Presse

"Homofreie Zone"
(3sat, Mainz, 18.05.2007)


von Tilman Billing

Schwulsein ist im Fußball noch immer ein Tabuthema

Fußball und Homosexualität gelten noch immer als unvereinbare Gegensätze. Offiziell darf es im deutschen Fußball keine Schwulen geben. Dabei ist - laut Experten - jeder elfte Profi schwul, verurteilt zu einem Versteckspiel und Doppelleben. In einem auf Kraft und Härte verpflichteten Männerkosmos gilt Homosexualität als Schwäche, löst Angst aus. Schwulenfeindliche Schlachtgesänge und Schimpfwörter sind in deutschen Stadien Standardrepertoire.

"Wenn sich ein Fußballspieler öffentlich outen würde, wäre von heute auf morgen die Karriere gefährdet, wenn nicht sogar ruiniert", sagt Fußball-Autor Oliver Lück, "da die Anfeindungen in den Stadien derart homophob sind, dass ich nicht abschätzen könnte, was mit dem Spieler passieren würde. Schmährufe wären wahrscheinlich das Geringste, vielleicht würde es auch körperliche Attacken geben".

Verdammt zum Doppelleben

Schwule Fußballer sind verdammt zu einem Doppelleben. Viele sind verheiratet und verheimlichen ihre Homosexualität sogar vor der eigenen Ehefrau. Andere geben ihre kleinen Nichten stolz als eigene Töchter aus. Sie bringen zu Vereinsfeiern die eingeweihte beste Freundin mit oder hübsche Hostessen spielen zum Schein die Lebensgefährtin. "Wenn man ständig auf der Flucht ist, wenn man nie zugeben kann, wie man ist, wenn man seine ganze Umwelt, seine ganzen Freunde, seine Frau, die eigene Familie belügen muss, was ist das für ein Leben?", fragt Rainer Schäfer vom Fußballmagazin "Rund". Ein bekannter schwuler Bundesliga-Profi drängt häufig mit diversen Models ins Rampenlicht, gibt sich betont heterosexuell und spielt gekonnt den Frauen-Helden. Fußball gilt noch immer als Macho-Sport - reserviert für echte Kerle. Hier wird gefightet mit ganzem Körpereinsatz - bis aufs Blut. Fans, Trainer und Medien bedienen sich aggressiver Kriegsmetaphern. Homosexuelle stören hier oder werden zu Feindbildern.

Im Film "Männer wie wir"aus dem Jahr 2004 heißt es:
"Unser Ecki ist doch in letzter Zeit so oder so nicht mehr bei der Sache."
Was willst denn damit sagen, nur weil er anders rum ist?"
Ich hab' von denen noch keinen Fußball spielen sehen. Fußball ist Krieg und in den Krieg ziehen nur Männer! Homos können nicht Fußball spielen, das sind die Gene."

Dabei kennen echte Kerle untereinander kaum Berührungsängste. Beim Torjubel geht es besonders zärtlich zu. Toleriert werden diese Körperkontakte nur in einer angeblich garantiert schwulenfreien Fußball-Welt. Das Bild, dass der stetig sexuell gierende Schwule in der Dusche versucht, die Mannschaftskollegen umzulegen, "das sind ja alles diese Klischees, die in jedem Kopf drinnen sind", so Rainer Schäfer. "Wenn man sich mit homosexuellen Spielern unterhält und mitkriegt, wie ängstlich die sind in ihrem Alltag, dann ist das geradezu eine Parodie auf die wirkliche Lebenssituation dieser Menschen."

Tägliche Angst vor der Enttarnung

Schwule Fußballer leben täglich mit der Angst, enttarnt zu werden. Für ein Outing werden hohe Summen geboten und Profis erpresst: Ihr Schwulsein bleibt geheim, solange sie Exklusives aus ihren Klubs liefern. Und in Deutschlands Fußballstadien gehört Schwulenhass für viele Fans genauso dazu wie Currywurst und Bier. "Fußball ist sicher das letzte Männerreservat", so Rainer Schäfer. "Da glauben viele Fans, aber auch Spieler, da kann man die Sau rauslassen, da kann man andere beschimpfen. Es scheint eine ungemein große Freude zu bereiten, jemanden als schwul zu bezeichnen."

