Presse

"Sichtbar anders"
(Ballesterer, Wien, 12.04.2011)


von Helmut Neundlinger

In Schweden outet sich ein schwuler Profifußballer: Wird jetzt alles gut? Werden homophobe Fangesänge und Sprüche von Trainern und Spielern nun tabuisiert? Gedanken zum Verhältnis des Fußballs zur sexuellen Orientierung seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Anton Hysen, ein 20-jähriger schwedischer Fußballprofi, hat sich in einem Interview mit dem Fußballmagazin Offside zu seiner sexuellen Orientierung bekannt. Er hat dabei den Spielraum genützt, den ihm Verletzungen bescherten: Derzeit spielt der vormalige U17-National- und Erstliga-Spieler bei einem Viertligateam, das sein Vater coacht, und also ein wenig außerhalb der Schusslinie potenzieller Anfeindungen. In seinem Land gilt er als einer der talentiertesten Mittelfeldspieler seiner Generation.

Nun fragt er sich, ob er mit seinem Schritt seine Karriere bereits wieder verspielt hat. Warum sein Outing in aller Welt so viel Wirbel macht, hat genuin mit der Gestricktheit des sozialen Systems Fußball zu tun. Hysen ist der derzeit einzige aktive Fußballprofi, der aus seiner Homosexualität kein Geheimnis macht. »Wo sind verdammt noch mal die anderen?«, fragt er fast wütend in dem Interview.

Gut möglich, dass Hysen auf längere Zeit allein auf weiter Flur bleiben wird. Immer wieder ist über die »Dunkelziffer« schwuler Fußballer spekuliert worden. Mein Verdacht ist, dass die tatsächliche Zahl weit unter dem gesellschaftlichen Durchschnitt liegt – aus systemimmanenten Gründen: Die Ausbildung zum Profi folgt äußerst rigiden Programmen. Wer sich durchsetzen will, dem bleibt wenig Spielraum fürs Anderssein. Und wer sich als homosexueller Jugendlicher in einer latent homophoben Umgebung bewegt, wird es sich wohl doppelt und dreifach überlegen, ob er sich das bis zum bitteren Ende antun soll. Da sind zunächst die Teamkameraden, dann die Gegenspieler und schließlich das Publikum. Der enorme Druck, der dadurch entsteht, sorgt für eine Selektion der anderen Art: Nicht unbedingt die Begabtesten kommen durch, sondern diejenigen, die den Vorgaben und Erwartungen des Systems am besten entsprechen.

Im Fußball kann ein offener Umgang mit dem Anderssein schnell gegen den Bekenner gekehrt werden. Manchmal reicht schon die Solidarisierung: Nachdem der (heterosexuelle) Sportklub-Spieler Marco Perez 2009 an einer Club-2x11-Podiumsdiskussion über Homosexualität im Spitzensport teilgenommen und sich dort für Toleranz gegenüber homosexuellen Sportlern ausgesprochen hatte, mussten er und sein Team sich im darauffolgenden Spiel gegen den FAC von den gegnerischen Fans homophobe Schmähgesänge und Transparente gefallen lassen. Als ich neulich zufällig auf einen der damals beteiligten FAC-Fans traf, zeigte sich dieser immer noch verständnislos darüber, dass er und seine halblustigen Freunde im Anschluss vom ballesterer für diese vertrottelte Aktion kritisiert worden waren. Dabei hätte das doch nichts mit Homophobie, sondern bloß mit »Spaß« zu tun gehabt, wie er mir treuherzig versicherte.

