Presse

"Die Gefahr umdribbeln"
(Zeit Online, Hamburg, 01.07.2010)


von Ronny Blaschke

HIV ist das größte Tabu im Männlichkeitskult Fußball. Mit einem Projekt versucht Xolani Magqwaka Südafrikas junge Kicker aufzuklären.

Zehn Jugendliche dribbeln um rote Kegel herum, auf denen weiße Aufkleber versehen sind. Darauf zu lesen: Sex ohne Kondom, Konsum von Drogen, Sex mit vielen Partnern. Wer auf dem Bolzplatz mit einem Kegel in Berührung kommt, wird mit Liegestützen bestraft, doch im wirklichen Leben können die Konsequenzen tödlich sein. Niemand der Kicker wirft einen Kegel um, dafür sind sie zu talentiert, zu beweglich, zu motiviert, und so muss Xolani Magqwaka die Übung, die er Hoch-Risiko-Spiel nennt, unterbrechen und seiner Hauptaufgabe nachgehen: Reden.

"Die Kids lieben Fußball, das ist unsere Chance", sagt Xolani Magqwaka. "Der Fußball ist für uns ein Medium, um sie über HIV aufzuklären." Der 29-Jährige blickt aus freundlichen Augen und spricht mit seinem ganzen Körper. Er ist Manager von Grassroutsoccer, Graswurzel Fußball. Seit acht Jahren knüpft das Projekt in fünfzehn afrikanischen Staaten Netzwerke für Prävention. Jeden Tag ist Magqwaka während der Weltmeisterschaft auf dem Bolzplatz von Harare, einem Viertel in Khayelitsha, der größten Township Kapstadts, wo anderthalb Millionen Menschen leben.

An diesem Nachmittag sind wieder mehr als Hundert Kinder und Jugendliche auf dem Gelände erschienen, das im Dezember eröffnet wurde und gesäumt wird von Holzhütten und einem klapprigen Zaun. Zwanzig Jungen hocken vor Magqwaka, manche wirken überrascht, schockiert, als hätten sie noch nie etwas von Verhütung gehört. "Fast alle haben in ihrem Umfeld jemanden durch Aids verloren", sagt Magqwaka. Er verteilt Kondome und Broschüren, organisiert HIV-Tests, notfalls veranstaltet er dafür als Lockmittel eigens ein Turnier.

Kein Land leidet so unter HIV wie Südafrika. 5,2 Millionen Menschen sollen infiziert sein, elf Prozent der Bevölkerung, in Deutschland mit einer nahezu doppelten Einwohnerzahl sind es etwas 60.000. In der Altersgruppe von 15 bis 49 soll die HIV-Rate in Südafrika bei über 18 Prozent liegen. Täglich sterben hier 600 Menschen an Aids, täglich stecken sich 2000 Menschen an.

Unwissenheit und Leichtsinn herrschen in Townships wie Khayelitsha. Mythen kursieren, wonach Infizierte sich heilen können, indem sie Geschlechtsverkehr mit einem Säugling, einer Jungfrau oder einer Ziege haben. Lange wurde das Problem verdrängt. Die ehemalige Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang hatte einst Rote Beete und Knoblauch gegen das Virus empfohlen. Staatspräsident Jacob Zuma sprach sich nach ungeschütztem Sex für eine ausgedehnte Dusche aus. Forscher der Universität Harvard glauben, dass mit einer offensiveren Bekämpfung über 300.000 Südafrikaner hätten gerettet werden können. "Wir haben viel Arbeit aufzuholen", sagt Xolani Magqwaka und bittet in den lichtgefluteten Versammlungsraum neben dem Bolzplatz, wo die Jugendlichen diskutieren, singen oder spielen. An den Wänden hängen bunte Plakate und eindringliche Warnhinweise.

Prominente Unterstützung erhält Xolani Magqwaka kaum, HIV ist das größte Tabu im Männlichkeitskult Fußball. Einer der wenigen Betroffenen, die sich geäußert haben, ist Irvin Khoza, Besitzer der Orlando Pirates in Soweto, einer der mächtigsten Männer des südafrikanischen Fußballs. Vor vier Jahren starb seine Tochter an Aids, sie hatte sich bei ihrem Ehemann angesteckt, Sizwe Motaung, einem ehemaligen Nationalspieler. Für seine Offenheit wurde Khoza von Nelson Mandela gelobt. Ein Beispiel, dem sonst nur Teko Modise folgte, aktueller Nationalspieler in Diensten der Pirates. Modise sprach über die Infizierung seines Onkels und die Auswirkungen auf seine Familie. Ephraim Nematswerani, Teamarzt des Erstligaklubs Moroka Swallows, hatte einmal gesagt, er habe mehrere infizierte Profis betreut. Seinen Schätzungen nach trage jeder sechste Kicker in Südafrika das Virus in sich.

"Wir brauchen eine neue Gesprächskultur", sagt Xolani Magqwaka und verweist auf Profis, die öffentlich mit ihrem exzessiven Lebensstil prahlen, auch von Kindern von verschiedenen Frauen. Grassrootsoccer arbeitet auch mit der südafrikanischen Spielergewerkschaft zusammen, die sich zunehmend um Prävention kümmert. Gerade in der Ergebnisfabrik Fußball würden Probleme laut Magqwaka totgeschwiegen. Offen lebende Infizierte werden in Südafrika ausgegrenzt. Im Fußball sei es laut Magqwaka oft so: Manchmal komme ein Spieler plötzlich nicht mehr zum Training. Niemand könne ihn erreichen, es heißt, er sei erkrankt. Wochen vergingen, Monate, das Interesse sinke. Irgendwann verbreite sich dann die Nachricht, der Vermisste sei gestorben. "Traurige Routine", sagt Xolani Magqwaka und hebt fragend die Schultern - gewöhnen will er sich daran trotzdem nicht.