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"Insider: Das läuft mit Schwulen im Profifussball"
(Basler Zeitung, Basel, 27.03.2011)


von Thomas Niggl

Mit Manuel Neuer und Mario Gomez raten zwei deutsche Nationalspieler schwulen Fussballern zum Outing. Aber gibt es sie im Profigeschäft überhaupt? baz.ch/Newsnetz fragte bei Szenekennern nach.

Die Schwulen-Debatte in Deutschland wurde neu lanciert. Der ARD-Tatort mit dem Titel «Mord in der ersten Liga» wagte sich an das Tabuthema und sorgte beim deutschen Fussball-Bund für helle Aufregung. Es geht um diesen Satz. «Wissen Sie, die halbe Nationalmannschaft ist angeblich schwul, einschliesslich Trainerstab. Das ist doch schon so eine Art Volkssport, das zu verbreiten.» Gesprochen wurde das Zitat von einem Schauspieler im TV-Krimi mit einer fiktiven Handlung.

Erich Vogel, anerkannter Fussballexperte, ist seit 46 Jahren in der Branche – als Trainer und Sportchef. «Ich hatte auch schon mal das Gefühl, der eine oder andere könnte eventuell eine Neigung zur Homosexualität haben», sagt der 71-Jährige, der heute für den Teleclub arbeitet. Später hätten diese Spieler jedoch geheiratet, Kinder auf die Welt gestellt und eine absolut harmonische Ehe geführt.

«Schwule steigen aus der Männerdomäne Fussball aus»

Vogel stellt eine interessante These auf. «Wenn ein junger Spieler spürt, dass er sich eher zu Männern hingezogen fühlt, dann fühlt er sich in der Hetero-Domäne einfach nicht mehr wohl, dann steigt er früh aus und will erst gar nicht Profifussballer werden», ist der Zürcher überzeugt. Das sei wohl ein Hauptgrund, weshalb es im Profifussball wohl wirklich keine schwulen Fussballer gebe. «Die Aussteiger fühlen sich eher der Kunstszene zugehörig», denkt Vogel.

Hermann schliesst nicht aus, dass es schwule Fussballer gibt

Thuns Trainer Murat Yakin spielte als Profi für GC, Basel, Kaiserlautern, Stuttgart und Fenerbahçe Istanbul. «Ich hatte nie auch nur eine Sekunde das Gefühl, irgendein Spieler könnte homosexuell sein», versichert der Basler. Er glaube nicht, dass es im Profigeschäft schwule Fussballer gebe. «Und wenn, würde mich das auch nicht stören.» Im Übrigen hält der ehemalige Spieler von GC, Dortmund und Servette die These von Erich Vogel für durchaus denkbar.

Heinz Hermann hat für die Schweiz 117 Länderspiele bestritten und ist immer noch Rekordinternationaler. «Ich war während 17 Jahren Profi und danach Trainer, aber ich habe wirklich nie auch nur ansatzweise erkennen können, ein Spieler könnte schwul sein», sagt der Zürcher. Das wäre ihm sofort aufgefallen. «Ich schliesse es aber nicht kategorisch aus, dass es im Profigeschäft schwule Fussballer gibt», sagt Hermann. Doch Fussball sei ein Kampfsport und deshalb für Schwule wohl eher nicht geeignet.

«Bei mir würde ein schwuler Fussballer spielen»

«Ich persönlich hätte mit einem schwulen Fussballer überhaupt kein Problem», sagt der ehemalige Spieler von GC, Xamax, Servette und Aarau. «Doch falls sich einer outen würde, wie das Mario Gomez fordert, könnte sich eine Eigendynamik daraus entwickeln», glaubt Hermann. Dann würde auf diesem Spieler ein enormer Druck lasten. «Ich bin mir nicht sicher, ob dann alle seine Mitspieler auf sein Outing positiv reagieren würden», räumt er ein.

Fussballexperte Jörg Stiel war Captain der Nationalmannschaft und Torhüter bei Wettingen, St. Gallen und Gladbach. Der Aargauer ärgert sich immer noch über den Auftritt der Wissenschaftlerin Dr. Tatjana Eggeling, die im ZDF-Sportstudio die Behauptung aufstellte, dass einige schwule Fussballer nur vorgetäuschte Hetero-Ehepartnerschaften eingehen, um ihre Neigungen vor Mannschaftskollegen und der Öffentlichkeit zu verbergen: «Ich weiss, dass Scheinehen geführt werden. Auch im deutschen Fussball und in der Bundesliga», behauptet die Wissenschaftlerin.

«Es gibt mehr schwule Fussballer, als viele denken»

«Es ist mir ein Rätsel, was diese Dame mit dieser ungeheuerlichen Behauptung und diesem Schwachsinn überhaupt bezwecken will», nervt sich Stiel. Es nehme ihn wunder, woher sie diese Beweise überhaupt hätte. Sie wolle sich damit offenbar nur wichtig machen. «Ich habe nie das Gefühl gehabt, einer meiner Mitspieler könnte schwul sein», versichert Stiel. Er habe sich dafür aber auch nie interessiert. Im Übrigen hätte er überhaupt nichts gegen schwule Fussballer. «Ich hätte selbstverständlich mit einem schwulen Teamkollegen zusammengespielt», sagt er.

Völlig anders als Stiel denkt Andy Egli. «Ich kann mir durchaus vorstellen, dass im Profifussball Scheinehen geführt werden», sagt er. Es gebe ja schliesslich viele Menschen, die mit verschiedenen Identitäten leben würden. «Ich bin sicher, dass es mehr schwule Fussballer gibt, als viele denken», sagt der ehemalige Internationale. Aber diese würden ihre gleichgeschlechtlichen Neigungen offenbar geschickt unterdrücken und verbergen. «Ich habe nie, wirklich nie auch nur ansatzweise das Gefühl gehabt, einer könnte schwul sein. Weder als Trainer noch als Spieler», versichert auch Egli. Im Übrigen glaubt er auch an die These von Erich Vogel. «Im Fussball gibt es auch viel Machogehabe», so Egli. Darin würden sich Schwule nicht wohlfühlen und deshalb aussteigen.

