Presse

"Schwuchtel ist kein niedliches Schimpfwort"
(Südkurier, Konstanz, 23.03.2011)


von Jens Höhner

Homosexualität ist nach wie vor ein Tabu im Sport, vor allem im Fußball. Filmemacher Aljoscha Pause hat bereits zwei preisgekrönte Streifen herausgebracht, jetzt stellt er sein drittes Werk zum brisanten Thema vor.

Herr Pause, Sie zeigen gleich zu Beginn das Schicksal des französischen Fußballers Yoann Lemaire, der vom Verein wegen seiner Homosexualität rausgeworfen wurde. Gab es in Deutschland kein Beispiel dieser Art oder wollte hier einfach niemand darüber reden?

Meine vorhergehenden Filme waren eine Art Bestandsaufnahme darüber, dass es dieses Tabu gibt und wie man zum Beispiel vonseiten des DFB versucht, damit umzugehen. Hierzulande gibt es allerdings den Fall von Marcus Urban, dem früheren DDR-Jugendnationalspieler. Auch er kommt in meinen Filmen zu Wort. Urban hat sich für seine Homosexualität und damit gegen den Traum vom Profi-Fußball, der Anfang der 90er durchaus möglich gewesen wäre, entschieden. Seine Erfahrungen als Versteckspieler lieferten spannende und erschütternde Innenansichten eines Fußballers, der sich eben nicht offen bekennen kann. Beide Geschichten sind sehr frappierend. Es ist schlimm, was diesem Yoann Lemaire widerfahren ist. Gleichzeitig lässt sich an dieser Geschichte aber auch zeigen, dass wir in Deutschland schon ein Stück weiter sind. Daher steht sie am Anfang.

Inwiefern ist Deutschland weiter?

Pause: Insofern, als dass es in Deutschland schon Aktivisten gibt gegen die Schwulen- und Lesben-Feindlichkeit im Fußball. Für mich ist auch ein zentraler Punkt, dass sich der Verband, der DFB, selbst engagiert und wirklich etwas unternimmt, was in den meisten anderen Ländern nicht der Fall ist. Den Fortschritt kann man auch sehr gut messen, wenn man die Szene der schwul-lesbischen Fanklubs betrachtet: Unter dem Namen ‚Queer Football Fanclubs' sind in Europa 22 Vereine organisiert, davon sind 18 deutsch, dazu gibt es drei Schweizer Klubs und einen vom FC Barcelona.

Sie widmen sich auch dem Frauenfußball, der vielen Vorurteilen ausgesetzt ist – vor allem bei Männern, die jede Fußballerin als Lesbe abstempeln. Homosexualität scheint aber dennoch im Frauenfußball anerkannter zu sein.

Tatsächlich wird im Frauenfußball das besagte Klischee umgekehrt. Ein Fußballer wird als hetero angesehen, während die Fußballerin als lesbisch abgetan wird. Natürlich stimmt das so nicht. Offene Bekenntnisse von Nationalspielerinnen wurden vonseiten des DFB lange Zeit gar nicht gern gesehen. Nun hat es bereits einige Schritte gegen Diskriminierung gegeben, vorangetrieben durch den DFB-Chef Theo Zwanziger. Er hätte es sicher begrüßt, wenn es da – in dieser ersten Phase – Coming-outs gegeben hätte bei den Frauen in der Nationalmannschaft, was nicht der Fall war. Denn: Wer mag das schon nach Aufforderung tun. Jetzt – kurz vor der Frauen-WM – haben sich allerdings mit Uschi Holl und Nadine Angerer die ersten beiden Spielerinnen getraut.

Ein mutiger Schritt.

Es fehlt meiner Meinung nach aber die letzte Konsequenz, diese unfassbar große Bühne der anstehenden WM zu nutzen, um entschieden gegen Diskriminierung von Schwulen und Lesben einzutreten – nicht vonseiten dieser Spielerinnen. Das ist nicht ihre Aufgabe, sondern vonseiten des Organisationskomitees. Niemals zuvor hat der Frauenfußball eine solche Aufmerksamkeit erlebt, wie es in diesem Sommer der Fall sein wird. Vonseiten der Fifa möchte man das Thema offenbar aber lieber unter den Teppich kehren. Und beim Organisationskomitee träumt man davon, das Sommermärchen der Männer in der Frauen-Variante zu wiederholen. Daher verzichtet man auch dort gern auf weitere Begleitgeräusche.

Dabei gibt es doch beim DFB eine neue Nachhaltigkeitskommission.

Ja, jüngst bin ich selbst Mitglied geworden bei dieser verbandsinternen Arbeitsgruppe für Toleranz und gegen Diskriminierung. Ein zentrales Thema ist für mich die Ernsthaftigkeit, mit der über das Thema Homosexualität geredet wird. Das Wort Homophobie, das man mit Schwulen- und Lesben-Feindlichkeit übersetzen kann, ist vielen Menschen immer noch fremd. Und das sagt schon sehr viel. Homophobie gilt als Kavaliersdelikt und ist als Form der Diskriminierung doch gar nicht in letzter Konsequenz anerkannt, im Gegensatz zum Rassismus. Wenn es aber plötzlich schick, hip oder cool wäre, gegen die Schwulenfeindlichkeit zu sein, dann wäre das ein Weg, wie das Thema bei einer breiten Öffentlichkeit ankommen könnte.

Wie kann das gehen?

