Presse

"Bierhoff und die ewig gestrigen Schlagzeilen über schwule Fußballer"
(Zeit Online, Hamburg, 29.03.2011)


von Ronny Blaschke

Oliver Bierhoff suggeriert, er müsse die "Familie der Nationalelf" vor Schwulen schützen. Seine Worte sind gefährlicher als der Schwulenhass in Fankurven.

Schwulencombo. Dieser Begriff hat im Juli 2010 Einzug in alle Medien erhalten. Dennoch weiß niemand, was sich dahinter verbirgt. Zitiert wurde die "Schwulencombo" erstmals von einem Journalisten des Spiegels. In einem Essay über die Fußball-WM in Südafrika berichtete Alexander Osang auch über Michael Becker, den Manager von Michael Ballack. Becker habe in Leverkusen gegenüber Spielerberatern und Journalisten über einen ehemaligen Nationalspieler gesprochen, der die "Schwulencombo" bald auffliegen lasse wolle. Die Bild-Zeitung reduzierte Osangs differenzierten Artikel auf eine Frage: Gibt es eine "homosexuelle Verschwörung um die Mannschaft von Joachim Löw?"

Wieder einmal wurde die Debatte um Homosexualität im Fußball auf die Suche nach schwulen Profikickern heruntergebrochen.

Der Tatort widmete sich am Sonntag vor einer Woche dem gleichen Thema. "Wissen Sie, die halbe Nationalmannschaft ist angeblich schwul, einschließlich Trainerstab. Das ist doch schon so eine Art Volkssport, das zu verbreiten", lauteten die Sätze eines Protagonisten. Die Aussage überzeichnet die gängige Fahndung nach einem schwulen Kicker. Überzeichnen und verschärfen, das sind die Aufgaben eines fiktiven TV-Films. Der Manager der Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, sieht darin eine Gefahr.

Fünf Tage nach der Ausstrahlung zitierte Bild Oliver Bierhoff: "Ich finde es schade und ärgerlich, dass die Prominenz der Nationalelf missbraucht wird, um irgendein Thema zu entwickeln oder einen Scherz zu machen. Dieser Satz im Tatort hatte ja keine inhaltliche Relevanz. Das sehe ich immer auch als einen Angriff auf meine Familie - die Familie der Nationalelf. Und das ärgert mich."

Wahrscheinlich wollte Bierhoff dem allgemeinen Tuscheln über schwule Nationalspieler die Grundlage entziehen, doch seine Aussage bewirkt das Gegenteil: Sie lädt eine unseriöse, schwammige Berichterstattung, die nicht am Abbau von Homophobie interessiert ist, mit Bedeutung auf.

Es ist nicht bekannt, ob Bierhoff korrekt zitiert wurde, ob er seine Aussagen sogar wie üblich im Nachhinein freigegeben hat. Aber so wie die Worte gedruckt wurden, verstärken sie bestehende Grenzen in der Gesellschaft. Sie folgen einem Muster, dass Konfliktforscher als "Ideologie der Ungleichwertigkeit" bezeichnen. Laut der Langzeitstudie "Deutsche Zustände" sind Vorurteile über Lesben und Schwule tief in der Gesellschaft verwurzelt. 27,8 Prozent der Deutschen finden es ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen.

Bierhoff suggeriert, man müsse die "Familie der Nationalelf" vor Homosexualität schützen. Solche Ressentiments, verbreitet über die größte deutsche Boulevardzeitung, können für ein gesellschaftliches Klima gefährlicher sein als brachialer Schwulenhass in der Fankurve. Denn wie in den Tagen nach der Veröffentlichung im Boulevard ersichtlich ist: Bierhoffs Sätze werden von Medien kaum erkannt und eingeordnet. Viele Lesben und Schwule sind dagegen verletzt und empört. Das Internetportal Queer.de verlieh dem Manager die Homo-Gurke.

Der Präsident des Deutschen Fußballbundes, Theo Zwanziger, hatte in der ARD die Umsetzung des Tatorts angeregt. Er hat homosexuellen Fans einen Wagen für den Christopher-Street-Day zur Verfügung gestellt. Er hat sich in Dutzenden Interviews, auf Dutzenden Veranstaltungen dafür ausgesprochen, Homosexualität als ein ganz gewöhnliches Thema zu betrachten, über das nicht hitzig, schrill oder geheimnisvoll debattiert werden muss. Hat Oliver Bierhoff seinem Vorgesetzten nie zugehört?