Gerüchte hat es immer gegeben

Egli hätte mit einem schwulen Profifussballer kein Problem. «Falls sich einer bei mir outen würde, würde ich ihm als Trainer jede Hilfe anbieten», sagt Egli. Er würde ihm raten, sich auch vor der Mannschaft zu erklären. «Ein schwuler Spieler müsste psychologisch auch auf vieles, auch Unangenehmes, vorbereitet werden», sagt Egli. Er müsste auch damit rechnen, dass er von den gegnerischen Zuschauern beispielsweise bei jedem Foul aufs Übelste beschimpft und beleidigt würde.

FCZ-Sportchef Fredy Bickel ist seit 20 Jahren im Geschäft. «Es hat immer wieder Gerüchte gegeben, der eine oder andere Spieler könnte möglicherweise schwul sein», sagt der Zürcher. Eine solche Vermutung habe sich aber nie wirklich bestätigt. «Falls sich einer unserer Profis mal outen würde, wäre das für mich überhaupt kein Problem», sagt Bickel. «Bei uns zählt nur die Leistung und wenn er diese bringt, dann würde er logischerweise auch spielen.»

«Ein schwuler Fussballer muss sich an unsere Regeln halten»

Martin Rueda, der als Trainer mit Lausanne Auferstehung feiert, hat 1982 bei den Grasshoppers seine Karriere als Spieler lanciert. Dann spielte er noch für Wettingen, Luzern und Xamax, mit der Schweiz war er 1994 an der Weltmeisterschaft in den USA dabei. «Ich habe nie etwas gemerkt und auch nicht annähernd das Gefühl gehabt, einer meiner Teamkameraden könnte schwul sein», sagt der Zürcher. Es habe sich auch nie einer persönlich bei ihm geoutet. Auch Rueda hätte überhaupt kein Problem damit, wenn sich ein Spieler als Schwuler bei ihm outen würde. «Bei mir zählt das Leistungsprinzip», sagt er.

Allerdings schränkt er ein: «Er müsste sich strikte an die Regeln der Gruppe halten und dürfte den Betrieb nicht stören.» Rueda denkt, dass es Spieler mit verschiedenen Neigungen gibt. Was einer im privaten Bereich mache, interessiere ihn aber nicht. Rueda denkt, dass Erich Vogel mit seiner These durchaus richtig liegen könnte. «Mit 15, 16 oder 17 Jahren präsentieren die jungen Spieler erstmals stolz ihre Freundinnen, die anderen stellen dann in diesem Alter fest, dass sie anders fühlen», denkt Rueda. Da könnte es durchaus sein, dass diese aus dem Fussball aussteigen. «Weil sie sich einfach nicht mehr wohlfühlen.»

«Ein Outing ist sehr problematisch»

Ilja Kaenzig, der neue starke Mann bei YB, kennt das Business seit Jahren. Er war auch für die Grasshoppers und in der Bundesliga für Leverkusen und Hannover tätig. Er hält die These von Erich Vogel, Schwule würden aus dem Fussball aussteigen, für durchaus plausibel. Mario Gomez rät zum Outing – das hält Kaenzig hingegen für problematisch. «Dann kommt es darauf an, wie sich die Mitspieler, die Medien und die Öffentlichkeit gegenüber diesem Spieler verhalten», sagt der Experte. Ein Profi, der sich oute, setze sich einem enormen Druck aus. «Die entscheidende Frage ist dann, ob und wie er das psychisch verkraften und verarbeiten kann», sagt der Delegierte des Verwaltungsrates. Auch Kaenzig hegte nie auch nur den leisesten Verdacht, ein Spieler könnte schwul sein.

«Ein Outing kann eine Befreiung sein und Energien freilegen»

Rolf Fringer, Trainer von Leader Luzern, hat auch viele Erfahrungen im Ausland gesammelt. «Ich hatte wirklich nie den Eindruck gehabt, einer meiner Spieler könnte schwul sein», sagt Fringer. Er habe sich auch nie Überlegungen darüber gemacht, ob der eine oder andere es vielleicht sein könnte. «Grundsätzlich ist das Outing von Schwulen heute durchaus gesellschaftsfähig», sagt der ehemalige Schweizer Nationaltrainer. Doch im Fussballgeschäft sei dies sehr problematisch. «Es ist sogar fast unmöglich», sagt er. Ein solcher Fussballer setze sich einem enormen psychischen Druck aus. Ein Outing löse bei den Mitspielern, den Fans und den Medien Reaktionen aus. «Leider wohl auch viele negative.»

GC-Trainer Ciri Sforza spielte für Aarau, GC, Bayern München, Kaiserlautern und Inter Mailand. «Ich hatte in meiner langen Karriere nicht einmal auch nur den leisesten Verdacht, einer meiner Mitspieler könnte schwul sein», sagt der ehemalige Captain der Nationalmannschaft. Auch er kann sich wie Erich Vogel durchaus vorstellen, dass schwule Fussballer schon im Jugendalter aus dem Fussball aussteigen. Ein Outing eines schwulen Fussballers muss für Sforza aber nicht unbedingt problematisch sein. «Das könnte für den Spieler eine Befreiung sein», glaubt der Aargauer. Diese könnte sich durchaus in eine positive Energie umwandeln. «Das würde die Leistung steigern.»