Drehen wir den Spieß um: Ich habe vor vielen Jahren eine Frau kennengelernt, die in ihrer Jugend auf dem Sprung zur – für hiesige Verhältnisse – Spitzenfußballerin war. Mit 16 erhielt sie ihre erste Einberufung ins Nationalteam. Auf meine Frage, was sie denn bewogen habe, sich vom Kicken zu verabschieden, antwortete sie mir ein wenig verschämt: »Ich bin zum Team gekommen und hab schnell gemerkt, dass da die meisten lesbisch sind. Das war mir unangenehm.« Ich war von der Antwort zunächst verblüfft und – um ehrlich zu sein – auch ein wenig enttäuscht. Mein spontaner Impuls war, sie zu fragen: »Und? Was ist daran so schlimm?« Die Szene führte mir auch vor Augen, dass von meiner Seite eine gewisse Neigung existierte, in den Frauenfußball bestimmte Vorstellungen eines »offeneren«, entspannteren Umgangs mit Homosexualität hineinzuprojizieren.

Vielleicht hat der Kontakt mit lesbischen Mädchen und Frauen, denen sie beim Kicken ja auch körperlich nahe war, ihr heterosexuelles Selbstbild ins Wanken gebracht. Vielleicht hat sie sich aber auch bloß einsam gefühlt: als »Hete« plötzlich von den Gruppencodes der Mehrheit ausgeschlossen, Angehörige einer sexuellen Minorität. Vielleicht hätte sie die Möglichkeit ergreifen sollen, ihre Teamkolleginnen mit diesen Gefühlen und Erfahrungen zu konfrontieren. Vermutlich hätten diese geantwortet: »Siehst du, so geht es uns im Alltag auch. Jetzt weißt du wenigstens mal, wie sich das anfühlt.«

Im Zug von Recherchen für einen Artikel über Homosexualität im Frauenfußball stieß ich Jahre später auf ein anderes Szenario. Ich fragte bei einer mir bekannten Kickerin eines Bundesligavereins an, ob sie sich vorstellen könne, dass sie oder ihre Kolleginnen zu diesem Thema ein Statement abgeben würden. Sie schrieb mir zurück, dass der Umgang mit den verschiedenen sexuellen Neigungen innerhalb des Teams sehr entspannt ablaufe, bezifferte das Verhältnis prozentual mit 30:70 (hetero:homo) und fügte dann hinzu: »Wir machen oft Scherze darüber.«

Welche Scherze das genau waren, verriet sie mir nicht, aber das ist auch nicht so wichtig. Entscheidend war für mich der Eindruck, dass da ein Gefüge existierte, in dem Mehrheit und Minderheit einen nicht bloß duldenden, sondern kooperativen Umgang miteinander gefunden hatten. Leider ist es nicht dazu gekommen, mehr über diese Entwicklung herauszufinden. Die Spielerinnen hatten wenig Interesse, ihre innere Dynamik nach außen zu tragen, und die Trainerin reagierte empfindlich abwehrend auf meine Anfrage. In ihrer Weigerung, auch nur in Ansätzen darüber zu sprechen, spürte ich eine extreme Angst vor Stigmatisierung und Ausgrenzung. Es gelang mir nicht, Vertrauen dahingehend aufzubauen, dass meine Berichterstattung sich »anders« gestalten und dazu dienen würde, das Thema in der Öffentlichkeit zu enttabuisieren.

Vor dem Hintergrund all dieser Erfahrungen habe ich großen Respekt vor Menschen wie Anton Hysen, die es auf sich nehmen, ihr »Anderssein« nicht nur privat zu leben, sondern für die Bedürfnisse, Anliegen und Probleme ihrer Gruppe innerhalb der Gesellschaft Aufmerksamkeit und Verständnis zu schaffen. Zugleich verstehe ich jede und jeden, der/die es vorzieht, im »Versteck« zu bleiben. Es ist eine folgenreiche Entscheidung, sich als Privatperson einer öffentlichen Debatte zu stellen.

So groß der Zuspruch national und international etwa für Hysen zurzeit auch ist: Es wird sich erst zeigen, wie seine Trainer, Teamkollegen, Gegner und die Fans mit dem Outing umgehen. Noch ist er geschützt durch die Aura des »Neuen«, der Sensation. Im besten Fall verändert sich dadurch auch etwas im öffentlichen Bewusstsein. Im schlimmsten Fall reagiert das System mit Mobbing und Ausgrenzung. Das wäre wohl das Ende der hoffnungsvollen Karriere des Anton Hysen.