Presse

"Im Reservat des Heteromannes"
(Hinnerk, Hamburg, 25.08.2010)


von Stefan Mielchen

Anfang September treffen sich rund 60 queere Fußballfans aus Deutschland und der Schweiz drei Tage lang in Hamburg. Dirk Brüllau, Sprecher der schwulen Pauli-Fans von „Queerpass“, über Homos im Stadion - und auf dem Spielfeld.

Dirk, wie unterscheidet sich ein schwuler Fan von einem Hetero-Fan?

Erst einmal nichts. Wir sind Unterstützer der Mannschaft und freuen uns über Siege und heulen bei Niederlagen. Im Detail ist es dann schon anders: Wir gucken schon mal: Wie sieht das neue Trikot aus? Wie sieht der neue Spieler aus? Das sind auf jeden Fall Gesprächsthemen.

Wie seid Ihr im Stadion sichtbar?

Wir begrüßen uns beispielsweise mit Küsschen und tragen unsere „Queerpass“-T-Shirts. Auf dem Rücken steht: „Fußball ist alles – auch schwul“.

Wie kommt das an?

Im St.-Pauli-Stadion kommt das gut an. Da wird zwar mal gefrotzelt, aber liebevoll! Im Grunde steht da ja eine Familie: man kennt sich seit Jahren und steht bei jedem Heimspiel zusammen. Irgendwann kommt man ins Gespräch – und irgendwann hat man sich lieb.

Wie wichtig ist eine schwule Präsenz im Stadion?

Für mich persönlich sehr wichtig. Durch die Gründung des schwulen Fanclubs bin ich erst wieder zurück ins Stadion gekommen. Mich hatte es extrem genervt, dass die ganzen schwulenfeindlichen Sprüche akzeptiert zu werden schienen. Deshalb fühlte ich mich nicht mehr akzeptiert und unwohl in meiner Haut.

Ein Verein wie St. Pauli ist sehr um politische Korrektheit bemüht. Gilt das nicht auch für seine Fans Fans?

Ich spreche hier gerne vom Reservat des weißen, heterosexuellen Mannes, der im Stadion einfach mal die Sau rauslassen kann.

Fußball ist Emotion: Muss man in diesem Reservat jedes Wort auf die Goldwaage legen?

Ja! Und deshalb ist es auch wichtig, dass wir zu sehen sind. Wären wir das nicht, würde man auch diese Sprüche viel stärker hören. Vermutlich bei St. Pauli weniger, denn hier ist das Publikum stark politisch geformt und stärker gegen Diskriminierung und Rassismus eingestellt, als bei anderen Vereinen.

Wie sieht es bei denen aus?

Es gibt Vereine wie eben St. Pauli oder Mainz. Aber es gibt auch die Großen wie Bayern München, wo man nur Diskriminierungen hört, auch gegen die eigenen Spieler. Wenn Hamit Altintop dort aufläuft hört man von den eigenen Fans: „Was soll der Döner auf dem Platz?“ Das läuft permanent und kommt vor allem von den Mode-Fans – die wollen nichts anderes als Erfolg. Vielleicht, weil sie im eigenen Leben nicht so viel Erfolg haben.

Was unterscheidet Dich von einem Mode-Fan?

Gute Frage! Man wird halt irgendwann mal Fan. Ich mochte den HSV nicht, mochte aber gerne Fußball gucken – und so kam ich zu St. Pauli. Das war 1978. Ich bin aber auch Bayern-Fan. Da bin ich aber eher Mode-Fan, allerdings mit Herzblut.

Verträgt sich das – Bayern und St. Pauli?

Ja, denn die beiden Vereine sind vollkommen unterschiedlich. Es gibt ja auch zwischen den Ultras von Pauli und der „Schickeria“ von Bayern eine ganz innige Fan-Freundschaft.

Der DFB hat sich in den letzten Monaten sehr darum bemüht, das Thema Homophobie in den Stadien anzupacken. Wie bewertest Du das?

Wir stehen in engem Kontakt mit dem DFB und werden auch zu Aussprachen eingeladen. In akuten „Notfällen“, wie bei der Schiedsrichter-Affäre um Manfred Amerell, wo wirklich einmal ein Fachmann gefragt wäre, werden wir leider nicht gehört. Wenn der DFB uns hier einmal gefragt hätte, wäre er nicht in diese schlechte Lage geraten.

Kommt das Engagement des DFB von Herzen, oder ist es Kalkül?

Der DFB ist natürlich daran interessiert, das Gewaltpotenzial in den Stadien so gering wie möglich zu halten. Alles andere ist schlecht fürs Image. Deshalb unterstützt der DFB auch viele Aktionen von uns, zum Beispiel unseren Paradenauftritt beim CSD in Köln: da hat uns der DFB drei Jahre in Folge eine nicht unerhebliche Summe zur Verfügung gestellt. Das hat sehr viel mit der Person des Präsidenten zu tun. Theo Zwanziger setzt sich in vielen Bereichen gegen Diskriminierung ein und ist sehr weltoffen. Er ist der Chef, und die anderen müssen mitziehen – der DFB kommt halt aus dem Mittelalter und Theo Zwanziger hat ihn immerhin schon bis ins 19. Jahrhundert geführt ...

Was passiert bei Eurer Konferenz in Hamburg?

Es werden 18 Fanclubs aus Deutschland und der Schweiz vertreten sein. Aber an erster Stelle soll der Spaß stehen! Wir haben drei Tage angesetzt – und davon zweieinhalb Stunden interner Arbeit.

Es wird eine Podiumsdiskussion geben mit dem Titel: „Jung, homosexuell und Fußballspieler – geht das?“ Was ist Deine Antwort auf diese Frage?

Ich bin der Meinung, das geht gut. Ich habe früher selber gespielt. Aber die Umstände für einen schwulen Fußballer müssen stimmen. Ich habe aufgehört, weil es mich irgendwann genervt hat, ständig Frauengeschichten erfinden zu müssen, um in der Gruppe akzeptiert zu werden. Ich bin dann Schiedsrichter geworden. Aber das ist der Ansatz der Diskussion: einer der Teilnehmer ist beispielsweise der Chefscout von St. Pauli, mit dem ich mich lange über das Thema unterhalten habe. Er hat zu mir gesagt: „Über dieses Thema habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.“ Natürlich gibt es auch bei Profimannschaften Homosexualität. Aber wir sagen: Erst muss die Stimmung in der Kurve bei den Fans so sein, dass ein Spieler sich outen kann. So lange das noch nicht so ist, sollten sich die Spieler bedeckt halten.

Wirst Du den ersten offen schwulen Bundesligaspieler noch erleben?

Das ist eigentlich egal. Ich kann mir am ehesten vorstellen, dass sich ein Profi nach dem Ende seiner Karriere outet, weil er dann nicht mehr so stark in der Öffentlichkeit steht. Das dürfte dann kein großer Schritt mehr für ihn sein.

Dein Tipp für das erste Aufeinandertreffen von St. Pauli und HSV?

Das Ergebnis ist zweitrangig. Ich hoffe vor allem, dass es friedlich abgeht. Es kommen nur 2100 HSV-Fans ins Stadion, aber Hamburg bietet natürlich ein paar mehr auf. Ich hoffe, dass es ein gutes Spiel wird – und der Bessere gewinnt!

Bist Du dabei?

Natürlich!