Im Fußballverein als eingeschworene Schicksalsgemeinschaft zählen noch die alten männlichen Tugenden. Es ist eine Welt voll Schweiß, Blut und Disziplin. Während sich andere Gesellschaftsbereiche liberalisiert haben, herrscht beim Fußball noch der Muff der 1950er Jahre. "Im Grunde lernen alle Kinder und Jugendlichen von Klein auf in allen Sportvereinen, besonders aber im Fußball, dass Schwulsein Schwäche bedeutet", so die Ethnologin Tatjana Eggeling, "dass Schwulsein irgendetwas mit einer schlüpfrigen unakzeptierten Sexualität zu tun hat. Dass es etwas ist, was eher die anderen sein können, was man aber selber nie sein will." Dennoch ist im Frauen-Fußball sogar über die Hälfte der Spielerinnen homosexuell. Das ist intern auch bekannt. Es gilt aber die eiserne Regel: Für die Öffentlichkeit ist das Thema Tabu. "Nach außen soll der Frauenfußball genauso homofreie Zone bleiben wie der Männerfußball auch. Nach innen sieht es eben bisschen anders aus", sagt die Ethnologin. "Sie werden geduldet und eben nicht rausgeschmissen aus den Teams. Sie sollen es aber möglichst wenig an die große Glocke hängen." Und Rainer Schäfer weiß: "Das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Wer dagegen verstößt, muss mit Konsequenzen rechnen, damit, dass er nicht mehr für die Nationalmannschaft nominiert wird."

In der Nationalelf gilt die Vorgabe: Ob hetereosexuell oder lesbisch, alle Spielerinnen sollen sich in der Öffentlichkeit betont feminin geben, die Realität lesbischer Stars soll so ausgeblendet werden. Ob Frau oder Mann - kein Profi ist bereit, vor die Kamera zu gehen, auch nicht anonymisiert. Der einzige Ex-Spieler, der sich das traut, ist Marcus Urban, eines der größten DDR-Fußballtalente. Er spielte mit heutigen Stars wie Bernd Schneider, seine sexuelle Identität musste er verleugnen. Es winkte der erste Profi-Vertrag, doch die Seelenqualen wurden zu groß und Urban dachte an Selbstmord. "Fußballer können nicht schwul sein, war für mich ein amtlicher Spruch", erinnert sich Urban. "Dieser Satz steht exemplarisch dafür, dass ich mich selbst verleugnet habe, meine Persönlichkeit, meine Intimität." Er sei so weit in eine Sackgasse gelaufen, "dass ich letzten Endes verzweifelt war, und auch dachte, da kann man das Ganze auch beenden". Marcus Urban stand kurz vor dem Abgrund - wie der Brite Justin Fashanu, der einzige Fußballprofi, der sich jemals weltweit geoutet hat. Als seine Verzweiflung zu groß wurde, erhängte sich das Ausnahmetalent in einer Garage.

In seinem Abschiedsbrief schrieb er: "Wenn irgendjemand diese Notiz findet, bin ich hoffentlich nicht mehr da. Schwul und eine Person des öffentlichen Leben zu sein, ist hart […]. Bevor ich meinen Freunden und meiner Familie weiteres Unglück zufüge, will ich lieber sterben."

Insider sind sich einig: Nur eine Elf schwuler Spieler hätte eine Chance, sich zu outen - oder ein Alt-Star mit den Worten: "Leute, ich habe 100 Länderspiele gemacht. Ich habe 20 Jahre Bundesliga hinter mir. Ich habe 180 rote Karten gesehen - und ich war die ganze Zeit schwul." Dass die Macho-Fußballwelt ihre Berührungsängste vor schwulen Profis verliert, ist im Deutschland im Jahr 2007 noch immer eine gewagte Utopie.