Presse

"Im Mikrokosmos Fußball wäre Angela Merkel als Trainerin längst entlassen worden"
(Cicero, Berlin, 03/2011)


von Timo Stein

Nicht Fußball, sondern Sex ist die schönste Nebensache der Welt, erklärt der Medienwissenschaftler Jan Tilman Schwab in einem Gespräch mit Cicero Online über den gemeinen Fußballsport und liefert Beispiele für dessen Welterklärungspotential.

Herr Schwab, lassen Sie uns über die bekanntlich schönste Nebensächlichkeit der Welt sprechen, den Fußball…

… Von allen Allgemeinplätzen des Fußballs halte ich die Rede von der schönsten Nebensache der Welt für die falscheste. Die schönste Nebensache der Welt ist für mich Sex. Fußball markiert in meinem Leben ganz sicher eine der Hauptsachen. Nach meinem Sohn vielleicht die wichtigste Hauptsache.

Sie sind Anhänger der These, dass mit Fußball letztlich alles erklärt werden kann. Ist Fußball eine Art Mikrokosmos des Lebens?

Ja, sicher. Auch ein Allgemeinplatz, aber zutreffend wäre die Gleichsetzung: Fußball = Leben, Leben = Fußball. Phänomenologisch präziser noch wäre die Gleichsetzung Welt = Fußball. In dem Sinne, dass sich im Fußball alle Phänomene der Welt wiederfinden. Und alle Sachverhalte der Welt sich auch durch Analogien aus der Welt des Fußballs erklären beziehungsweise umschreiben lassen.

Wie würde sich beispielsweise die momentane Situation der schwarz-gelben Regierung mit diesem Fußballwelterklärungsmodell beschreiben lassen? In der Rhetorik Edmund Stoibers würde es vermutlich heißen, die Champions-League-Plätze sind in Gefahr.

Nun, wenn schwarz-gelb, wie in Baden-Württemberg gerade geschehen, in die Opposition gewählt wird, sind keine Champions-League-Plätze mehr in Gefahr – dann ist der Abstieg besiegelt. Das Problem aber ist, dass die Saison in der Politik vier Jahre Legislaturperiode vorsieht. Denn ein Trainer, der eine Bilanz wie Frau Merkel in den letzten Wochen und Monaten abliefern würde, wäre in der Bundesliga längst rausgeschmissen worden.

Deutliche Parallelen sind auch zwischen Kunst, Literatur, Film und Fußball erkennbar. Sie appellieren auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Mitteln an dieselben elementaren Gefühle.

Natürlich. Betrachten wir den kommerziellen Fußball wertneutral als ein Spektakel, sind die Parallelen zu den anderen Aufführungsformen leicht ersichtlich. Deren Spektrum im Übrigen sich ebenso wie der Fußball zwischen bloßer Unterhaltung und wahrer Kunst erstrecken kann. Und die Anbindung des Zuschauers an das dargebotene Spektakel findet im Prinzip über die gleichen empathischen oder identifikatorischen Prozesse statt.

Der Fußball spielt mit Motiven, mit denen sich die Literatur seit Jahrtausenden befasst: Heldentum, Leid, Schmerz, Solidarität, Neid sind auch zentrale Motive des Fußballsports – nur sind sie hier ungleich direkter, einfacher, oberflächlicher.

Weil sie authentisch sind. Sie finden statt, statt ausgedacht worden zu sein. Auch dies bitte wertneutral verstehen: Fiktionale Geschichten können mitunter wesentlich realistischer, wahrer anmuten als der allwöchentlich ausgefochtene Fußballwettbewerb, dessen Kampf aber authentisch und offen ist, deswegen auch häufig ungerecht oder langweilig. Aber stets authentisch, solange der Schiedsrichter nicht bestochen wurde.

Aber geht die Authentizität denn nicht mit der extremen Kommerzialisierung des Profifußballs verloren? Was bitte ist authentisch an einer Kunst-/Werbefigur wie sie beispielsweise David Beckham darstellt, dessen fußballerische Klasse in keinem Verhältnis zum Marktwert steht. Wo bitte bleibt da der Bezug zur Lebenswirklichkeit?