Mit seinen Aussagen führt der Manager der Nationalelf jedenfalls auch die Arbeit Theo Zwanzigers ad absurdum.

Prominente wie Bierhoff oder Ballacks Manager Michael Becker liefern den Treibstoff für die Maschinerie der Mutmaßungen. Im Kölner Express schilderte der ehemalige Fußballmanager Rudi Assauer vor einigen Monaten eine Begegnung mit einem schwulen Masseur in Bremen, Assauer habe ihm empfohlen: "Junge, tu mir einen Gefallen - such Dir einen neuen Job." Auf die Frage, ob er etwas gegen Homosexuelle habe, antwortete Assauer: "Nein. Überhaupt nicht. In anderen Sportarten mag das vielleicht gehen, aber im Fußball funktioniert das nicht." Diese Aussagen eines pensionierten Funktionärs haben weder Relevanz noch Nachrichtenwert, dennoch prägen sie die Debatte.

Ein anderes Beispiel aus dem vergangenen Frühjahr ist die Berichterstattung über den Streit zwischen dem ehemaligen DFB-Schiedsrichterfunktionär Manfred Amerell und seinem Schüler Michael Kempter. Kempter hatte Amerell der Belästigung bezichtigt. Es ging um Machtmissbrauch zwischen Chef und Lehrling sowie um veraltete Strukturen in einem Verband, die Sexualität spielte keine Rolle. Trotzdem interpretierten Reporter Frisur und Gesichtszüge von Kempter als Indiz für Homosexualität, private Inhalte aus SMS und E-Mails wurden ausgebreitet. Auf Fußballprofis, die über ein Outing nachdenken, dürfte die Darstellung wie eine Drohung gewirkt haben.

Viele Medien fördern den Spaß an der Spekulation. Stets werden Antworten auf alte Fragen gesucht, dabei ist Homophobie als Problem längst erkannt. Es ist nicht überraschend, dass sich Funktionäre und Spieler selten ausführlich und ohne erzwungenen Anlass zum Thema äußern. Die Journalisten, die Interviewpartner mit ihrer Schwulen-Fahndung vergrätzen, kultivieren gern ihre Verwunderung über die Schweigsamkeit der Offiziellen. Dabei könnte es auch anders gehen.

Gelegenheiten gibt es genug, beim Thema Homosexualität im Sport konkrete Namen zu nennen und es mit verbürgten Geschichten zu beleuchten. In Vancouver, während der Olympischen Winterspiele 2010, hatte das Pride House geöffnet, der erste Treffpunkt für homosexuelle Athleten und Fans in der olympischen Geschichte. Seit Mai 2010 tourt die Ausstellung Gegen die Regeln durch Deutschland. Anfang August fanden in Köln die Gay Games statt, die Weltspiele der Homosexuellen mit rund 10.000 Teilnehmern. Über diese drei Ereignisse wurde ebenso wenig berichtet wie über die vielen schwul-lesbischen Fanclubs oder über Gareth Thomas: Der walisische Rugbyspieler outete sich. Für dieses Bekenntnis wurde er gefeiert, Schmähungen hatte er kaum zu ertragen.

Im Oktober 2009 empfing das DFB-Team in der WM-Qualifikation in Hamburg Finnland. Der Verband wollte das Spiel nutzen, um für den Kampf gegen Homophobie zu werben, mit einer Broschüre und einer Pressekonferenz. In der Live-Übertragung der ARD wurde darüber kein Wort verloren. Auch mit Bierhoff sprach damals kein Pressevertreter über das Thema.

Deutschland sucht den ersten schwulen Super-Kicker. Es scheint, als bestünde die Debatte um Homophobie im Fußball nur aus dieser einen Frage, als ginge es lediglich um die Suche nach dem großen Outing. Prominente wie Bierhoff machen mit peinlichen Aussagen ewig gestrige Schlagzeilen. Journalisten pflegen ein Tabu, das keines mehr ist. Alle wollen hinter die Mauer der Gerüchte schauen. Aber vielleicht verbirgt sich dahinter gar nichts Spannendes.