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, als beispielsweise in Österreich?

Das ist jetzt noch schwer abschätzbar. Ich denke, das wird sich mit der Zeit zeigen, aber ich befürchte, dass Spieler in den Topligen nicht den Mumm haben werden, sich zu outen. Der Druck könnte zu hoch sein. Ich wäre aber sehr glücklich, wenn Antons Coming-out sie unterstützen würde.