David Beckham ist beziehungsweise war ein hervorragender Fußballsspieler, der auf dem Fußballplatz ebenso authentisch seine Spiele bestreiten musste, wie jeder andere Spieler, der nicht in den Verdacht gerät, eine Kunstfigur zu sein. Dass Beckhams Marktwert nicht allein mit seiner tatsächlichen Qualität als Fußballer zu tun hat, sondern mit den Projektionen der Fans und/oder Kunden, kann nicht unbedingt ihm angelastet werden. Denn im Kapitalismus zählt nicht die Qualität eines Produkts, sondern die Qualität des Verkäufers. Und verkaufen konnten sich die Beckhams schon immer.

Dennoch ist zumindest der Profifußball – also das Fußballgeschäft – ein besonderer Raum. Die Kommerzialisierung ist totaler, gnadenloser. Der Profifußball ist kein wirklich menschenfreundliches System. Siehe Robert Enke oder Sebastian Deisler.

Jein. Ja, der Profifußball ist aufgrund seiner Popularität und seines enormen Marktwertes ein besonders umkämpftes und als solches ein gnadenloses System. Hier wird aber sicher nicht gnadenloser oder menschenunfreundlicher als in anderen Sektoren der kapitalistischen Finanzwelt etwa gekämpft. Im Unterschied dazu interessiert sich für den Fußball aber der überwältigende Teil der Menschheit. Und die Medien berichten über Einzelschicksale ausführlicher, weil diese Individuen den meisten Menschen bekannt sind und die sich für Enke und Deisler mehr interessieren als für deren Pendants in der Wirtschafts- und Finanzwelt. Das mag dann den Eindruck erwecken, der Fußball sei besonders gnadenlos.

Im Unterschied zur Gesellschaft ist der Fußball extrem männerdominiert. Auch Homosexualität hat keinen Platz, dabei sind Gesellschaft und Politik doch bereits viel weiter. Herrscht im Fußball nicht ein ganz anderes, stehengebliebenes Männlichkeitsbild als im Rest der Gesellschaft? Warum ist das System Fußball so rückständig?

Die Homophobie im Fußball verstehe ich ehrlich gesagt nicht. Sobald es einige schwule Fußballer gibt, die sich dazu bekannt haben, mag es erkennbar werden, das die Furcht vor fehlender Anerkennung übertrieben war. Vielleicht ist Fußball als athletischer Kampfsport schlicht weniger homophil als andere Bereiche? In dem Sinne, dass Homosexualität als vermeintliche Schwäche gedeutet würde – die dem Sport innewohnende Homoerotik zugleich aber deutlich weniger ausgeprägt ist als in der Körperathletik des Kampfsports etwa. Andererseits war Homosexualität in den vorchristlichen Kriegerkulturen selten derart tabuisiert, wie dies beim Fußball im christlichen Abendland der Fall ist. Rational ist dies alles jedenfalls nicht zu erklären.

Ich ertappe mich dabei, wie ich in der Champions-League als Werder-Bremen-Fan den Bayern die Daumen drücke. Dabei wähnte ich mich frei von patriotischer Gefühlsduselei. Was macht der Fußball da mit mir? Sorgt der Fußball da für eine Art von gesundem Patriotismus?

Wenn Sie den Bayern oder ich Schalke oder Werder, also Vereinen, die mir eigentlich wenig sympathisch sind, im Europapokal die Daumen drücke, folgen wir eigentlich nur der Grundsolidarität, die Mitglieder eines Stammes, einer Nation oder Fußballnation unter- und zueinander empfinden und zeigen sollten. Patriotismus im Fußball hingegen kann, wenn überhaupt, dann nur innerhalb des Fußballs geltend gemacht werden. Wenn ein Spanier jetzt behauptet, Spanien sei das beste aller Länder, hat er im Hinblick auf Fußball recht. Behauptet er es für alle Lebensbereiche, macht er sich lächerlich.

Herr Schwab, vielen Dank für das Gespräch.