Presse

"Das Outing läuft noch immer wie eine Fahndung"
(Zeit Online, Hamburg, 05.05.2010)


von Ronny Blaschke

Homophobie im Fußball ist noch immer weit verbreitet. Aktivisten erwarten von DFB-Präsident Zwanziger mehr als Ausstellungen zu eröffnen.

Imke Duplitzer hält nichts von Pädagogik mit dem Holzhammer, ihr Leitbegriff ist Offenheit. Die Fechterin, die vier Mal an Olympia teilgenommen hat, trainiert in Bonn Jugendliche zwischen dreizehn und neunzehn Jahren. Sie möchte sie zu Erfolgen führen, doch nicht nur das. Sie möchte sie auch zum Nachdenken über Klischees und Diskriminierung anregen.

Beiläufig erwähnte Duplitzer nach dem Training, dass sie mit ihrer Lebensgefährtin im Urlaub war: "Erst wird kurz gefrotzelt und gekichert. Doch mit der Zeit ist Homosexualität dann nicht mehr fremd und abstrakt, sondern normal und fast schon langweilig." Das gelte übrigens auch für manche Eltern der Fechttalente, die sie zum Grillen eingeladen hat.

Duplitzer war Gast der Ausstellung Gegen die Regeln, die am Dienstagabend im Roten Rathaus Berlins eröffnet wurde. Auf Bannern wird über lesbische und schwule Idole informiert, über die französische Tennisspielerin Amélie Mauresmo oder den kanadischen Schwimmer Mark Tewksbury, über Aktivisten und Institutionen. Aber auch homophobe Übergriffe.

Die Ausstellung steht für Substanz und Detailreichtum. Sie ist ein Dokument der Sachlichkeit, nachdem der Schiedsrichterstreit zwischen Manfred Amerell und Michael Kempter das Thema Homosexualität im Fußball zuletzt wieder in eine Schmuddelecke gezogen hatte. Private SMS und E-Mails wurden ausgebreitet, in manchen Medien wurden Gesichtszüge und Frisur von Kempter interpretiert, der sich von Amerell belästigt gefühlt haben will.

In den vergangenen vier Jahren sind über das große Tabu im Spitzensport Hunderte Artikel geschrieben, Fernsehbeiträge gedreht, Radiointerviews gesendet worden. Der Konflikt Amerell/Kempter zeigt, dass viel diskutiert, aber wenig verstanden wurde - noch immer wird die Suche nach dem Premieren-Outing in der Bundesliga wie eine Fahndung verkauft.

Dabei bedarf es nicht eines Vorzeige-Schwulen in Stollenschuhen, um aufzuklären, glaubt die ehemalige Bundesliga-Spielerin Tanja Walther-Ahrens, die Gegen die Regeln möglich gemacht hat. Mit der Ausstellung möchte sie die spekulative Drama-Phase ausklingen lassen: Regelmäßig wird schwulen Versteckspielern von Populisten wie dem früheren Fußballmanager Rudi Assauer die Hölle prophezeit. Walther-Ahrens sagt: "Vorurteile werden so nicht aufgeweicht, sondern verstärkt."

Walther-Ahrens ist eine wichtige Beraterin des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, der Dienstag in Berlin wieder eine geschliffene, politisch korrekte, aber nur in wenigen Passagen konkrete Rede gehalten hat. Nachdem Zwanziger im Fall Amerell/Kempter durch Aussagen in Kritik geraten war, erwarten Aktivisten nun nachhaltige Kampagnen seines Verbandes, die über bunte Plakate oder gesponserte Wagen bei Homosexuellenparaden hinausgehen. Doch wie kann man ein pädagogisches Konzept gegen Homophobie in den Jugend- und Amateurfußball tragen? "Durch Kommunikation und Professionalisierung", antwortet Tatjana Eggeling.

Die Kulturwissenschaftlerin Eggeling ist die erste, die sich im Aktivistenkreis hauptberuflich mit Homosexualität im Sport beschäftigt. Gemeinsam mit dem einstigen DDR-Jugendnationalspieler Marcus Urban und dem Medienwissenschaftler Jörg Litwinschuh baut sie ein Netzwerk auf, das homosexuelle Sportler, Fans, Trainer oder Funktionäre beraten will. Immer mehr Athleten melden sich bei ihr, Amateure und Profis.

Eggeling hält auch Kontakte zu Juristen und Psychologen, sie möchte den DFB, dem diese Kompetenz fehlt, als einen Partner gewinnen. Eggeling spricht von jugendgerechten Workshops, Broschüren, Diskussionen, aber vor allem: von Geduld. In der Debatte um Rassismus und Antisemitismus hat es mehr als zwanzig Jahre gedauert, bis präventive Maßnahmen halbwegs Spuren hinterlassen haben.