Ich erinnere da gern an Fernsehspots oder die schwarz-weißen Gummibänder von einem Sportartikelhersteller: ‚Sage Nein zum Rassismus'. Oftmals ist das der Punkt, an dem Menschen, die intellektuell solche Problematiken nicht durchschauen, wenigstens vom Bauch her verstehen, dass sie sich nun nicht mehr so ohne weiteres gegen Schwule und Lesben stellen und ihre Homophobie ausleben können, wie sie das wollen. ‚Schwuchtel' ist dann plötzlich kein lockeres, lässiges und vielleicht niedliches Schimpfwort mehr, als das es von Teilen der Gesellschaft noch angesehen wird, wie man in den 60er und 70er Jahren noch ‚Neger' sagen konnte. Das geht heute nicht mehr, offenen und gesellschaftlich akzeptierten Rassismus gibt es seit rund 20 Jahren nicht mehr. Immer wird es natürlich eine Gruppe der Unbelehrbaren, der Unbekehrbaren geben. Aber es gilt ja auch eher, die große Menge der Vernünftigen zu erreichen.

Sie zeigen in Ihrem Film auch einen Fan, der offen und ungepixelt in die Kamera sagt, dass Schwule im Fußball nichts zu suchen haben und unerwünscht sind.

Das ist schon verrückt, aber wenn man sich vor Augen hält, wie unproblematisch dieser Fan es findet, was er da sagt, dann ist das eben nicht mehr verrückt. Tatsächlich hat es während der Recherche viele solcher Meinungsäußerungen gegeben. Schlimmer aber finde ich Äußerungen von Leuten wie Christoph Daum, der mit einer Aussage in meiner ersten Dokumentation Schwule in die Nähe von Kinderschändern gebracht hat. Danach hat es eine sehr intensive Diskussion gegeben, in der Daum versucht hat, seine Äußerungen zu erklären. Dabei hat er sich dann abermals in teilweise uralten Klischees verirrt. Ein extremer Fall, der offengelegt hat, was mit dem Thema Homosexualität konnotiert wird und wie tief diese uralten, überlieferten Vorurteilen noch verankert sind. Ebenso wie die unglaubliche Idee mancher Menschen, Homosexualität könne tatsächlich etwas Krankhaftes oder gar Ansteckendes sein.

Sie sind Sportjournalist. Sind Sie da nie diesem Thema begegnet?

Ich konnte gar nicht mit dem Thema in Berührung kommen, weil es in der Branche nicht stattfindet. Gerade aus diesem Grund interessiere ich mich heute dafür. Anfangs, im Herbst 2007, waren leichte Anzeichen zu erleben. Theo Zwanziger hatte in einem lesbischen Magazin aus Berlin ein erstes Interview zu diesem Thema gegeben. Er äußerte sich darin sehr wohlwollend und offen positiv. Kurz darauf gab es in einem Männermagazin, das eher auf Schwule ausgerichtet war, eine Titelgeschichte mit Philipp Lahm, in der er als der Eisbrecher ankündigt wurde. Anlass war ein allerdings eher allgemeines Interview mit Lahm zu Sport- und Lifestyle-Fragen, aber eben auch zur Homosexualität im Fußball. Auch er positionierte sich sehr wohlwollend. Gleichzeitig gründete sich in Köln nach den Hertha-Junxx aus Berlin mit ‚Andersrum Rut-Wiess' ein neuer Fanklub des 1. FC Köln. Das waren für mich Zeichen, dass dort die Saat für etwas liegt.

Wie nah dran sind wir denn am Bruch dieser Tabu-Mauer?

Ich könnte mir vorstellen, dass wir von dem Bruch nicht mehr wahnsinnig weit entfernt sind. Ich bin der Meinung, dass es möglich ist. Aber ich möchte nicht sagen: ‚Macht das, Jungs'. Das wäre eine Anmaßung, zumal ich diese Verantwortung gar nicht übernehmen könnte. Ich möchte zeigen, was passieren kann mit einer Art ‚Worst Case' mit Yoann Lemaire in der dunkelsten Provinz Frankreichs. Auf der anderen Seite würde sich so ein Fall, der sich im Amateurfußball abgespielt hat, in Deutschland mit einer so breiten medialen Ebene vermutlich nicht wiederholen können. Das ist eine Errungenschaft, dass sich hier die beteiligten Leute zu positionieren wüssten in Bezug auf Homophobie.

Wie ist denn die Einstellung von Fans, Funktionären und Fußballern selbst?

In den Gesprächen mit den Fußballvereinen und den Fans schwankte die Haltung zwischen sozial erwünschten Toleranzerklärungen und wirklich noch sehr hartnäckigen Vorurteilen. Ein Profi aus Cottbus sagte, dass er es sich nicht vorstellen könnte, mit einem Schwulen zu duschen. Er bezog sich dabei auf den uralten Spruch, dass man dann besser nicht die Seife fallen lassen sollte.

Und die Fifa tut gar nichts.

Da sind wir ganz schnell beim eigentlichen Kern: Es geht um Geld, um Kommerz, um Seilschaften im Hintergrund, um Machtpolitik und vielleicht an allerletzter Stelle auch um Menschenrechte und eine gesellschaftliche Verantwortung. Sich eine Kampagne gegen Homophobie auf die Fahne zu schreiben, das macht ein Verband wie die Fifa doch als allerletztes.

Bis zum Tod von Robert Enke war auch das Thema Depression im Sport ein No go. Hatte das auch Einfluss auf Sie?

Die Thematiken sind vergleichbar, weil sie im Fußball tabuisiert werden. Mir geht es auch darum, mediale Halbwertzeiten aufzuzeigen. Wenn in Japan die Erde bebt, spricht man nicht mehr über Libyen. Nach Enkes Tod kehrte eine neue Empfindsamkeit ein in Deutschland, in der Leistungsgesellschaft wurde plötzlich Rücksicht genommen auf den Nächsten. Man sprach endlich über Depressionen und psychische Probleme. Anderthalb Jahre später ist das aber schon kein Thema mehr und fast wieder so tabuisiert wie früher