Presse

"Schwächen sind im Fußball verboten"
(Hamburger Abendblatt, Hamburg, 22.03.2011)


von Peter Wenig

Marcus Urban, 39, war Jugendauswahlspieler der DDR. Heute arbeitet er als Kommunikationsberater und Coach. Homosexuelle Fussballprofis: Fünf Fragen an Marcus urban

Der "Tatort" am Sonntag drehte sich um das Schicksal eines homosexuellen Fußballers. Sie haben mit Ihrem Outing für viele Schlagzeilen gesorgt. In Ihrer Biografie schildern Sie, wie Ihre Karriere an dem Druck zerbrach, sich als Homosexueller verstecken zu müssen. Haben Sie sich in der Titelfigur wiedererkannt?

Als selbst Betroffener hat mich seine Geschichte berührt. Der Druck, unter dem ein schwuler Fußballer steht, wurde dargestellt. Vor allem die Angst, was wird aus meiner Karriere. Wie reagieren die Fans, wie die Mitspieler?

Sind die Ängste denn nach wie vor im Profifußball berechtigt? Schließlich haben wir auch einen schwulen Vize-Kanzler.

Der Fußball funktioniert nach eigenen Regeln. Ein Fußballer muss dem Bild des starken Kriegers entsprechen. Männlich, verwegen, angriffslustig. Schwächen zu zeigen ist verboten. Das alles passt nicht zu landläufigen Klischees über Schwule. Dennoch bin ich sicher, dass inzwischen die meisten Fans Schmähungen gegenüber einem schwulen Profi strikt ablehnen würden.

Und wie wäre es mit dem Ansehen in der Mannschaft?

Die Gefahr wäre vorhanden, dass ein Spieler, der sich outet, im Team isoliert würde. Dies hängt auch von den Antidiskrimierungs-Aktivitäten im Verein ab. Bei Teams wie dem FC St. Pauli könnte das Problem etwas geringer sein. In anderen deutschen oder ausländischen Vereinen könnte es aber noch schwieriger werden, denn viele Klubs hinken in Sachen Toleranz hinterher.

Haben sich nach Ihrem Outing Fußballer bei Ihnen gemeldet?

Nicht nur Fußballer. Auch andere Sportler haben mir ihre Probleme geschildert. Und Leute aus der Kirche, sogar einer aus dem Vatikan. In dieser Institution ist ja die Drucksituation sehr ähnlich.

Glauben Sie, dass sich irgendwann ein deutscher Nationalspieler outen wird?

Das wird passieren. In Wales hat sich ein bekannter Rugby-Spieler, in England ein Star des auf der Insel ungemein populären Cricket-Sports, offenbart. Auch der Deutsche Fußball- Bund (DFB) ermutigt dazu ja offensiv. Und das Thema ist inzwischen auch in der Politik angekommen. So werde ich im April als Experte vor dem Sportausschuss des Bundestages angehört. Diese Politisierung ist gut. Schließlich geht es hier am Ende um innere Freiheit, die im Herzen und im Kopf beginnt und ihre Fortsetzung über den Mund findet. Wenn Menschen an jedem Arbeits- oder Lebensort sagen dürfen, wer sie sind, wäre das eine entscheidende gesellschaftliche Weiterentwicklung.